Ein Bauarbeiter auf dem BER-Gelände © Fabrizio Bensch/Reuters

Wie gut, dass sich Flughafenmanager Horst Amann tapfer weigert, neue Flughafen-Eröffnungstermine zu versprechen. Es würde nur Aufregung in eine Situation bringen, die vor allem unübersichtlich ist. Damit aus der Unübersichtlichkeit Zuversicht wird, müssen drei Bedingungen erfüllt sein. Aus der BER-Brache in Schönefeld muss zum Sommer eine florierende Baustelle werden. Zweitens müssen 20.000 Mängel behoben werden. Drittens muss im selben Zeitraum der Fundamentalstreit über nächtlichen Fluglärm beigelegt werden. Angenommen, das alles gelinge in, über den Daumen gepeilt, 18 bis 24 Monaten, dann könnte der Flughafen BER zu einem symbolträchtigen Datum in Betrieb gehen: 2016, zwanzig Jahre nach dem Scheitern der Bemühungen um eine Fusion von Berlin und Brandenburg.

Der unvollendete Flughafen hat außer Zynismen, Sarkasmen und politischen Imageverlusten auch eine Berlin-Brandenburgische Paradoxie erzeugt. Wäre BER wie geplant in Betrieb gegangen und zur von Klaus Wowereit versprochenen "Jobmaschine" geworden, hätten die Politiker Anerkennung dafür verdient, dass sie die Maschine ans Laufen gebracht und 40.000 Leuten Arbeit verschafft hätten. Wobei mit "die Politiker" Berliner und Brandenburger genauso gemeint wären, wie auch die 40.000 Inhaber neuer Jobs aus Berlin und Brandenburg kämen.

Tatsächlich aber wirken – darin liegt die paradoxe Wirkung des länderübergreifenden Großprojekts – die Gegensätze zwischen Berlinern und Brandenburgern größer denn je. Da werden Interessengegensätze zwischen Stadt und Land aufgebaut, es wird "International" gegen "Provinz" positioniert, der eine Politiker wirft dem anderen vor, sich "vom Acker" zu machen (Wowereit über Matthias Platzeck), ein anderer dem einen dessen "bockige Verweigerungshaltung". Das hat der Brandenburger SPD-Fraktionschef Ralf Holzschuher indirekt dem Regierenden Bürgermeister vorgehalten, verbunden mit dem Unwillen, "über die Stadtgrenzen hinaus" zu denken.

Preußisch-sandig-trocken

Verständlich ist das alles – und widersinnig. Angenommen, BER wäre kein Ärgernis, sondern ein Erfolg, könnte in Schönefeld die Startbahn für ein neues politisches Projekt liegen. Die Fusionsgedanken von 1996, von Eberhard Diepgen und Manfred Stolpe, waren richtig. Sie waren bloß preußisch-sandig-trocken: ein Wirtschaftsraum, kein Gegeneinander, keine Konkurrenz, preiswerte Verwaltung, gemeinsame Planung – solche Ung-Versprechungen sollten die Leute zum Glauben an und zur Freude auf das Bundesland Berlin-Brandenburg bringen, mit Potsdam als Landeshauptstadt und einer eingebauten Mehrheit der Berliner Stadtbewohner.

Es hätte dennoch eine sinnvolle Sache werden können, vor allem mit Blick auf die Kosten der Verwaltung und auf die Ansiedlungspolitik. Stattdessen blieben die Brandenburger auf dem "Brandenburger Weg". Den redete ihnen Manfred Stolpe schön. Und immerhin führte dieser Weg an den Schuldenbergen vorbei, die die Berliner Politiker aufhäuften. Die Leute, Berliner und Brandenburger, leben seither so viel Fusion, wie zu ihrem Leben passt. 183.000 Brandenburger arbeiten in Berlin, 73.000 Berliner in Brandenburg. Es gibt Leute, die eine Wohnung in Prenzlauer Berg und ein Haus in der Uckermark unterhalten, mal hier, mal dort arbeiten. An jedem sonnigen Sonntagabend stauen sich Berliner Ausflügler kilometerlang aus dem Umland geduldig in die Stadt zurück.

Das fast grenzenlose Miteinander im Normalbetrieb hat dazu geführt, dass über den Sinn einer Fusion keiner mehr redet. 1996 lagen Gutachten vor, die zeigten, wie schlank und sparsam ein gemeinsames Land verwaltet werden könnte, in bester preußischer Tradition. Doch es kam, wie es die Streiter für eine Fusion damals ahnten: Die Bürokraten haben sich eingemauert – keiner käme heute auf die Idee, neu darüber nachzudenken, wie groß die finanziellen Vorteile von Berlin-Brandenburg gegenüber dem Zwei- Länder-Status-Quo wären. Und die beiden, die das anregen könnten, Klaus Wowereit und Matthias Platzeck, haben eine gute Idee von ihrer Startbahn in Schönefeld in eine Sackgasse bugsiert.

Erschienen im Tagesspiegel