Joachim Gauck war bislang vor allem als Prediger der Freiheit bekannt. Seit diesem Freitag ist klar, dass an der Spitze des Staates auch ein entschiedener Europäer steht, der sich mutig für eine Neugestaltung des europäischen Projekts einsetzt – als zentrales Thema seiner Präsidentschaft.

In seiner ersten großen Rede aus Schloss Bellevue, die er bewusst Europa widmete, entwickelte der Bundespräsident das, was die Kanzlerin bei allen Bemühungen um die Rettung des Euro und die Weiterentwicklung der Gemeinschaft bislang schmerzlich vermissen ließ: eine Perspektive, in welche Richtung es mit der krisengeschüttelten Europäischen Union gehen soll – nämlich als Wertegemeinschaft und europäische Bürgergesellschaft.

Gauck machte deutlich, dass die Krise der EU weit mehr umfasst als nur die Krise der Gemeinschaftswährung. Europa fehle das Vertrauen der Bürger, die entscheidende Basis, um über die künftige Gestalt der Gemeinschaft nachzudenken. Gauck sprach sehr deutlich das Unbehagen, den Unmut und die Skepsis an, mit dem heute viele nicht nur in Deutschland Europa begegnen. Zu viele Bürger lasse die EU mit einem Gefühl der "Macht- und Einflusslosigkeit" zurück.

Bekenntnis zur weiteren Integration

Der Bundespräsident hat einer Mehrheit aus der Seele gesprochen haben. Und er zeigte damit auch auf, weshalb es nicht reicht, einfach immer nur von "mehr Europa" zu sprechen – wenn damit nicht eine Idee verbunden ist. Eine eindeutige Abgrenzung zu Bundeskanzlerin Merkel und ihrer technischen Krisenpolitik, jener Politik des einfach Weitermachens, ohne dabei etwas zu erklären.

Gauck bekannte sich zu einer weiteren "inneren Vereinheitlichung" der EU. Zu dieser vertieften Integration gehören nach seiner Ansicht nicht nur eine gemeinsame Finanz- und Wirtschaftspolitik, sondern auch eine Vereinheitlichung der Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik und gemeinsame Konzepte für Ökologie und Gesellschaft. Damit dürfte er weit weniger Begeisterung in der Bevölkerung auslösen. Vor allem aber benannte er den Leitfaden, an dem sich die Politik bei der Reform und Neugestaltung der EU ausrichten muss: "Wie kann ein demokratisches Europa aussehen, das dem Bürger Ängste nimmt, ihm Gestaltungsmöglichkeiten einräumt, kurz: mit dem er sich identifizieren kann?"

Ohne Legitimation durch die Bürger, darin ist Gauck zuzustimmen, wird Europa nicht aus der Krise kommen. Eine bloße Reform der Brüsseler Institutionen, so dringend sie auch ist, wird nicht reichen. Denn der jahrzehntelange Weg, die EU von oben immer weiter auszubauen, ohne die notwendige demokratische Basis bei den Bürgern der bald 28 Mitgliedsstaaten zu schaffen, so auch seine Überzeugung, hat die Union genau in die jetzige Sackgasse geführt.