Stephan Weil : Der Kandidat von nebenan strengt sich an

Stephan Weil, SPD-Spitzenkandidat in Niedersachsen, kämpft nicht nur gegen seine Unbekanntheit an. Er muss das rot-grüne Projekt 2013 retten.

In Sarstedt ist die Welt noch in Ordnung für die SPD. Schmucke Fachwerk- und Klinkerhäuschen, eine Fußgängerzone voller Läden, ein SPD-Bürgermeister. Die Sozialdemokraten schneiden in dem beschaulichen Städtchen im Landkreis Hildesheim bei Wahlen immer ganz gut ab. Meistens jedenfalls besser als im Landesvergleich.

Vielleicht ist es deswegen so, dass alle Sarstedter Passanten an diesem Mittag Stephan Weil kennen, den Noch-Oberbürgermeister im nahen Hannover und stets als etwas farblos beschriebenen SPD-Spitzenkandidaten zur niedersächsischen Landtagswahl. Dass sie sich besonders freuen über die roten Rosen, die der 54-Jährige in der Fußgängerzone verteilt ("damit Sie am Sonntag auch an mich denken") und dass sie unisono beteuern, ihm natürlich ihre Stimme geben zu wollen.

Es ist eine dankbare Wahlkampfendspurt-Aktion für den Kandidaten, der dringend die eigenen Anhänger mobilisieren muss. Am Sonntag wird gewählt und eine niedrige Wahlbeteiligung könnte die SPD schlimm treffen. Kommt die FPD in den Landtag, wird es äußerst knapp für Rot-Grün. Geht aber die Niedersachsen-Wahl verloren, wäre das ein verheerendes Signal für den Bundestagswahlkampf der Sozialdemokraten.

Tee für alle!

Wie so oft trägt Weil auch an diesem Januartag in Sarstedt seine schwarze Lederjacke, darunter einen knallroten Sozialdemokraten-Pulli und einen knallroten Wollschal. Er und seine SPD-Genossen sorgen für einen Auflauf in der Innenstadt, der klirrenden Kälte zum Trotz. Zu den Klängen einer eigens von der SPD engagierten Marching Band schreitet Weil rhythmisch über das Kopfsteinpflaster. Der Kandidat schüttelt Hände, bescheinigt einem alten Herren "topfit" zu sein, bringt eine Verkäuferin in einer Modeboutique durch seine bloße Anwesenheit aus der Fassung und stresst den Inhaber eines Dönerladens, weil er kurzerhand Tee für alle bestellt, die da so mit ihm laufen. Es ist schließlich kalt hier draußen.

Stephan Weil ist ein netter Mensch. Ein angenehmer, ein wenig onkelhafter Gesprächspartner – wenn die Kameras aus sind. Mit Scheinwerferlicht hingegen tut er sich schwer, dann wirkt das, was er sagt, verkrampft und auswendig gelernt. Auch in Sarstedt wirkt seine Fröhlichkeit und demonstrative Tatkraft etwas gezwungen. Es sind ja Kameras dabei. Nein, Weil ist kein jovialer Schulterklopfer wie sein starker Gegner von der CDU, Ministerpräsident David McAllister. Seine Fürsprecher finden genau diesen Kontrast angenehm. "Fachlich hochkompetent" sei Weil, loben SPD-Landtagskandidaten. Auch Harry Heimann, sozialdemokratisches Stadtratsmitglied stellt fest: "Was er sagt, hat Hand und Fuß." Manchmal würde er dem Kandidaten aber ein bisschen mehr "Pepp" wünschen.

Stephan Weil weiß um seine Unzulänglichkeiten. Vor Jahren sagte er mal in einem Interview, er sei eben nur ein "einfacher, biertrinkender Jurist". Fragen nach Beliebtheitsskalen, auf denen er immer deutlich hinter McAllister liegt, beantwortet er folgendermaßen: "Die Menschen in Deutschland wählen keine Personen, sondern Konstellationen." Im Moment steht die SPD in Umfragen bei etwa 33 Prozent. Gemeinsam mit den starken Grünen würde es knapp reichen, um die schwarz-gelbe Landesregierung abzulösen. Aber die SPD hat bundesweit bei den vergangenen Landtagswahlen schmerzliche Erfahrung damit gesammelt, am Ende weniger Stimmen einzuheimsen, als eigentlich erwartet worden waren. Und noch immer gibt es Niedersachsen, die den SPD-Spitzenkandidaten nicht kennen.

 Stephan wer?

"Stephan wer?" So war der Kandidat selbst im Einspielfilmchen zum einzigen TV-Duell mit Amtsinhaber McAllister vorgestellt worden, das vergangene Woche live im NDR ausgestrahlt wurde. Weil schlug sich danach tapfer gegen einen über weite Strecken recht arrogant wirkenden McAllister. Aber als der Ministerpräsident Weil unterstellte, dieser könne sich als Notlösung auch eine rot-rot-grüne Koalition vorstellen, da reagierte der SPD-Mann unsouverän. Die in Niedersachsen laut Umfragen recht schwache Linkspartei werde definitiv nicht in den Landtag kommen, murmelte er lediglich. Also brauche man auch nicht "spekulieren".

Seitdem polemisiert die CDU vergnügt gegen eine vermeintlich baldig von der SPD tolerierte Ministerin Sahra Wagenknecht. Weil bleibt auch Tage später sprachlos zu dem Vorwurf, er könne sich eine Koalition oder Tolerierung durch die Linke vorstellen, sollte die es in den Landtag schaffen. Am kommenden Sonntag gehe es um "Rot-Grün gegen Schwarz-Gelb", sagt er stattdessen in Sarstedt in eine Fernsehkamera.

Ob ihn die ewige Diskussion um SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück nervt, ist ebenfalls nicht überliefert. Weils Umfeld jedenfalls fand dessen Kanzlergehaltsäußerungen wenig hilfreich, weil sie den eigenen Kandidaten ja gerne als seriös, arbeitsam und unprätentiös bewerben.

Es geht um das rot-grüne Projekt für 2013

Bildung, Abwanderung, soziale Gerechtigkeit sind seine politischen Themen. Als Ministerpräsident, sagt er, wolle er sich dafür einsetzen, dass die Strukturfördermittel des Bundes nicht immer nur im Osten verteilt würden. Anfang Januar trat er sogar schon mit Grünen-Landeschefin Anja Piel vor der Bundespressekonferenz in Berlin auf und sprach über den "erstaunlich großen Fundus an Gemeinsamkeiten". Gemeinsame Bundesratsinitiativen für einen Mindestlohn und gegen das Betreuungsgeld sind auch schon geplant, sollte die neue Niedersächsische Landesregierung eine rot-grüne sein.

Bei der CDU lästern sie darüber, die Gegenseite habe das Fell des Bären schon verteilt, bevor sie ihn erlegt hätten. Auch Weil sieht den Sieg inzwischen in Gefahr, auch wenn er das nicht offen sagt. Aber er will die kommenden Tage noch viele Rosen verteilen, so viel auf sich aufmerksam machen, wie es denn geht.

Auch die SPD-Prominenz hat sich angesagt. Zahlreiche Auftritte im ganzen Land haben Sigmar Gabriel, Peer Steinbrück, Andrea Nahles und ihre Mitstreiter geplant. Die Sozialdemokraten, sie wollen jetzt alles geben. Es geht, so die allgemeine Lesart, um das rot-grüne Projekt für 2013. Und nicht nur um den netten, biertrinkenden Kommunalpolitiker, dem das Rathaus in Hannover nach sieben Jahren im Amt zu eng geworden ist.

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Kommentare

33 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Immer das selbe...

"Gewiss - Mövenpick, KlientelPolitik, ... neulich erst: Subventionierung der Export-Industrie durch den Stromverbraucher!"

Wieso nennen Sie die SPD nicht die Maschmeyer Partei Deutschlands? Sind die Grünen keine Klientelpartei von Planwirtschaftlern und Staatsgläubigen geworden?

Herr Weil wird wohl auch oft bei der "HannoverConnection" gewesen sein, er war der langjährige Bürgermeister von Hannover.

Es wäre schön wenn die Welt so einfach Schwarz - Weiss wäre oder?

@lysan-liberal? Menschenrechte?

Ja, die F.D.P. steht für Freiheit ohne Einschränkungen. Im Klartext heißt das, der Stärkere kann mit dem Schwächeren machen was er will. Der Arbeitslose kann sich ja schließlich selbst seinen Tarif aushandeln, solche hemmenden Erscheinungen wie Betriebsräte und Gewerkschaften braucht man nicht. Und, der Stärkere ist der, der am meisten Geld und Conections hat, unabhängig davon, ob er sich diese mit Leistung erarbeitet hat oder einfach nur geerbt. Dahingehend wäre es vielleicht angebrachter, die F.D.P. als Feudalistische Partei Deutschlands auszusprechen.

die LINKE demokratisch?

Solange „die LINKE“ immer noch wie zu DDR-Zeiten stramm einen der Organisatoren des blutigen „Hamburger Aufstandes“ von 1923 (100 Todesopfer, 300 Verwundete) als vorbildlichen DEMOKRATEN hinstellt, so lange kann diese Partei von Demokraten eigentlich nicht gewählt werden.

Nicht vergessen: Thälmann urteilte folgendermaßen über die Gründe des Scheiterns des Hamburger Aufstandes:
„Unsere Partei als Ganzes war noch viel zu unreif, um diese Fehler der Führung zu verhindern. So scheiterte im Herbst 1923 die Revolution am Fehlen einer ihrer wichtigsten Voraussetzungen: dem Bestehen einer bolschewistischen Partei.“ – (Ernst Thälmann: Rote Fahne)

Ziel Thälmanns war also ganz eindeutig die Schaffung einer bolschewistischen Partei und einer Bolschewistischen Räterepublik Deutschland.

Thälmann wurde darüber hinaus am 1. Februar 1925, also 7 Monate bevor er Vorsitzender der KPD wurde, Vorsitzender des „Roten Frontkämpferbundes“, einer paramilitärisch organisierten Bürgerkriegsarmee. Durch Agitation, militaristische Aufmärsche, Straßenkämpfe (nicht nur gegen die NSDAP) und kriegerischen Planspiele sollte die „Rote Wehrinternationale“ aufgebaut werden. Federführend für diese Aufgaben war Willy Leow, von dem Herbert Wehner Jahre später sagte, er sei eine durch und durch korrupte Person gewesen.
Über den RFB zu urteilen überlasse ich gerne jedem Foristen selbst.
Auch: http://www.tagesspiegel.d... lesen.