Vorzeitiger RuhestandRente mit freiwilligen Abstrichen

Immer mehr Deutsche hören vorzeitig mit dem Arbeiten auf. Die Opposition erklärt das mit den unzumutbaren Arbeitsbelastungen. Aber es gibt mehr Gründe für diesen Trend. von Rainer Woratschka

Es sind Zahlen, die aufhorchen lassen: Nie zuvor gab es in Deutschland so wenige Rentner, die beim Eintritt in den Ruhestand die vorgegebene Regelaltersgrenze erreicht hatten. Und niemals vorher mussten so viele Frührentner Einbußen bei ihren Altersbezügen hinnehmen. Beides ergibt sich aus den Zahlenreihen der Deutschen Rentenversicherung.

Die Zahl der Regelaltersrentner sank zwischen 2000 und 2011 von 9,45 auf nur noch knappe 8,4 Millionen – trotz eines Höchststandes von 15,43 Millionen Rentenempfängern. Und der Anteil der Neurentner, die nicht ihr volles Ruhegeld ausgezahlt bekamen, stieg im gleichen Zeitraum von 14,5 auf 48,2 Prozent. Fast 337.000 der knapp 700.000 Neurentner bekamen ihre Bezüge geschmälert, da sie nicht bis 65 gearbeitet hatten. In 23 von 39 Berufsgruppen lag die Quote der Frührentner mit Abschlägen sogar bei 60 Prozent und mehr. Bei Beschäftigten der Chemiebranche waren es 71,4 Prozent.

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Für Gewerkschaften, SPD und Linke ist das willkommene Wahlkampfmunition. Die Daten seien ein "deutlicher Beleg, dass die Arbeitsbelastungen viel zu hoch sind und die Rente mit 67 unerreichbar ist", erklärte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. "Gerade Arbeitnehmer mit niedrigem Einkommen schaffen es oft nicht, auch nur bis 65 durchzuhalten", sagte SPD-Chef Sigmar Gabriel. Und Matthias Birkwald (Linke) erklärte die Rente mit 67 zum Garanten für immer schmalere Renten und immer mehr Altersarmut.

Der Durchschnittsrentner ist 63,5 Jahre alt

Allerdings gibt es auch einen Trend, der dieser Entwicklung komplett zu widersprechen scheint: Das Zugangsalter nimmt bei den Altersrenten beständig zu. Lag es im Jahr 2000 noch bei 62,3 Jahren, so war der Durchschnittsrentner 2011 bereits 63,5 Jahre alt. Die "Alterung" männlicher Neurentner liegt bei 1,6 Jahren (63,8), die von Erstrentnerinnen beträgt 0,9 Jahre (63,2). Und selbst wenn man die Erwerbsminderungsrentner mitberücksichtigt, ist noch ein leichter Altersanstieg zu beobachten. Er erhöhte sich im Gesamtschnitt von 60,2 auf 60,8 Jahre.

Fakt ist also: Es gehen mehr Menschen vorzeitig in den Ruhestand, sie tun dies jedoch später als früher. In Teilen lässt sich die gestiegene Zahl von Rentnern mit Abschlägen sicher auch auf das Auslaufen bisheriger Vorruhestandsregelungen zurückführen. Aber davon, dass Erwerbstätige von knallharten Unternehmern oder durch die steigende Belastung immer früher aus ihren Jobs gedrängt werden, kann keine Rede sein.

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) bestätigt diese Sichtweise: Die Arbeitgeber versuchten ihre Beschäftigten länger zu halten. Eine Grenze allerdings scheint bei 64 Jahren zu liegen. Nach aktuellen BA-Statistiken ist die Erwerbstätigenquote der 60- bis 64-Jährigen mit 29,3 Prozent deutlich gestiegen. Bei den über 64-Jährigen indessen sank der Anteil derer, die noch einen Job hatten, weiter – auf nur noch 14,2 Prozent im Juni 2012.

Gestiegene Zahl von Rentnern mit Minijobs

Das Problem bei alledem: Keiner weiß wirklich, wie viele ihren Job freiwillig vor der Zeit beenden und wie viele es erzwungenermaßen tun. Scheinbar, so kommentierte Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) die Zahlen, könne es sich ein großer Teil der Beschäftigten leisten, frühzeitig in Rente zu gehen – "etwa wenn der Partner die volle Rente hat und das gesamte Haushaltseinkommen reicht". Genauso richtig kann es sein, dass sich viele die Abschläge (im Schnitt derzeit 109 Euro im Monat) nicht leisten können, aber einfach im Job nicht länger durchhalten.

Dazu passen würde die deutlich gestiegene Zahl von Rentnern mit Minijobs. 762.000 Menschen über 65 waren 2011 geringfügig beschäftigt – 58,6 Prozent mehr als noch im Jahr 2000. Im Streit um die Rente mit 67 können sich beide Seiten aus den gleichen Statistiken bedienen.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. Gründe? - Die verlangte Mobilität, Hetze, 24-Stunden-Erreichbarkeit = Allzeit bereit hinterläßt seine Spuren, vor allem in der Frage nach dem eigenen Leben, der Zeit für die eigene Familie, die Interessen außerhalb des Berufs. - Männer können offensichtlich früher in Rente gehen als Frauen, weil für die Männer die höhere Rente reicht und Frauen trotz gleicher Arbeit weniger Lohn erhielten. - Wenn ich für vier Jahre Rente erhalte (63 - 67) und den Betrag gegenrechne, weiß ich, ab wann der Abschlag wirklich greift. Weiß ich denn, ob ich auch 67 Jahre alt werde? Wie wird dann meine Gesundheit aussehen? Kann ich dann überhaupt noch unterwegs sein bei zunehmenden Problemen mit Hüften und Knien, Arthrose, Arthritis usw.? - Soll ich immer noch auf das Leben in der Zukunft warten? - Alle diese Gründe scheinen unerheblich zu sein; gibt es nur noch Gründe, die sich auch mit Geld gegenrechnen lassen? -

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    Wenn ich da schon wieder lese, daß Frau vdL meint, daß diejenigen, die früher in Rente gehen, sich auf zwei Renten stützen können, kann ich mir doch schon wieder ausrechnen, was dann als nächstes kommt: Die Doppelrenten um einen "verträglichen" Betrag kürzen!!! Wenn unsere Politiker in allem so kreativ wären, wie in Sachen Geld vom kleinen Mann, wir wären unschlagbar glücklich, weil wir Geld ohne Ende zur Verfügung hätten!!!

  2. Wenn ich da schon wieder lese, daß Frau vdL meint, daß diejenigen, die früher in Rente gehen, sich auf zwei Renten stützen können, kann ich mir doch schon wieder ausrechnen, was dann als nächstes kommt: Die Doppelrenten um einen "verträglichen" Betrag kürzen!!! Wenn unsere Politiker in allem so kreativ wären, wie in Sachen Geld vom kleinen Mann, wir wären unschlagbar glücklich, weil wir Geld ohne Ende zur Verfügung hätten!!!

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    Nachkriegszeit; schwer erarbeitete eigene Rente der Ehefrau wurde gekürzt, da der Ehemann ja eine Rente erhielt, genauso schwer erarbeitet. -

  3. >>... davon, dass Erwerbstätige von knallharten Unternehmern oder durch die steigende Belastung immer früher aus ihren Jobs gedrängt werden, kann keine Rede sein.<<

    Vielleicht nicht direkt, denn die Entlassung bzw. Nicht-Wieder-Einstellung erfolgt meist schon vorher, so dass auf jeden Fall davon die Rede sein muss, dass Arbeitslose aufgrund der knallharten ökonomischen Logik der Hartz IV Gesetzgebung zwangsweise in Frührente geschickt werden:

    "... nach dem Willen des Gesetzgebers ist grundsätzlich auch eine geminderte Altersrente eine den Leistungen zur Grundsicherung vorrangige Leistung. "Das bedeutet, dass diese zu beanspruchen ist, wenn die Voraussetzungen vorliegen", informierte die Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen der Bundesagentur für Arbeit." (Quelle: http://www.volksstimme.de...)

    Eine Leserempfehlung
    • Troll05
    • 01. Februar 2013 14:44 Uhr

    " Scheinbar, so kommentierte Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) die Zahlen, könne es sich ein großer Teil der Beschäftigten leisten, frühzeitig in Rente zu gehen"

    Bei ihresgleichen Politikern "löst man das Problem" einfach, indem man trotz frühem Ruhestand das volle Ruhegehalt auf Kosten der Steuerzahler gewährt - siehe Jungrentner Wulff.

    Da kann man aufkommende Aggressionen schon verstehen.

    4 Leserempfehlungen
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    darf - ohne Frage. Auch CW hält Vorträge, nicht schlecht bezahlt; seine Themen kenne nicht. -

  4. Liebe Redaktion,
    bei dem Bild, dass sie zu einem Thema verwenden, das die "sogenannten" Jungen-Alten betrifft, verwenden Sie eines dass sich eher auf das höhere Alter bezieht.

    Warum so unpassend?

    Bei dem Bild denke ich eher an Pflege & Pflegegeld - als an das "Problem" des "zu frühen" Ruhestands mit Pensionsabschlägen....

    Ich finde diese Bildwahl daher - entweder unpassend - oder sie nähern sich damit etwas einem gewissen "reißerischen" Stil anderer Medien an, die immer nur Bilder verwenden, die möglichst "drastisch" wirken sollen. Das finde ich ihrem eigenen hochqualitativen Medium entsprechen - unpassend.

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    Redaktion

    Sie haben Recht, die Bildauswahl war nicht so richtig geglückt. Danke für den Hinweis! Wir haben das Bild inzwischen ausgetauscht.

    Beste Grüße aus Berlin
    M. Schlieben

  5. darf - ohne Frage. Auch CW hält Vorträge, nicht schlecht bezahlt; seine Themen kenne nicht. -

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  6. Premisse: ich bin fast 70 Jahren alt, seit fast 50 Jahren habe ich eine 60 Stunden Woche, habe zeitweilig zwei Jobs gleichzeitig gehabt, habe gependelt über 1000 Km. Ich klage weder wegen Stress noch Überlastung.
    Vergessen sollte man nicht, dass in Deutschland 3 Millionen Arbeitlosen und mehr als 30 Mio Beschäftigten gibt. Beachte die Sprachdifferenzierung: wie viele der Beschäftigten arbeiten wirklich? Wenn sie die Frage für nicht angemessen halten, denken an ihre Erfahrung als Kunde in Läden, bei Kontakten mit Firmen und Behörden und sie werden sehen, dass es doch angemessen ist.
    Und jetzt noch mal in sich gehen und das Thema Stress und Überlastung neu bewerten.

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    aber entweder sind sie die totale Ausnahme oder ein Märchenerzähler.

    Wie auch immer, Extrembeispiele helfen in keiner Diskussion zur Sache. Im Gegenteil, sie verfälschen nur die Wahrheit.

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  • Schlagworte Rente | CDU | Die Linke | Ruhestand | SPD | Sigmar Gabriel
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