NiedersachsenDas große Zittern der kleinen Parteien

Für Piraten und Linke ist die Wahl in Niedersachsen existenziell. Die Linke setzt auf den Promi-Faktor von Sahra Wagenknecht, die Piraten verspielen Chancen. von 

Sahra Wagenknecht

Sahra Wagenknecht  |  © Patrik Stollarz/AFP/Getty Images

Die letzte Hoffnung der Linkspartei in Niedersachsen ruht auf einem Promi-Import aus Berlin. Eilig steigt steigt Sahra Wagenknecht an diesem Abend auf die Bühne des kleinen Veranstaltungssaals Faust in Hannover. "Es tut mir leid, ich bin gerade erst aus Salzgitter angekommen, deshalb habe ich die bisherigen Reden gar nicht mitbekommen", sagt sie: "Aber in diesem Land wird ja so viel gelogen, dass es auch nicht schadet, ein paar Wahrheiten mehrmals zu sagen!" Gejohle im Publikum.

Wagenknecht ist viel beschäftigt in diesen Tagen. Die stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion tourt durch Niedersachsen, um die Linken vor der Landtagswahl an diesem Sonntag noch über die Fünf-Prozent-Hürde zu hieven. Ihr Gesicht prangt neuerdings landesweit auf den Wahlplakaten der Partei. Wenn es zu Verhandlungen über eine Regierungsbeteiligung kommen sollte, wird sie diese führen.

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Dass die sehr gute Rednerin und kommunistische Großdenkerin Wagenknecht, die eigentlich aus dem Landesverband Nordrhein-Westfalen stammt und im Saarland lebt, sich hier engagiert, zeigt, wie wichtig diese Wahl für die Bundespartei ist. Auch für eine andere kleinere Partei wird es am Sonntag sehr eng werden. Die Piraten liegen ebenfalls seit Monaten in Umfragen bei fünf Prozent oder weniger.

Die Linke droht wieder zur Ost-Partei zu werden

Für beide Gruppierungen wäre ein Scheitern fatal. Die Linke droht ihre schon sicher geglaubte Machtbasis in Westdeutschland zu verlieren. In Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein flog sie 2012 aus den Landtagen. Sollte ihr in Niedersachsen am Sonntag das gleiche passieren, säße sie dann nur noch in vier von elf westdeutschen Parlamenten: in Bremen, in Hamburg, im Saarland und in Hessen. Die Stadtstaaten sind Sonderfälle, weil hier mehr sozial Schlechtergestellte wohnen als in den Flächenländern und damit auch mehr Linke-Wähler. Und im Saarland sammelt der Ober-Linke und Exministerpräsident Oskar Lafontaine die Stimmen quasi im Alleingang ein. Sollte Niedersachsen verloren gehen, dürfte die Linke gefährlich in Richtung ihres einstigen Ost-Parteistatus zurückschrumpfen.

Bei den Piraten ist es genau andersherum: Ihr Aufwärtstrend könnte am Sonntag jäh enden. Bei jeder der vergangenen vier Landtagswahlen sind sie furios ins Parlament eingezogen, mit Ergebnissen zwischen 7,4 und 8,9 Prozent. Sie haben sich an das Siegen gewöhnt, nun droht die erste Niederlage. Für die junge Partei, die sich auch in erfolgreichen Zeiten schon leidenschaftlich streiten kann, ist dies eine echte Gefahr.

Denn bisher hat ihnen ein großes Versprechen gereicht, um die Landtage zu erobern: Sie wollten Politik menschlicher gestalten, basisdemokratischer. Doch damit ist es jetzt vorbei. Auch weil ständige Streitereien, Rücktritte und kleinere Skandälchen die einstige Vision fraglich machen. In Niedersachsen könnte es erstmals so sein, dass potenzielle Anhänger sich abwenden.

Der Piraten-Kandidat macht nichts aus seinen Vorteilen

Als Bundesvorstandsmitglied Julia Schramm im September mit ihrer Buchveröffentlichung für viel Wirbel sorgte, war es deshalb nicht zufällig der niedersächsische Landesverband, der sie in einem offenen Brief zum Rücktritt aufforderte. Auch bundesweit sind die Piraten in den Umfragen von zwischenzeitlich zehn auf drei Prozent abgesackt. Wenn sie in Niedersachsen verlieren, droht ihnen ein negativer Trend vor der Bundestagswahl im Herbst.

Deshalb kommt es jetzt zum ersten Mal wirklich auf Personen, auf die Wahlkämpfer an. Vor allem auf Meinhart Ramaswamy. Ein Vormittag im Januar, der Spitzenkandidat der niedersächsischen Piraten – dunkler Vollbart, schwarze Baskenmütze, oranger Pulli, Jeans – sitzt in der Aula einer Waldorfschule am Stadtrand von Hannover. Sieben Jahre hat er hier gearbeitet, heute soll er auf dem Podium über Bildungspolitik reden. Viel mehr Heimspiel geht eigentlich nicht im Wahlkampf. Doch Ramaswamy macht fast nichts aus seinem Startvorteil. Seine Sätze werden zu Bandwürmern, er redet viel zu abstrakt für das Schülerpublikum. Das Bildungssystem sei ungerecht und dürfe nicht ausschließlich auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet sein, sagt er. Nichts, was die anderen Oppositionsparteien nicht auch sagen.

Nach einer Stunde hatte Ramaswamy drei Mal das Wort. Wie seine Partei das Internet für mehr Demokratie nutzen will, wie sie für moderne, digitale Beteiligungsformen kämpft und wie offen sie ist für alternative Lebensmodelle, all das hat er den Waldorfschülern nicht näher gebracht.

Leserkommentare
  1. Auch die Partei Die Freiheit steht in den Startlöchern in NDS. Eine Partei die ich aktuell nahezu vorbehaltslos wählen kann.

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    • fauler
    • 18. Januar 2013 21:41 Uhr

    War das ironisch gemeint oder ist das ihr Ernst? Welcher vernünftige Mensch würde die "Die Freiheit" wählen, die allein dadurch auffällt, dass sie plump gegen Migranten aus dem Nahen Osten hetzt und den Islam zum Hort allen Übels erklärt. Dabei haben die immer wieder aufgeführten "Fakten" keinen Wahrheitswert. Es ist einfach Hetze gegen das Fremde, wie sie schon immer praktiziert wurde und 12 Jahre lang zu einem totalitären Staat geführt hat.

    Ich hab gedacht die Rechtspopulisten tummeln sich im Kommentarbereich in Welt Online. Seitdem es kostenpflichtig wird nach einer bestimmten Anzahl von Artikeln, scheinen sich die "Islamkritiker" hier in ZO einzunisten, von dem ich aber abraten würde, weil hier anständig moderiert wird.

  2. an den nächsten bundestags wahlen werde ich auch NPD wählen, nur um den ausdruck in den gesichtern meiner ach so "linken" kollegen zu sehen... die von den grünen und der links partei nur so schwärmen und die jaaa so sozial sind :-)

    ungültig oder nicht zu wählen wird medial auch kaum erwähnt. wenn hingegen die NPD die 5% packen würde, dann wäre mal wieder für ein halbes jahr zündstoff bei allen grossen deutschen zeitungen gesorgt (stichwörter: nazi-keule, demokratiefeindlichkeit, XX% aller deutschen sind antisemiten, die rechten sind in der mitte unserer gesellschaft angekommen, der braune osten, spitzel im verfassungsschutz, NSU)!

    dabei ist der inhalt der NPD eigentlich total schnuppe, da wird wohl genau so betrug am wähler verübt, wie in den ganzen anderen parteien auch!
    und zerstörerische kräfte gibt es dort mehr wie genug, man höre sich nur mal leute wie gabriel, steinbrück, kraft, künast, wagenknecht, lafontaine, merkel, die boygroup, etc an)!

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    >>an den nächsten bundestags wahlen werde ich auch NPD wählen, nur um den ausdruck in den gesichtern meiner ach so "linken" kollegen zu sehen...<<

    Sie wissen schon, dass das wahlrecht ein mindestalter von 18 jahren vorsieht?

    ach so "linken" kollegen
    mit in die Wahlkabine?

    Schöner Schmarrn, den Sie dort ablassen.

    • fauler
    • 18. Januar 2013 21:41 Uhr

    War das ironisch gemeint oder ist das ihr Ernst? Welcher vernünftige Mensch würde die "Die Freiheit" wählen, die allein dadurch auffällt, dass sie plump gegen Migranten aus dem Nahen Osten hetzt und den Islam zum Hort allen Übels erklärt. Dabei haben die immer wieder aufgeführten "Fakten" keinen Wahrheitswert. Es ist einfach Hetze gegen das Fremde, wie sie schon immer praktiziert wurde und 12 Jahre lang zu einem totalitären Staat geführt hat.

    Ich hab gedacht die Rechtspopulisten tummeln sich im Kommentarbereich in Welt Online. Seitdem es kostenpflichtig wird nach einer bestimmten Anzahl von Artikeln, scheinen sich die "Islamkritiker" hier in ZO einzunisten, von dem ich aber abraten würde, weil hier anständig moderiert wird.

    16 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Die Freiheit"
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    Entfernt. Die Redaktion/ls

  3. 12. ächz..

    >>an den nächsten bundestags wahlen werde ich auch NPD wählen, nur um den ausdruck in den gesichtern meiner ach so "linken" kollegen zu sehen...<<

    Sie wissen schon, dass das wahlrecht ein mindestalter von 18 jahren vorsieht?

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    Antwort auf "werde ich auch wählen"
    • wokahle
    • 18. Januar 2013 22:34 Uhr
    13. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/au

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  4. Ich kann nicht umhin, einige kritische Bemerkungen zu Ihrem Beitrag zu machen.

    Zeit zu dem Auftritt von Frau Wagenknecht:
    "Aber in diesem Land wird ja so viel gelogen, dass es auch nicht schadet, ein paar Wahrheiten mehrmals zu sagen! Gejohle im Publikum." "Gejohle" ist ein sehr negativ konnotierter Begriff, eher für betrunkene Randalierer Wie wäre es gewesen, wenn man das als "Zustimmung" oder "Applaus" bezeichnet hätte?

    Ich habe noch nie in der Zeit gelesen, dass CDU-Mitglieder "gejohlt" hätten.

    Zeit:
    "Dass die sehr gute Rednerin und kommunistische Großdenkerin Wagenknecht, die eigentlich aus dem Landesverband Nordrhein-Westfalen stammt und im Saarland lebt,...."

    Was bitte ist eine "kommunistische Großdenkerin".? Allein die Erwähnung des Begriffs "Kommunismus" löst doch hier mentale Abwehrreaktionen aus. Frau Wagenknecht selber hat mal Stellung dazu genommen und sich selber nicht mehr als Kommunistin bezeichnet.

    Frau Wagenknecht ist eine intelligente, analytische und zudem eloquente Frau. Von solchen Politikern haben wir doch kaum jemanden. Analysiert Frau Merkel mal ökonomische Zusammenhänge?

    Ein Interview über ökonomische Zusammenhänge würde Frau Merkel doch gar nicht überstehen.

    Sehr pejorativ: der "Oberlinke" Oskar.

    Sind Sie sich wirklich darüber klar, was Sie da tendenziös schreiben?

    18 Leserempfehlungen
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    • EHR19
    • 19. Januar 2013 5:43 Uhr

    wird schon jahrelang in allen Medien entweder totgeschwiegen oder auf eine billige Weise gedemütigt und erniedrigt. Das hat sie nicht verdient. Und diese einheitliche Einstellung der Journalisten dieser Partei gegenüber ist eine Schande und Unterminierung der demokratischen Prinzipien unseres Staates. Wann kommt endlich eine laute Empörung darüber? Es geht jeden Menschen etwas an, unabhängig von persönlichen politischen Ansichten, weil diese Medienpolitik uns allen eine Vielfalt des politischen Spektrums vorenthält. In welchem Zeitalter leben wir?

  5. ist genau die Art von "nationaler" Partei, die das System braucht, um den Nationalismus weiter in der Bedeutungslosigkeit zu halten. Permanentes Flirten mit der unseligen NS- Vergangenheit, ansonsten ständig wechselnder Kurs, verbales Rabaukentum a la Pastörs etc., es ist schwer zu sagen, was im Einzelnen vom "Verfassungsschutz" hineingetragen wird und was originäre Dummheit ist, auf jeden Fall ist letztere erheblich.
    Die NPD nur zu wählen, um sich dann an den hysterischen Reaktionen der "Demokraten" zu ergötzen, ist m. E. ein zu schacher Grund. Die NPD müsste sich erheblich wandeln, damit ich sie in Betracht ziehen würde.
    Es ist aber Armutszeugnis für alle vernünftigen Nationalen im Land (von Nationalkonservativen bis Linksnationalen) poltisch nichts auf die Beine gestellt zu kriegen, obwohl das Potential riesig ist.

    4 Leserempfehlungen
  6. "als einzige Partei, die wirklich noch so etwas wie Opposition leisten würde" (Dafür gibt's sogar in der Zeit 4 Leserempfehlungen!)

    Was meinen Sie mit "so etwas wie Opposition"? Gegen was denn? Würde sie oder leistet sie?

    Und dann noch dieser Teil aus der ersten Antwort von twingo440:

    "dabei ist der inhalt der NPD eigentlich total schnuppe, da wird wohl genau so betrug am wähler verübt, wie in den ganzen anderen parteien auch!"

    Wenn die also genauso besch***en wie die anderen... Warum dann die wählen?

    Der einzige Unterschied besteht wohl darin, dass die NPD ganz offen rassistisch und ausländerfeindlich auftritt. Wenn Sie das so toll finden, warum sagen Sie es dann nicht einfach?

    Weil das bei Zeit-Online schwieriger ist als beim Springer-Verlag?

    Warum bleiben Sie nicht einfach bei BILD, Welt und Ähnlichen?

    Und wenn Sie tatsächlich Interesse daran hätten, "Ihre NPD" zu pushen (das ist ja völlig in Ordnung, das ist im Moment eine zugelassene Partei), warum fällt Ihnen nichts Besseres ein, als so nichtssagende Sprüche wie "einzige Opposition" oder sogar "betrügen ja auch" abzulassen?

    Fragen über Fragen, auf die es wohl nie eine Antwort geben wird...

    5 Leserempfehlungen

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  • Schlagworte Sahra Wagenknecht | Niedersachsen | Alexis Tsipras | CDU | SPD | Die Linke
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