Trotz eines FDP-Rekordergebnisses ist die Koalition von CDU-Ministerpräsident David McAllister in Niedersachsen abgewählt. Seine Partei stürzte bei der Wahl auf 36 Prozent und damit auf ihr schlechtestes Ergebnis in dem Bundesland. Nach einer stundenlangen Zitterpartie mit unklaren Mehrheitsverhältnissen zog schließlich Rot-Grün an der seit 2003 regierenden Koalition vorbei.

Erst am Montagmorgen gestand die CDU ihre Niederlage ein und kündigte an, ihre Oppositionsrolle im Landtag schnell ausfüllen zu wollen. "Die neue Mehrheit im Landtag kann sich darauf einstellen, dass die CDU ihre neue Rolle vom ersten Tag an wahrnimmt", sagte der niedersächsische Generalsekretär Ulf Thiele. Man werde es Rot-Grün nicht leicht machen.

Am Wahlabend selbst klang dies noch anders. Da wollte sich Ministerpräsident McAllister mit der Wahlniederlage noch nicht abfinden. "Die CDU in Niedersachsen ist die Superpartei", sagte er und beanspruchte die Regierungsbildung für sich: "Wenn es nicht reicht für eine Fortsetzung des Bündnisses von CDU und FDP, würden wir als stärkste Kraft mit allen politischen Parteien Gespräche führen. Natürlich auch mit der SPD."

Dies ist nun Makulatur, SPD und Grüne wollen noch im Laufe des Tages den Zeitplan für ihre Koalitionsverhandlungen festlegen. Neuer Ministerpräsident mit nur einer Stimme Mehrheit im Landtag wird dann voraussichtlich der bisherige hannoversche Oberbürgermeister Stephan Weil. Seinen Erfolg verdankt er den historisch starken Grünen, die 13,7 Prozent der Stimmen gewinnen konnten. "Ich freue mich jetzt auf fünf Jahre Rot-Grün", sagte Weil, dessen Partei auf 32,6 Prozent kam.

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück bedankte sich über Twitter bei Weil. "Danke, Stephan! Das gibt uns Rückenwind für die Bundestagswahl im September PS", schrieb Steinbrück. Er räumte ein, dass es aus Berlin keine Unterstützung für Hannover gegeben habe. Steinbrück steht seit Wochen wegen seiner Nebenverdienste und Äußerungen zum Kanzlergehalt in der Kritik.

Gleichwohl stärkte Parteichef Sigmar Gabriel ihm den Rücken: "Was wären wir für ein jämmerlicher Haufen, wenn wir gleich den Kandidaten auswechseln würden, wenn der Wind mal von vorne kommt." Dem schloss sich auch Altkanzler und ehemaliger SPD-Vorsitzender Gerhard Schröder an: "Steinbrück wird überhaupt nicht infrage gestellt."

SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann kündigte für die nächsten Monate eine Konfrontation der Regierung mit den Themen an, bei denen Rot-Grün bereits heute über eine gesellschaftliche Mehrheit verfüge. "Wir werden kämpfen für Mindestlöhne, für mehr Bildungschancen, für die Abschaffung des Betreuungsgeldes, für die verbindliche Frauenquote und für eine verlässliche und funktionierende Energiewende."

Der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir zeigte sich erleichtert über den Sieg von Rot-Grün in Niedersachsen. Er sieht das späte Überraschungsergebnis als Bestätigung im Kampf für Rot-Grün im Bund. "Gut Ding will Weile haben", sagte Özdemir. "Trotz verschiedener Widrigkeiten hat es gereicht", sagte er. "Damit ist der Wechsel auch im Bund möglich." Die Grünen-Wahlparty in der Parteizentrale in Berlin hatte bereits lange vorher geendet. Viele waren mit der Erwartung nach Hause gegangen, dass der Regierungswechsel knapp verfehlt werden würde. Für Rot-Grün bedeutet das Ergebnis in Niedersachsen mit 36 der 69 Stimmen auch die Mehrheit im Bundesrat.

Keine Debatte über schwarz-grün

Mit dem Ergebnis der Landtagswahl erledigt sich nach Ansicht der Grünen-Fraktionschefin im Bundestag, Renate Künast, endgültig die politische Debatte über schwarz-grüne Bündnisse. "Das knappe Ergebnis von Niedersachsen wird Angela Merkel zu einem klaren schwarz-gelben Lagerwahlkampf zwingen", sagte Künast der Leipziger Volkszeitung. "Das macht dann eine Debatte über Schwarz-Grün definitiv überflüssig." Kanzlerin Merkel habe sich im niedersächsischen Wahlkampf in vielen Punkten so aufgestellt, dass "es sowieso gegenstandslos ist, sich über Schwarz-Grün Gedanken zu machen", sagte Künast. 

Erleichterung bei Philipp Rösler

Für den angeschlagenen FDP-Vorsitzenden Philipp Rösler war das beste Niedersachsen-Ergebnis seiner Partei – knapp zehn Prozent – eine Erleichterung. "Das Rennen hat jetzt erst angefangen. Die Freien Demokraten werden jetzt loslegen", sagte Rösler. Auch wenn 80 Prozent der aktuellen FDP-Wähler eigentlich die CDU wählten, sei der Erfolg in Niedersachsen auch ein Erfolg Röslers, sagte Generalsekretär Patrick Döring. Rösler sei der richtige Vorsitzende.

Auch Schleswig-Holsteins Fraktionschef Wolfgang Kubicki, bislang einer der schärfsten Kritiker Röslers, sagte, nach dem "glorreichen Sieg" könne die FDP-Spitze in Harmonie über die Aufstellung für die Bundestagswahl im Herbst sprechen. Fraktionschef Rainer Brüderle versicherte: "Diesen Schwung aus Niedersachsen werden wir für die Wahlen in Bayern und im Bund nutzen."

Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) fordert trotz des Wahlerfolgs eine schnelle Entscheidung über die Zukunft von Parteichef Rösler. "Dieses tolle Ergebnis fordert erst recht, die personelle Aufstellung für die Bundestagswahl schnellstmöglich zu entscheiden, damit alle Personaldiskussionen ein Ende haben", sagte Niebel der Passauer Neuen Presse.

Niederlage für Linke und Piraten

Schleswig-Holsteins Landeschef Heiner Garg forderte seine Partei zur Geschlossenheit auf, insbesondere wenn es um die Frage gehe, mit welcher Person an der Spitze die FDP in den Bundestagswahlkampf gehen soll. "Ich möchte, dass die FDP im Mai eine Mannschaft aufstellt, mit der wir die bestmöglichen Chancen haben", sagte er. Garg erwarte von Rösler, selbstbewusster aufzutreten. "Er kann ruhig einmal den freundlichen Herrn Rösler zu Hause lassen. Er muss auf den Tisch hauen und zeigen, wer eigentlich im Moment Chef der FDP ist", sagte Garg. Rösler solle sich nicht von "bestimmten Persönlichkeiten" aus dem Amt mobben lassen.

Die Linke (3,1 Prozent) und die Piraten (2,1 Prozent) scheiterten deutlich an der Fünf-Prozent-Hürde und ziehen damit nicht in das Parlament in Hannover ein. "Es gibt nichts zu beschönigen, das Ergebnis ist für uns schmerzhaft", sagte der Vorsitzende der Linkspartei, Bernd Riexinger. "Man muss auch mit Niederlagen umgehen können", sagte der Vorsitzende der Piratenpartei, Bernd Schlömer.