In Sarstedt ist die Welt noch in Ordnung für die SPD. Schmucke Fachwerk- und Klinkerhäuschen, eine Fußgängerzone voller Läden, ein SPD-Bürgermeister. Die Sozialdemokraten schneiden in dem beschaulichen Städtchen im Landkreis Hildesheim bei Wahlen immer ganz gut ab. Meistens jedenfalls besser als im Landesvergleich.

Vielleicht ist es deswegen so, dass alle Sarstedter Passanten an diesem Mittag Stephan Weil kennen, den Noch-Oberbürgermeister im nahen Hannover und stets als etwas farblos beschriebenen SPD-Spitzenkandidaten zur niedersächsischen Landtagswahl. Dass sie sich besonders freuen über die roten Rosen, die der 54-Jährige in der Fußgängerzone verteilt ("damit Sie am Sonntag auch an mich denken") und dass sie unisono beteuern, ihm natürlich ihre Stimme geben zu wollen.

Es ist eine dankbare Wahlkampfendspurt-Aktion für den Kandidaten, der dringend die eigenen Anhänger mobilisieren muss. Am Sonntag wird gewählt und eine niedrige Wahlbeteiligung könnte die SPD schlimm treffen. Kommt die FPD in den Landtag, wird es äußerst knapp für Rot-Grün. Geht aber die Niedersachsen-Wahl verloren, wäre das ein verheerendes Signal für den Bundestagswahlkampf der Sozialdemokraten.

Tee für alle!

Wie so oft trägt Weil auch an diesem Januartag in Sarstedt seine schwarze Lederjacke, darunter einen knallroten Sozialdemokraten-Pulli und einen knallroten Wollschal. Er und seine SPD-Genossen sorgen für einen Auflauf in der Innenstadt, der klirrenden Kälte zum Trotz. Zu den Klängen einer eigens von der SPD engagierten Marching Band schreitet Weil rhythmisch über das Kopfsteinpflaster. Der Kandidat schüttelt Hände, bescheinigt einem alten Herren "topfit" zu sein, bringt eine Verkäuferin in einer Modeboutique durch seine bloße Anwesenheit aus der Fassung und stresst den Inhaber eines Dönerladens, weil er kurzerhand Tee für alle bestellt, die da so mit ihm laufen. Es ist schließlich kalt hier draußen.

Stephan Weil ist ein netter Mensch. Ein angenehmer, ein wenig onkelhafter Gesprächspartner – wenn die Kameras aus sind. Mit Scheinwerferlicht hingegen tut er sich schwer, dann wirkt das, was er sagt, verkrampft und auswendig gelernt. Auch in Sarstedt wirkt seine Fröhlichkeit und demonstrative Tatkraft etwas gezwungen. Es sind ja Kameras dabei. Nein, Weil ist kein jovialer Schulterklopfer wie sein starker Gegner von der CDU, Ministerpräsident David McAllister. Seine Fürsprecher finden genau diesen Kontrast angenehm. "Fachlich hochkompetent" sei Weil, loben SPD-Landtagskandidaten. Auch Harry Heimann, sozialdemokratisches Stadtratsmitglied stellt fest: "Was er sagt, hat Hand und Fuß." Manchmal würde er dem Kandidaten aber ein bisschen mehr "Pepp" wünschen.

Stephan Weil weiß um seine Unzulänglichkeiten. Vor Jahren sagte er mal in einem Interview, er sei eben nur ein "einfacher, biertrinkender Jurist". Fragen nach Beliebtheitsskalen, auf denen er immer deutlich hinter McAllister liegt, beantwortet er folgendermaßen: "Die Menschen in Deutschland wählen keine Personen, sondern Konstellationen." Im Moment steht die SPD in Umfragen bei etwa 33 Prozent. Gemeinsam mit den starken Grünen würde es knapp reichen, um die schwarz-gelbe Landesregierung abzulösen. Aber die SPD hat bundesweit bei den vergangenen Landtagswahlen schmerzliche Erfahrung damit gesammelt, am Ende weniger Stimmen einzuheimsen, als eigentlich erwartet worden waren. Und noch immer gibt es Niedersachsen, die den SPD-Spitzenkandidaten nicht kennen.