Früher gab es feste Glaubenssätze, die gehörten zum Standard-Repertoire christdemokratischer Wahlkämpfer. Die CDU war für die Wehrpflicht, für die Hauptschule und für die Atomkraft. Sie bekämpfte den Mindestlohn und die Frauenquote. Sie führte Studiengebühren ein und befand die Ehe zwischen Mann und Frau als besonders schützenswert.

Egal, welchen CDU-Politiker zwischen Flensburg und Konstanz man zu diesen Themen gefragt hätte: Früher hätte er auch noch nachts um vier gewusst, was zu antworten wäre.

Dieses "Früher" ist gerade mal vier Jahre her. Ein Blick ins Wahlprogramm der Union von 2009 zeigt, wie fundamental sich die Partei in dieser Legislaturperiode programmatisch gewandelt hat, gerade in gesellschaftspolitischen Fragen. Die Ankündigung der CDU von diesem Wochenende, die Widerstände gegen die Gleichstellung der gleichgeschlechtlichen Ehe aufzugeben, war insofern nur konsequent.

Seit jeher eine disziplinierte Kanzlerpartei

Natürlich lässt sich diese Entscheidung aus demokratietheoretischer Sicht kritisieren. Schließlich hat die Union auf einem Parteitag, also: in ihrem höchsten demokratischen Organ, vor wenigen Monaten exakt das Gegenteil entschieden. Eine Mehrheit sprach sich gegen die Gleichstellung der Homo-Ehe aus. Die Kehrtwende erfolgte, wie so oft, als einsame Entscheidung einer kleinen Führungsclique. Angela Merkel lässt sich in erster Linie von machttaktischen Erwägungen leiten. Ausschlaggebend sind der Bundestagswahlkampf und das nahende Urteil des Bundesverfassungsgerichts, weniger eine substanziell neue Erörterung der Sachlage.

Vermutlich wird Merkel sich auch diesmal wieder durchsetzen. Ein paar Konservative werden grummeln oder enttäuschte Tweets senden. Aber eine bedeutende Gegenbewegung wird sich nicht formieren, ebenso wenig wie damals bei Atomausstieg oder Wehrpflicht-Aus. Das liegt zum einen daran, dass die CDU seit jeher eine disziplinierte Kanzlerpartei ist, die Regierungsentscheidungen eher mitträgt, als dies bei linken Parteien der Fall ist.

Zum anderen sind die Positionen, auf die Merkel ihre Partei verpflichtet hat, in Wahrheit längst gesellschaftlicher Common Sense, zumindest jenseits der Schützenvereine und Landfrauenfeste. Dort sind zwar die treusten Stammwähler der CDU zu Hause. Aber Merkel kalkuliert darauf, dass diese der Union schon erhalten bleiben werden, wie immer in den vergangenen 60 Jahren. Und dass es wahltaktisch klüger wäre, auch für jüngere, urbanere Gesellschaftsschichten wählbar zu werden.