SPD-WahlkampfSteinbrück läuft den Gehaltsfragen davon

Kanzlergehalt? Peer Steinbrück möchte darüber beim SPD-Wahlkampf in Niedersachsen nicht reden. Doch ein Zwischenrufer bringt ihn aus dem Konzept. von 

Peer Steinbrück beim Wahlkampf in Emden

Peer Steinbrück beim Wahlkampf in Emden  |  © Sean Gallup/Getty Images

Nur einmal wagt Peer Steinbrück eine kurze Frotzelei. "Ich will heute gar nicht lange reden", sagt er zu den Genossen in der Emdener Nordsee-Halle. "Eventuell mache ich dann Bemerkungen, die ich wieder einfangen muss." Steinbrück grinst, das Publikum lacht auf.

Freitagabend in Ostfriesland. Die Niedersachsen-SPD hat zum Auftakt der heißen Wahlkampfphase geladen. Die schmucklose Nordsee-Halle ist gut gefüllt, über der Bühne prangt das Logo der Landes-SPD: "Anpacken, besser machen." 16 Tage sind es noch zur Landtagswahl, in die manche eine kleine Bundestagswahl hineindeuten. Schafft es Rot-Grün in Niedersachsen, wäre das ein enormer Schub für die Wahl im September. Dann gibt es vielleicht doch noch einen sozialdemokratischen Kanzler. So lautet die Lesart, nicht nur in der Partei.

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Peer Steinbrück will Regierungschef werden, findet aber das Gehalt als Kanzler zu niedrig. Diese Äußerung hat für riesigen Ärger gesorgt. So etwas sage man nicht, jedenfalls nicht, ohne im gleichen Atemzug zu betonen, dass viele Deutsche von ihren eigenen Löhnen noch nicht einmal die Miete zahlen könnten, erklärt ein SPD-Stratege in Emden. Vor allem nicht als Sozialdemokrat. In den Kommentaren der Zeitungen war bereits zu lesen, dass Steinbrück sich damit seine ohnehin geringen Chancen auf einen Wahlsieg so richtig vergeigt habe. Und das nachdem die Honorar-Affäre gerade halbwegs ausgestandenen war.

Emden ist Steinbrücks erste öffentliche Rede seit dem besagten Interview. Er hat keine Lust, sich für seine Meinung zu entschuldigen. Vor allem aber will er das Thema nicht weiter befeuern und den Niedersachsen damit am Ende noch ihren Wahlkampf versauen.

Zwischenruf aus dem Publikum

20 Minuten spricht der Kanzlerkandidat auf der Bühne. Das Rednerpult lässt Steinbrück links liegen, er steht lieber am Rand, das Mikrofon lässig in der Hand – hinter ihm steht das niedersächsische SPD-Schattenkabinett Spalier. Steinbrück hat ordentlich Landesfakten gepaukt, lobt den Spitzenkandidaten Stephan Weil. Nur mit ihm sei die politische Wende zu schaffen, bessere Bildung, kein Gesamtschul-Streit mehr, mehr Kitaplätze, eine Zukunft für die gebeutelte Offshore-Industrie – Steinbrück rattert auf der Bühne die Fakten nur so herunter.

Plötzlich ein Zwischenruf: "WO IST IHR KANZLERGEHALT?", schreit einer aus dem Publikum – so laut er kann. Steinbrück stutzt, redet weiter. Über Vertrauensverlust, an dem Punkt seiner Rede war er gerade. Er bleibt aber abstrakt. Ihm sei bewusst, dass die Menschen sich manchmal über die Politik ärgerten. Doch sei es wichtig, dass sie wählen gingen. Am besten SPD natürlich.

Hermann Kümmerlehn bekommt auch in den folgenden Minuten keine Antwort auf seine Frage. Die hat er aber auch nicht wirklich erwartet, sagt der Zwischenrufer. Er freut sich über die vielen Fernsehkameras, die plötzlich um ihn herumstehen und die vielen Journalisten, die ihm Fragen stellen: "Er wirkt auf mich wie ein Kandidat, den nur interessiert, ob die Kohle stimmt", ruft Kümmerlehn, der Frührentner ist und aus Leer in Ostfriesland kommt. Er trägt eine blaue Regenjacke und eine Art Shanty-Mütze, unter der schlohweißes Haar hervorlugt. "Ich bin extra den ganzen Weg gefahren, um Steinbrück die Meinung zu sagen", sagt der gelernte Elektriker. In der SPD sei er nicht, sondern "eher ein Grüner". Jemand müsse dem Steinbrück doch mal die Meinung geigen. Die SPD sei inzwischen so geschlossen und kritikfaul, da herrschten ja schon fast SED-Verhältnisse, sagt Kümmerlehn.

Leserkommentare
  1. Was ist los in diesem Land ? Sind Freiheit, Demokratie, Offenheit abgewandert ? Gefrustet, enttäuscht oder verdrängt von Gier, Macht, Hilflosigkeit ?

    Vor Kurzem las ich an anderer Stelle einen Leserkommentar zu Martin Schmitt und nach seiner Nomminierung für die Vierschanzentournee : "Dieser Taugenichts soll verschwinden..."

    Anmerkung : Martin Schmitt springt eine gute, zumindest ordentliche Tournee - und hat seine Nomminierung durchaus gerechtfertigt.

    "Dieser Taugenichts soll verschwinden" ist das Ergebnis einer seit Jahren praktizierten Politik, wie auch stattfindenden Presseberichterstattung.

    Es geht nicht mehr sachlich und kompetent zu ! Sondern reduziert sich auf Parolen, Schlagzeilen und Worthülsen.
    Das gilt besonders für die aktuelle Regierung (kaum steigen die Aktienwerte für Solartechnik kräftig an - wird der entgültige Verzicht von Atomstrom "gut umhüllt" verkündet) wie auch für die wenig gebrauchsfähige Argumentation von Herrn Steinbrück und der SPD.

    Es wird zeit einen Schlussstrich unter das Trauerspiel zu ziehen.
    Wir Bürgerinnen und Bürger sind bereit für Fakten und (welche Überraschung ): Wir warten sogar darauf !

    Und vielleicht hört dann das "für, gegen, mit, ohne" wieder auf.

  2. In einer freien Marktwirtschaft, wie sie ja auch Steinbrück versteht, ist das doch kein Problem. Wenn ihm das Kanzlergehalt zu niedrig, soll er sich eben einen anderen Job suchen. Wie wär's mit Sparkassendirektor... nur zum Beispiel.

  3. "Sozialdemokrat ist, wer Mitglied der SPD ist. Das ist Steinbrück seit 1969."

    Wolfgang Clement war schon lange Zeit kein Sozialdemokrat mehr, obwohl er noch das Parteibuch der SPD besaß.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ein ähnlicher Fall ist für mich Klaus von Dohnanyi. Der wird auch nicht müde, in jeder Talkshow, der er beiwohnt, "seine Kanzlerin" (O-Ton) zu loben.

    Nun muss man wissen, zumindest fand das die BILD heraus, dass die Ehepaare Dohnanyi und Merkel-Sauer jedes Jahr gemeinsam den Silvesterabend begehen. Insofern wundert das "Fremdgehen" des Sozialdemokraten nicht. Und auch nicht, dass ihn Merkel als Aufpasser in die Ethikkommision berief.

    Es ist allerdings sehr ärgerlich, wenn sich ein Sozialdemokrat für den politischen Gegner stark macht. Dann soll er doch gleich austreten oder seine Mitgliedschaft offiziell ruhen lassen.

    • lonetal
    • 05. Januar 2013 14:14 Uhr

    Sie schreiben: "Wolfgang Clement war schon lange Zeit kein Sozialdemokrat mehr, obwohl er noch das Parteibuch der SPD besaß."

    /Zitat
    Was muss ich tun, um Mitglied der SPD zu werden?

    Wer Mitglied der SPD werden möchte, füllt eine Beitrittserklärung aus (online oder offline) und sendet diese an seine zuständige örtliche Parteigeschäftsstelle.
    http://www.spd.de/partei/...
    Zitat/

    Da steht nichts davon, dass in irgendeiner Form eine Gesinnungsprüfung abzulegen wäre.: Formular ausfüllen - Beitritt erklären - und man ist Sozialdemokrat, bis man den Austritt erklärt oder ausgeschlossen wird.

    Das galt auch für Wolfgang Clement

  4. Teflon-Charakter/Teflon-Anzüge an. Wer es genauer verstehen will, sollte W.Koeppen:"Das Treibhaus" lesen.

    Antwort auf "aha - "
  5. 133. Link (@1)

    falls jemand nicht weiß, was mit dem schönen ersten Kommentar gemeint ist, der schaue hier:

    http://www.youtube.com/wa...

    Eine Leserempfehlung
    • vonDü
    • 05. Januar 2013 14:04 Uhr

    Ehrenrunde war nicht gut genug formuliert. Aus der ersten Reihe in die Etappe versetzt, trifft es vielleicht besser.

    Zur Anwesensheitspflicht gebe ich zu bedenken, dass ein gut bezahlter Angestellter des Staates, in seinem Büro produktiver für mich tätig sein kann, als in der passiven, symbolischen Rolle des Kulissenfüllers im Bundestag.

    Zu den Aufsichtsratsposten: Der Staat ist an vielen Unternehmungen beteiligt, und sollte seine Beteiligungen im Interesse der Bürger auch beaufsichtigen dürfen. Ob das immer Spitzenpolitiker sein müssen, die meist nur ihre Vertreter entsenden, kann man diskutieren.

    Erst kürzlich war hier zu lesen, dass es schädlich für ein Land ist, wenn Politiker keine Zeit mehr zum Nachdenken haben, sondern nur noch Terminpläne abarbeiten. Ein "ausgeruhter" Kandidat ist besser, als ein ausgelutschter.

    Steinbrück steht nicht außerhalb der Kritik, er muss damit (besser) umgehen. Seine "Fehler" sind nicht so gravierend, dass sie meine Entscheidung, für oder gegen einen politischen Kurs, zweier Lager entscheidend beeinflussen können. Es geht um viel mehr, als Steinbrücks Person bei der nächsten Wahl und das ist entscheidend.

    2 Leserempfehlungen
  6. Ein ähnlicher Fall ist für mich Klaus von Dohnanyi. Der wird auch nicht müde, in jeder Talkshow, der er beiwohnt, "seine Kanzlerin" (O-Ton) zu loben.

    Nun muss man wissen, zumindest fand das die BILD heraus, dass die Ehepaare Dohnanyi und Merkel-Sauer jedes Jahr gemeinsam den Silvesterabend begehen. Insofern wundert das "Fremdgehen" des Sozialdemokraten nicht. Und auch nicht, dass ihn Merkel als Aufpasser in die Ethikkommision berief.

    Es ist allerdings sehr ärgerlich, wenn sich ein Sozialdemokrat für den politischen Gegner stark macht. Dann soll er doch gleich austreten oder seine Mitgliedschaft offiziell ruhen lassen.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Gegenbeweis"
  7. "Oh shocking" da verkündet doch der Bund der Steuerzahler "Poliktergehälter aufstocken - Pensionen dafür kürzen".

    Bin gespannt wie damit umgegangen wird. Ggf. hat Herr Steinbrück doch den richtigen Ansatz gewählt ?

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte Peer Steinbrück | Stephan Weil | SPD | Betriebsrat | Bühne | Frührentner
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