Tatsächlich geben sich die übrigen Genossen – angesprochen auf Steinbrück – an diesem Abend wortkarg. "Fachlich ist er hochkompetent", sagt ein Ostfriese. Und persönlich? Schweigen. "Schon ein bisschen arrogant." Ein anderer lobt, dass der Kandidat eben gerade heraus sei und "sagt, was er denkt".

Stephan Weil, der SPD-Spitzenkandidat, musste Steinbrück schon morgens loben. Ein "ganz, ganz guter Kanzlerkandidat" sei der, sagte er da vor Berliner Journalisten. "In Niedersachsen kommt er super an."

Weil kann im Moment nichts aus der Ruhe bringen. Seine SPD steht in der jüngsten Niedersachsen-Umfrage bei 34 Prozent, damit wäre er in Kürze Ministerpräsident einer rot-grünen Regierung. Die Gehaltsaffäre habe für seine Landes-SPD keine "Bremsspuren" verursacht, sagt Weil fröhlich.

Später am Tag trifft er dann auf Steinbrück. Beide laufen durch die Siag Nordseewerke. Riesige Gerätschaften für Offshore-Windtechnik werden hier hergestellt, sie heißen Tripod und Peile. Für den Laien sehen sie aus wie überdimensionierte Rohre. Weil und Steinbrück lassen sich vor dieser atemberaubenden Kulisse abfotografieren, zusammen mit dem Betriebsrat. Denn den Nordseewerken brechen die Aufträge weg, sie stehen vor der Schließung. Auch weil die schwarz-gelbe Landesregierung sich staatlicher Hilfe verweigert, tönt es aus der SPD.

Steinbrück fühlt sich ungerecht behandelt

Eigentlich ein dankbarer Termin für Wahlkämpfer. Die Fotos der beiden SPD-Kandidaten mit grünen Schutzhelmen vor den Riesenrohren sind beeindruckend. Weil hat extra seinen roten Sozialdemokraten-Wollschal über die Lederjacke gezogen. Steinbrück bevorzugt einen gediegenen Mantel und einen schicken Schal mit edlen Ornamenten. Er scherzt mit den Fotografen, aber auch hier will er Fragen zum Kanzlergehalt nicht beantworten. "Dazu ist alles gesagt."

Doch der Besuch in den Nordseewerken ist zum Spießrutenlauf geworden. Steinbrück hastet mit Weil und dem Betriebsrat voran – hinter ihm ein Tross grünbehelmter Journalisten und Kameraleute. Der Kandidat wirkt nicht entspannt, die Vehemenz der Reaktionen auf sein Interview hat er noch nicht verdaut. Steinbrück fühlt sich ungerecht behandelt. "Die Menschen haben einen Anspruch darauf, dass Politiker das aussprechen können, was sie denken", sagt er schließlich noch. Damit sollte alles gesagt sein, findet er.