SPD-KanzlerkandidatSteinbrück will "Gemeinsinn und Gemeinwohl wiederbeleben"

Mehr "wir" und weniger "ich" verlangt Peer Steinbrück von den Deutschen im "Tagesspiegel"-Interview. Als Kanzler möchte er einen flächendeckenden Mindestlohn durchsetzen. von Antje Sirleschtov

Peer Steinbrück bei einer Rede vor den Jungsozialisten in Magdeburg im November 2012

Peer Steinbrück bei einer Rede vor den Jungsozialisten in Magdeburg im November 2012  |  ©Jens Wolf/dpa

Frage: Herr Steinbrück, erklären Sie bitte, was in Ihren Augen ein Tugendwächter ist?

Peer Steinbrück: Das ist jemand mit einem sehr rigiden Moralmaßstab, an dem er andere misst, sich selbst aber nicht immer dran hält.

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Frage: Sie sprechen im Zusammenhang mit Politikergehältern von Tugendwächtern, die eine groteske und für das politische Engagement schädliche Debatte führen. Wo sehen Sie diese Debatte?

Peer Steinbrück: Mir geht es darum, dass viele gute Leute, die wir in der Politik gut gebrauchen könnten, unter anderem deswegen nicht kommen, weil sie woanders besser verdienen und sich nicht jeder Debatte um Diätenerhöhungen aussetzen wollen.

Frage: Fühlen Sie sich ungerecht behandelt?

Peer Steinbrück: Nein. Ich werde von den Medien und der Öffentlichkeit ganz neu betrachtet, seit ich Kanzlerkandidat bin. Das ist in Ordnung, aber manche Kritik moniert etwas, was ich so gar nicht gesagt habe.

Frage: Sie meinen Ihre Bewertung des Einkommens deutscher Kanzler und Kanzlerinnen?

Peer Steinbrück: Ja. Denn ich habe mitnichten gefordert, das Kanzlergehalt zu erhöhen, wie es zu lesen und hören war. Ich habe lediglich in einem Interview, wie zuvor schon viele Male und andere auch, die Meinung vertreten, dass Kanzler im Vergleich zu Führungspersonen in der Wirtschaft eher gering bezahlt sind.

Frage: Kanzler verdienen in Deutschland 16.000 Euro im Monat. Ist das wirklich zu wenig, Herr Steinbrück?

Peer Steinbrück: Natürlich kann man davon gut leben. Keine Frage – und aus der Perspektive einer alleinerziehenden Frau mit 1.000 Euro monatlich erst recht. Gerhard Schröder hat Recht: Wem die Entlohnung nicht reicht, der sollte sich nicht bewerben. Und das ist auch selbstverständlich Grundlage meiner Kandidatur. Ich habe nur auf vergleichbare Positionen in unserer Gesellschaft und die große Verantwortung hingewiesen. Diese Wahrheit werde ich nicht verschweigen, auch nicht als Kanzlerkandidat.

Frage: Es könnte so verstanden werden, als wollten Sie den Job nur machen, wenn mehr Geld dafür bezahlt wird.

Peer Steinbrück: Das ist wirklich Unfug. Dass es jetzt heißt, ich sollte solche Sätze nicht sagen, weil ich Kanzlerkandidat bin, darüber sollten andere nachdenken. Ich sage, was ich denke, und ich tue, was ich sage. Das ist mein Gegenentwurf zu Politikern, die oft nur so reden, wie es opportun ist.

Frage: Herr Steinbrück, die Beliebtheit der Bundeskanzlerin Angela Merkel haben Sie in diesen Tagen mit einem Frauenbonus begründet. Wie meinen Sie das?

Peer Steinbrück: Die Sozialforscher sagen uns, dass Frau Merkel vor allem bei Frauen erkennbar großen Respekt und Ansehen dafür genießt, dass sie sich als Frau in einer noch immer von Männern dominierten politischen Welt durchgesetzt hat.

Frage: Ist das eine Frage des Geschlechts oder der Leistung als Politikerin?

Peer Steinbrück: In erster Linie ist es eine Leistung, die Frau Merkel erbracht hat. Dass ihr dies als Frau in einer Welt gelungen ist, in der Männer nach wie vor in der Mehrzahl sind, wird vor allem von vielen Frauen besonders anerkannt. Das meine ich damit. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Frage: Ist es für Sie als Mann schwieriger, gegen eine Frau in den Wahlkampf zu ziehen?

Peer Steinbrück: Nein. Wobei ich hinzufügen möchte, dass mir ein randalierender Wahlkampf nicht in den Sinn kommt.

Leserkommentare
  1. Leere Worthülsen. Klingt unglaubwürdig.

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    • S0T86
    • 06. Januar 2013 13:36 Uhr

    Vielleicht geben Sie ihm mal eine humane Chance, bevor Sie ihn verurteilen? Die soziale Kälte, die ihm angedichtet wird, lässt sich eher im Umgang mit Steinbrück erkennen.

    Er selbst hatte noch keine Chance sich als Kanzler zu beweisen. Sein Programm ist zumindest auf soziale Gerechtigkeit ausgerichtet. Und solange er nicht die Chance bekommt, es umzusetzen, sollte man ihm auch nichts anderes in die Schuhe schieben. Das gehört sich nicht.

    Sind es nicht "wir", die Rettungsschirme für Banken bezahlen und mit Hungerlöhnen dafür abgespeist werden (müssen)?

    Sind es nicht "wir", die dann Staaten retten müssen sollen, die in Schieflage gekommen sind, weil sie wiederum Banken gerettet haben?

    Sind es nicht "wir", die Millionengehälter von Vorständen Erarbeiten?

    Sind es nicht "wir", die gewählten Volksvertretern ermöglichen, im Nebenjob zum Millionär zu werden?

    Auf noch mehr von solchem "wir", kann ich gerne verzichten H. Steinbrück!!!

  2. 2. Fragen

    Frage: Werden Sie Herr Steinbrück als Bundeskanzler die Menschenrechtsverletung beim Thema Leiharbeit und Hartz 4 beenden ?

    Artikel 23 der Menschenrechte:

    Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit.
    Jeder, ohne Unterschied, hat das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit.
    Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen.
    Jeder hat das Recht, zum Schutz seiner Interessen Gewerkschaften zu bilden und solchen beizutreten.

    Frage: Bekennen Sie sich öffentlich zum Grundsatzprogramm der SPD Herr Steinbrück ?

    „Unsere Geschichte ist geprägt von der Idee des demokratischen Sozialismus, einer Gesellschaft der Freien und Gleichen, in der unsere Grundwerte verwirklicht sind. Sie verlangt eine Ordnung von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, in der die bürgerlichen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Grundrechte für alle Menschen garantiert sind, alle Menschen ein Leben ohne Ausbeutung, Unterdrückung und Gewalt, also in sozialer und menschlicher Sicherheit führen können. Das Ende des Staatssozialismus sowjetischer Prägung hat die Idee des demokratischen Sozialismus nicht widerlegt, sondern die Orientierung der Sozialdemokratie an Grundwerten eindrucksvoll bestätigt.

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    • Solanum
    • 06. Januar 2013 12:52 Uhr

    kann man nur sagen: Zum Glück kommen die nicht, die deshalb nicht kommen, weil sie woanders mehr Geld verdienen.

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    Wer bleibt, wenn nicht die kommen, die deshalb nicht kommen, weil sie woanders mehr verdienen, sieht man jeden Tag auf's Neue: solche, die nie einen richtigen Beruf ausgeübt haben und solche, die schon vorher verbeamtet waren und beim Thema freie Wirtschaft ebenfalls nicht mitreden können.

    Insofern hoffe ich, dass sich das Amt als Politiker in Zukunft gerade auch für diejenigen öffnet, die jahre- oder jahrzehntelang erfolgreich Unternehmen geführt haben (wünschenswerterweise Familienunternehmen), die mitbekommen haben, was in Sachen Wirtschaftspolitik getan werden muss.

    Ob dafür letztendlich die Bezüge erhöht werden müssen, ist sicherlich fraglich. Aber es darf m.E. kein Tabu sein. Einerseits muss es genug Politiker geben, die ihre Erfahrung mitbringen und das Ganze aus Überzeugung und nicht aus Geldgier machen. Andererseits hat die Attraktivität des Amtes auch mit der Vergütung zu tun - zumal Politiker in hohen Ämtern oft ziemlich krasse Arbeitszeiten haben.

  3. ...war Genosse Steinbrück bereits als Finanz- oder besser Fiaskominister, als er die Krise nicht kommen sah. Unfähig ist er bereits als KanzlerKANDIDAT, von Kanzler mal ganz zu schweigen. Zu unserer heutigen Politikerkaste gab es mal einen wunderhübschen Kommentar in der ZEIT, dem nichts hinzuzufügen ist. Der Leser findet diesen Kommentar HIER

    4 Leserempfehlungen
  4. Solange sich Steinbrück im Besonderen und die SPD im Ganzen nicht von ihrer Agenda-Politik distanzieren, kann man das Ganze wohl getrost als Wahlkampf-Geplapper einordnen.

    Die SPD kommt mir vor wie ein notorisch untreuer Ehemann, der seiner Ehefrau hoch und heilig verspricht diesmal aber wirklich, wirklich treu zu sein. Wer mir - wie meine ehemalige Partei, die ich bis 2005 immer gewählt hatte - derart mit Anlauf reingrätscht und mir meine Arbeitnehmerrechte durch Hartz-IV marginalisiert, der kann reden was er will. Mal sehen, was die SPD in der großen Koalition TUN wird. Wollen wir wetten, dass von dem ganzen schönen Wahlkampfgetöse wieder mal nichts umgesetzt wird?

    "Es gibt keine größere Infamie als das Lügen. Lügen heißt beleidigen, denn der Lügner hält sein Opfer für noch dümmer als er selbst ist" Dagobert Lubinski

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    Wahlkampfgeschwätz eben - in der Hoffnung, daß der vergeßliche Wähler sich nicht mehr an die früheren Taten der SPD erinnert und sich mal wieder aufs Glatteis führen läßt.

    • Chilly
    • 06. Januar 2013 18:22 Uhr

    oder die LINKEN oder die PIRATEN? Damit zementieren Sie das System Merkel, dass - wir konnten es die letzten 31/2-Jahre studieren - nun alles tut, um dem Produktionsfaktor Kapital gefällig und dem Produktionsfaktor "Arbeit" möglichst bedrängend zu sein. Ich kann grundsätzlich den verärgerten Blick auf die Agendapolitik gut verstehen und teilweise nachvollziehen. ABER: Der Aufstieg des "Kranken Mannes in Europa" zur wirtschaftlichen Lokomotive hätte es ohne diese Politik nicht gegeben. Die - zumindest relative - Stärke des deutschen Arbeitsmarktes (jedenfalls im Vergleich zu den allermeisten anderen Staaten in Europa) hätte es ohne die Reformpolitik nicht gegeben. Das kann und soll nicht alles entschuldigen, aber man sollte es der Fairness halber nicht völlig unter den Tisch fallen lassen.

    Die Schlussfolgerung, dass man, weil die SPD damals - zum Teil noch gedrängt um damals unionsbeherrschten Bundesrat teilweise über das Ziel hinausgeschossen ist (z.B. bei der Leiharbeit) - dieser Partei
    1. jegliche Lernfähigkeit abspricht und
    2. sie einfürallemal und immer für unwählbar erklärt,

    sorgt einzig und allein dafür, dass die völlig dem Kapital zugewandten sog. bürgerlichen Parteien sich die Hände reiben und die arbeitende Bevölkerung und v.a. Transferleistungsbezieher weiter drangsalieren kann und die Spaltung der Gesellschaft vertiefen werden. Ja, SPD-Bashing macht Merkel zur Kanzlerin. Man kann das gut finden, sollte sich dann aber nicht "sozial nennen".

    CHILLY

    • Palm86
    • 06. Januar 2013 12:56 Uhr

    man sollte dem Mann eine Chance geben. Seine Versprechen klingen nicht unrealistisch und seine Äußerungen sind längst nicht so daneben gewesen, wie man ihm unterstellt. Mir scheint, durch seinen schneidigen Ton, die herabhängenden Mundwinkel, die Honorare und seine Wirtschaftsexpertise verbinden ihn viele im Kopf mit "fieser reicher Chef" und wollen ihn absichtlich missverstehen.

    Alle Punkte die er anspricht, sind doch letztendlich genau die Dinge die alle wollen, außer einige wenige Besserverdiener oder Unverbesserliche.

    Deutschland ist trotz Krise ein reiches und zukunftsträchtiges Land, wir hätten allen Grund zur Freude. Wo man hinsieht gibt es viele fähige und einsatzbereite Menschen, denen es mitnichten nur um persönliche Bereicherung geht.

    Es ist eine Schande, dass das Land innerlich dennoch so auseinanderdriftet und die Stimmung eher schlechter als besser wird und wir uns gegenseitig schlecht machen.

    9 Leserempfehlungen
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    Michael Jackson hatte mal diesen Hit "Men in the Mirror".

    Wenn man etwas verlangt, sollte man erstmal in den Spiegel schauen und mit dem Mann im Spiegel anfangen.
    Peer ist kein "wir" sonder ein "ich" - Typ.

    Klar sind seine Versprechen nicht unrealistisch, deshalb würde er sie trotzdem nicht einlösen, genauso wenig wie die FDP mit Ihrem "Ihre Arbeit muß sich wieder lohnen!"

    Steinbrück müsste für den Anfang erstmal den Nebenjob Politiker zur Hauptbeschäftigung machen, bei 89 Vorträgen (müssen ja auch erstmal vorbereitet werden) im Jahr und nachgewiesenem Fehlen in diversen Plenasitzungen ist er eindfach mal das was er ist, unglaubwürdig und egoistisch.

  5. Es geht doch: Sachliche, informative Wiedergabe eines Interviews mit klaren Ansagen des Kanditaten. Wer Lust hat, die Aussagen zu sezieren und sich das Negative rauszupicken, der wird dies sicherlich schaffen und irgend etwas finden. Ich für meinen Teil nehme mit: Mindestlohn 8,50 Euro finde ich gut und richtig, auch wenn ich dann beim Friseur etwas mehr bezahlen muss. Höhere Besteuerung auf Kapialeinkünfte finde ich schlecht, weil ich hier bei 1,2 % Rendite und 2,0 % Inflation faktisch keine Einnahmen habe. Ich finde es abwegig, auch noch Verluste versteuern zu müssen. Da sind die derzeitigen 25 % schon zuviel. Wer nett, wenn Mutti auch mal so klare Positionen bezieht.

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    Die werden doch gegengerechnet, nhur nicht mehr so großzügig wie vorher.

    ich hab das anders gemeint: Bei 1,2% Rendite und 2,0% Inflation habe ich faktisch 0,8% Verlust aus Kapitalanlage. Diese 0,8% kann ich aber nirgendwo gegenrechnen, sondern ich muss im Gegenteil die 1,2% versteuern, aktuell mit 25% + Soli.

    hat klare Positionen, von denen ich viele nicht teile.

    Die persönliche Beleidigung hat schon bei Helmut Kohl nicht funktioniert. Sie beschreibt eher die persönlichen Defizite des politischen Gegners!

    Die klaren Positionen der SPD sind auch eindeutig! Hartz IV, Krieg in Afghanistan, Bankenrettung auf Kosten der Steuerzahler, Deregulierung der Finanzmärkte etc. pp.

    Es war klar, dass die Menschen bei 4 Millionen Arbeitslosen gefordert und gefördert werden konnten wie sie wollten, einen ordentlchen Arbeitsplatz bekamen sie dadurch nicht!

    Das war genauso despektierlich diesen Menschen gegenüber, wie sie sich heute gegenübe der Kanzlerin äußern.

    Höhere Besteuerung auf Kapitaleinkünfte lehnen sie ab?

    Ohne Arbeit reich werden? Da liegen sie voll auf Steinbrücks Linie und dem Mainstream innerhalb der SPD.

    Mal sehen wie viele Niedersachsen das wollen!

    so'n Quatsch. "Mutti" ist freundlich, fast schon bewundernd gemeint. Diesen Spitznamen hat sie in ihrem Umfeld weg und ich finde, der passt ganz gut, also hab ich ihn übernommen. Nix mit Beleidigung. Übrigens arbeite ich viel und hart. Ich bin sparsam und hab mir etwas Geld zurückgelegt. Daraus beziehe ich faktisch keine Erträge und verstehe daher nicht, wieso ich darauf Steuern zahlen soll, geschweige denn mehr als jetzt. So schwer ist das doch nun auch nicht zu verstehen. Wen ich wähle, weiß ich übrigens noch nicht, aber eher Merkel als Steinbrück.

  6. wie hier mit der Frage fälschlich unterstellt wird.

    Wenn sie gleichzeitig Mitglied des Bundestags sind, was die Regel ist, erhalten sie für ihre gleichzeitige gesetzgebende Arbeit die Hälfte der Bundestagsdiät.

    Das Gehalt beträgt also monatlich rund 20.000 Euro ohne Dienstaufwandsentschädigung.

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