Pro: Ehrlichkeit sollte belohnt werden

Der "Blödmann" habe sich als Kandidat selbst "abgekanzelt". Peer Steinbrück ist gemeint. Der, der eigentlich eine Merkel-Alternative sein wollte, bei der Bundestagswahl im Herbst. Er habe sich nun selbst erledigt. Stand so in den Zeitungen. Ist aber totaler Quatsch.

Wie es dazu kam? Vor Silvester druckte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ein Interview mit Steinbrück. Es ging um Frauen, die Medien, die Eurokrise, dies und das und den Ehemann von Angela Merkel, insgesamt 10.795 Zeichen lang. Die Aufregung bezieht sich lediglich auf zwei Antworten, die im Original so lauten:

"FAS: Gerhard Schröder wollte nach dem Ende seiner Kanzlerschaft mal richtig Geld verdienen. Hatten Sie nach dem Ende Ihrer Ministerzeit auch so ein Gefühl?
Steinbrück: Nein. Dieses Gefühl gab es nie. Im Übrigen finde ich allerdings, dass manche Debatte über die Bezahlung unserer Abgeordneten bis hin zur Spitze der Bundesregierung sehr schief ist. Nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen verdient mehr als die Kanzlerin. Abgeordnete des Bundestags arbeiten fast sieben Tage die Woche, durchschnittlich 12 bis 13 Stunden. Sie sind gemessen an ihrer Leistung nicht überbezahlt. Manche Debatte, die unsere Tugendwächter führen, ist grotesk und schadet dem politischen Engagement.
FAS: Verdient die Kanzlerin zu wenig?
Steinbrück: Ein Bundeskanzler oder eine Bundeskanzlerin verdient in Deutschland zu wenig – gemessen an der Leistung, die sie oder er erbringen muss und im Verhältnis zu anderen Tätigkeiten mit weit weniger Verantwortung und viel größerem Gehalt."

Man kann nun streiten: Verdienen Spitzenpolitiker in Relation zu Managern zu wenig Geld? Sollten nicht die verantwortungsvollsten Jobs für die kompetentesten Köpfe am lukrativsten sein? Wo endet Gerechtigkeit? Wann beginnt Neid? Diese Debatte ist wichtig. Aber darum geht es nicht. Die Frage lautet: Darf ein Kanzlerkandidat seine polarisierende Meinung dazu äußern?

Wenn ich Steinbrück wählen wollte, dann jetzt erst recht. Weil ich Echtheit, Ehrlichkeit und Steinbrücks Mut gegenüber den Journalisten schätze. Diesem Typen scheint es fast egal zu sein, was am nächsten Tag in einigen Zeitung über ihn steht.

Da wird wochenlang über seine Nebeneinkünfte berichtet, als sei er ein Raffzahn sondergleichen. Tatsächlich wurde ihm kein Fehlverhalten, aber Steuerehrlichkeit nachgewiesen. Unmittelbar nach diesem medialen Feuerlauf windet er sich nicht um die Frage zum Kanzlergehalt. Politiker mit dieser Courage gibt es nur noch wenige.

Die Aufregung um die Kanzler-Gehaltsdebatte zeigt nicht, dass Steinbrück die Wahl bereits verloren hat. Sie zeigt einmal mehr, wie schnell Journalisten Zitate aus dem Zusammenhang reißen, um eine kalkulierte Aufregung zu erzeugen.

Denn auch wenn es nach dem FAS-Interview häufig so klang: Steinbrück hat nicht gesagt, er will mehr Geld. Und obwohl viele Tugendwächter bereits urteilen: Umfragen, wie sich seine Äußerungen auf einen Wahlerfolg auswirken, gibt es noch gar nicht.

Sicher ist: Am Abschneiden Steinbrücks bei der Bundestagswahl wird sich zeigen, wie viel Beinfreiheit sich ein Politiker in der heutigen Zeit noch leisten kann – nicht nur innerhalb der SPD, vielmehr wenn es um die Meinungsäußerung an sich geht. Es könnte sich dann auch zeigen, dass den Wählern ein ehrlicher "Blödmann" lieber ist, als eine taktierende Diplomatin ohne Profil.

Von Steffen Dobbert

 Contra: Von so einem will ich nicht regiert werden

Contra: Kein wirklicher Sozialdemokrat

Von einem Mann, der so sehr ans Geldmachen denkt, will ich nicht regiert werden. Peer Steinbrück, der gut betuchte Honorar-Redner und Nebenbei-Abgeordnete, findet also das Kanzlergehalt zu niedrig. Ich erwarte wirklich andere Debattenbeiträge von einem Sozialdemokraten. Sie wären dringend nötig.

Viele Bürger gehen mit einem mulmigen Gefühl ins neue Jahr. Sie fürchten um ihren Arbeitsplatz, um die Verlängerung des befristeten Vertrages, sie haben Angst vor weiter zunehmendem Konkurrenzdruck in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, vor immer höherer Arbeitsbelastung. Sie wissen nicht, wie sie Kinder und Beruf je unter einen Hut bekommen sollen. Sie sorgen sich um die Ersparnisse in der Euro-Krise, sie haben Angst vor einer Mieterhöhung.

Der Kanzlerkandidat hat in seinem Interview selbst auf die gesellschaftlichen Probleme hingewiesen. Leider erst im hinteren Teil. Vorher musste er klagen. Darüber, dass angeblich jeder Sparkassendirektor mehr verdient als die Kanzlerin. Über die Art und Weise, wie in der freien Wirtschaft Spitzengehälter entstehen, die in keinem Verhältnis mehr zur geleisteten Arbeit stehen, wollte er hingegen nichts Schlechtes sagen.

2012 betrugen Angela Merkels Bezüge als Bundeskanzlerin 17.706,73 Euro pro Monat. Weil sie auch ein Mandat für den deutschen Bundestag hat, kam eine (verringerte) Abgeordnetendiät hinzu, außerdem Aufwandsentschädigungen. Rechnet man die Angaben des Bundespresseamtes zusammen, so hatte die Kanzlerin monatlich 25.000 Euro zur Verfügung.

Spitzenmanager dürfen kein Vorbild für Politikergehälter sein

Wer behauptet, dass man von diesem Geld nicht sehr gut und sehr sorgenfrei leben kann, dass man sich kein großes Haus und kein schönes Auto, keine Urlaube in sehr guten Hotels, und kein qualitativ hochwertiges Essen leisten kann, wer das behauptet, der hat jegliches Maß verloren. So wie die Spitzenmanager, die sich selbst abartige Gehälter zahlen. Sie dürfen kein Vorbild für Politiker sein.

Kein Mensch braucht ein Millionengehalt. Und keiner sollte in die Politik gehen, nur weil man dort richtig gut verdienen kann. Der Ansporn sollte sein, Dinge zu ändern, Missstände zu beheben. Natürlich haben Politiker für ihre harte Arbeit ein gutes Auskommen verdient. Der Vergleich mit dem Verdienst anderer Regierungschefs zeigt: Das Kanzergehalt liegt im absoluten Mittelfeld. Kein Grund, zu klagen.

Steffen Dobbert bemängelt, Steinbrück sei von den Journalisten der FAS in eine Falle gelockt worden. Ein ganzes Interview sei am Ende auf einen einzigen Satz reduziert worden. Ja, so ist es wohl passiert. Weil dieser Satz eben wie die Faust aufs Auge passt zum "Vortragsmillionär" Steinbrück, der zu viel Wert aufs Geldverdienen legt.

Der SPD-Mann hätte das wissen müssen, er ist schließlich lange  genug in der Politik und kennt die Medien. Steinbrück verhielt sich also nicht nur politisch, sondern auch strategisch dumm. Warum hat er auf die Frage der Journalisten, ob das Kanzlergehalt zu niedrig ist, nicht darauf verwiesen, dass es angesichts des Niedriglohnsektors wirklich dringendere Probleme in Deutschland gibt? Potenzielle SPD-Wähler, die die mit wirklichen Sorgen in das Jahr 2013 gehen, sie hätten es ihm gedankt.

Von Lisa Caspari