Pro und ContraIst Steinbrück noch wählbar?

Die Höhe des Kanzlergehalts sollte für einen SPD-Mann kein Thema sein, schreibt Lisa Caspari. Nein, Steinbrücks Ehrlichkeit ist zu belohnen, sagt Steffen Dobbert. von  und

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück  |  © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Pro: Ehrlichkeit sollte belohnt werden

Der "Blödmann" habe sich als Kandidat selbst "abgekanzelt". Peer Steinbrück ist gemeint. Der, der eigentlich eine Merkel-Alternative sein wollte, bei der Bundestagswahl im Herbst. Er habe sich nun selbst erledigt. Stand so in den Zeitungen. Ist aber totaler Quatsch.

Wie es dazu kam? Vor Silvester druckte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ein Interview mit Steinbrück. Es ging um Frauen, die Medien, die Eurokrise, dies und das und den Ehemann von Angela Merkel, insgesamt 10.795 Zeichen lang. Die Aufregung bezieht sich lediglich auf zwei Antworten, die im Original so lauten:

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"FAS: Gerhard Schröder wollte nach dem Ende seiner Kanzlerschaft mal richtig Geld verdienen. Hatten Sie nach dem Ende Ihrer Ministerzeit auch so ein Gefühl?
Steinbrück: Nein. Dieses Gefühl gab es nie. Im Übrigen finde ich allerdings, dass manche Debatte über die Bezahlung unserer Abgeordneten bis hin zur Spitze der Bundesregierung sehr schief ist. Nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen verdient mehr als die Kanzlerin. Abgeordnete des Bundestags arbeiten fast sieben Tage die Woche, durchschnittlich 12 bis 13 Stunden. Sie sind gemessen an ihrer Leistung nicht überbezahlt. Manche Debatte, die unsere Tugendwächter führen, ist grotesk und schadet dem politischen Engagement.
FAS: Verdient die Kanzlerin zu wenig?
Steinbrück: Ein Bundeskanzler oder eine Bundeskanzlerin verdient in Deutschland zu wenig – gemessen an der Leistung, die sie oder er erbringen muss und im Verhältnis zu anderen Tätigkeiten mit weit weniger Verantwortung und viel größerem Gehalt."

Man kann nun streiten: Verdienen Spitzenpolitiker in Relation zu Managern zu wenig Geld? Sollten nicht die verantwortungsvollsten Jobs für die kompetentesten Köpfe am lukrativsten sein? Wo endet Gerechtigkeit? Wann beginnt Neid? Diese Debatte ist wichtig. Aber darum geht es nicht. Die Frage lautet: Darf ein Kanzlerkandidat seine polarisierende Meinung dazu äußern?

Steffen Dobbert
Steffen Dobbert

Steffen Dobbert ist Redakteur bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Wenn ich Steinbrück wählen wollte, dann jetzt erst recht. Weil ich Echtheit, Ehrlichkeit und Steinbrücks Mut gegenüber den Journalisten schätze. Diesem Typen scheint es fast egal zu sein, was am nächsten Tag in einigen Zeitung über ihn steht.

Da wird wochenlang über seine Nebeneinkünfte berichtet, als sei er ein Raffzahn sondergleichen. Tatsächlich wurde ihm kein Fehlverhalten, aber Steuerehrlichkeit nachgewiesen. Unmittelbar nach diesem medialen Feuerlauf windet er sich nicht um die Frage zum Kanzlergehalt. Politiker mit dieser Courage gibt es nur noch wenige.

Die Aufregung um die Kanzler-Gehaltsdebatte zeigt nicht, dass Steinbrück die Wahl bereits verloren hat. Sie zeigt einmal mehr, wie schnell Journalisten Zitate aus dem Zusammenhang reißen, um eine kalkulierte Aufregung zu erzeugen.

Denn auch wenn es nach dem FAS-Interview häufig so klang: Steinbrück hat nicht gesagt, er will mehr Geld. Und obwohl viele Tugendwächter bereits urteilen: Umfragen, wie sich seine Äußerungen auf einen Wahlerfolg auswirken, gibt es noch gar nicht.

Sicher ist: Am Abschneiden Steinbrücks bei der Bundestagswahl wird sich zeigen, wie viel Beinfreiheit sich ein Politiker in der heutigen Zeit noch leisten kann – nicht nur innerhalb der SPD, vielmehr wenn es um die Meinungsäußerung an sich geht. Es könnte sich dann auch zeigen, dass den Wählern ein ehrlicher "Blödmann" lieber ist, als eine taktierende Diplomatin ohne Profil.

Von Steffen Dobbert

Leserkommentare
    • ascola
    • 03. Januar 2013 23:25 Uhr

    Es stimmt, das Steinbrück keineswegs behauptet hat, man könne vom Kanzlergehalt momentan schlecht leben - der Beitrag von Caspari legt aber nahe, er hätte dies geäußert. Es stimmt auch, dass Steinbrück nicht rein gelegt wurde. Das allerdings spricht eher für die Lesart Casparis in der Sache insgesamt, nicht gegen sie. Steinbrück hat selbst die Frage nach Schröders gazprom-Aktivitäten ausgeweitet, hat das Thema bereitwillig aufgegriffen, die Rückfrage zum Kanzlergehalt seitens der Interviewer war fast schon zwangsläufig und nicht eine Falle. Es ist ein Thema, das Steinbrück anscheinend umtreibt, und das macht ihn verdächtig. Und deshalb trifft dieser Beitrag Casparis abgesehen von den zwei genannten Problemen sowie dem tatsächlich sehr schwachen Einstieg umso mehr voll ins Schwarze, je länger er geht. Auch die Analyse, dass Steinbrück Messlatten an die Politik anlegen will, die schon in der Wirtschaft nicht stimmen, sowie dass er die Wirkung seiner Äußerungen offenbar überhaupt nicht einschätzen kann, trifft vollkommen zu.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Schwaches Contra"
    • ascola
    • 03. Januar 2013 23:42 Uhr

    Was Sie schreiben, unterstellt, dass alle PolitikerInnen der Meinung sind, die Steinbrück nun mutig ausgesprochen habe, womit er quasi einen Tabubruch begangen hätte, für den ihm alle anderen dankbar sein müssten. Sicherlich werden viele seiner KollegInnen tatsächlich so denken, nur klug genug sein, dies nicht öffentlich zu äußern, aber doch vielleicht nicht alle.

    Es ist schon auch was dran an Ihrer Analyse der Neiddebatte. Aber was Kritik verdient, ist doch nicht die Feststellung, dass in der Wirtschaft mehr verdient wird für nicht immer bessere Leistung - das ist ein Fakt - sondern der Anspruch, der daraus abgeleitet wird: eben auch mehr verdienen zu wollen. So jedenfalls liest sich das, was Steinbrück sagte.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "@Frau Caspari"
    • ascola
    • 04. Januar 2013 0:07 Uhr

    Das ist doch einfach nur eine Behauptung, die nicht wahrer wird vom vielen Wiederholen, dass die Spitzenkräfte in die Wirtschaft abwandern, weil sie in der Politik - oder in der Wissenschaft etc. - zu wenig verdienen. Es gibt noch etwas anderes als nur die Motivation, das höchste Gehalt einzustreichen, egal wofür. Bei all der Korruption in der Wirtschaft und den Fehlentscheidungen in den höchsten Etagen sehe ich nicht, dass sich dort die Besten versammelten. Das ist zwar auch ein Argument, das natürlich ein DEUTSCHE BANK-Chef ständig bringt, nicht um die Gehälter in der Politik zu steigern, sondern um zu verhindern, dass die Politik die seinigen beschneidet. Aber diese angeblich Besten, die in der Wirtschaft tätig sind, haben oft überhaupt keine Maßstäbe mehr bei ihrem Tun, die auch das Allgemeinwohl irgendwie in Betracht ziehen.

  1. Kompliment zurück (auch wenn ich nicht aus der von Ihnen beschriebenen Hafenstadt stamme).

    Empfehlung an Ihren Sohn: Auswandern (außer mal zum Schnuppern) ist keine Lösung. Das macht's den anderen zu leicht.

    Antwort auf "Klare Worte! Fein!"
  2. NEIN

    2 Leserempfehlungen
    • egjowe
    • 04. Januar 2013 3:11 Uhr

    alles das, was allein jeder abgeordnete und mitglied des bundestages sonst noch so an vergünstigungen in anspruch nehmen darf.
    außer seiner diät (8.252) erhält sie/er eine kostenpauschale von 4.029 steuerfrei für sich, seinen wahlkreis und den zweitwohnsitz.
    anspruch auf büro (54qm) kostenfrei.
    für mitarbeiter und büroausstattung bis zu knappen 17.000.
    monatlich wohlgemerkt!
    dazu netzkarte bahn, nutzung dienstfahrzeuge und inlandsflüge für mandatsausübung.
    wenn sie/er eine legilaturperiode durchhält ein übergangsgeld von 4 x diät (33.008)
    und pro jahr im bundestag anspruch auf altersentschädigung von heute 206.
    also nach vier jahren 824 (sozusagen rentenanspruch).
    das entspricht ungefähr der durchschnittsrente unserer bundesbürger.
    ich glaube, so mancher kleinunternehmer würde sich über diese ausstattung nicht beschweren.
    bei denen, die in der ersten und zweiten reihe sitzen, dürfte da noch einiges dazu kommen.
    unter diesen bedingungen muss man natürlich noch unbedingt nach nebentätigkeiten suchen, sonst kommt man ja gar nicht über die runden.
    unsere politiker sollen nicht ewig jammern, dass sie unterbezahlt wären.
    den wert der erbrachten leistung habe ich jetzt mal unberücksichtigt gelassen.
    wenn, wie steinbrück behauptet, jede/r abgeordnete in ausübung seines mandates an 7 tagen jeweils 12-13 stunden hart arbeitet. bleibt dafür nur noch wenig zeit.
    Fazit: er gehörte wohl eher nicht dazu.
    alles klar??

    2 Leserempfehlungen
    • egjowe
    • 04. Januar 2013 5:17 Uhr

    es sind 114 beamte im bundestag vertreten.
    immer schön auf dem teppich bleiben.
    wegen der unterbezahlung siehe weiter oben.

    und so tritt steinbrück bei seiner gegnerin in mettmann auf:
    http://www.welt.de/politi...

  3. Das Beispiel Steinbrücks und die Reaktion vieler zeigt mir nur eines. Der Wähler will beschissen werden. War schon zu Zeiten Kohls so, als er den Ostdeutschen blühende Landschaften versprach und hat sich bis heute nicht geändert. Der Wähler wählt lieber den, der ihn ein X vor ein U macht und freut sich anschließend förmlich, dass er meckern darf, weil er insgeheim weiß, dass nicht alles, was ihm versprochen wurde, sich 1:1 umsetzen lässt. Es endet immer in einem Kompromiss, was nichts mit Betrug am Wähler zu tun hat. Aber ein Kandidat, eine Partei, geht immer mit Maximalforderungen in den Wahlkampf und versucht, möglichst viel davon umzusetzen.

    Steinbrücks hat eine Diskussion angeworfen, mehr nicht. Ich finde, man darf über die Höhe des Kanzlergehalts sehr wohl diskutieren. Auch ein SPD-Kandidat darf das.

    Natürlich ist Merkel schlau, weil sie sich aus solchen Diskussionen raushält und dem Wähler möglichst wenig Angriffsfläche bietet. Aber es soll sich nachher niemand beschweren, er hätte es vor der Wahl nicht gewusst. Mir ist die Gradlinigkeit eines Steinbrücks lieber als die Wischiwaschimethode einer Angela Merkel. Wobei ich fairerweise dazusagen muss, dass ich mit Merkel nicht unzufrieden bin, auch wenn ich sie nicht gewählt habe.

    Eine Leserempfehlung

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