Bundespräsident Gauck während seiner Europarede im Schloss Bellevue © John MacDougall/AFP/Getty Images

In seiner mit Spannung erwarteten ersten europapolitischen Rede hat Bundespräsident Joachim Gauck Ängste vor einer Vormachtstellung Deutschlands in Europa zurückgewiesen. "Ich versichere allen Bürgerinnen und Bürgern in Europa: Ich sehe unter den politischen Gestaltern in Deutschland niemanden, der ein deutsches Diktat anstreben würde", sagte er 200 Gästen im Schloss Bellevue. Aus tiefer innerer Überzeugung könne er sagen: "Mehr Europa heißt in Deutschland nicht: deutsches Europa."

Der Bundespräsident fügte hinzu, die Deutschen stünden zu ihren Erfahrungen und wollten sie gern vermitteln. "Aber wir wollen andere nicht einschüchtern, ihnen auch nicht unsere Konzepte aufdrücken." Vor weniger als zehn Jahren habe die Bundesrepublik schließlich selbst noch als kranker Mann Europas gegolten. 

Gauck räumte allerdings ein, dass deutsche Politiker "vereinzelt zu wenig Empathie für die Situation der anderen aufgebracht haben" oder als kaltherzig erschienen sein könnten. Vereinzelte abfällige Bemerkungen zu anderen Staaten verurteilte er: "Sollte aus kritischen Kommentaren allerdings Geringschätzung oder gar Verachtung gesprochen haben, so ist dies nicht nur grob verletzend, sondern auch politisch kontraproduktiv."

Das deutsche Staatsoberhaupt sprach sich vehement für eine noch engere Zusammenarbeit in der EU aus. "Wir brauchen eine weitere innere Vereinheitlichung", sagte er und bezeichnete sich als einen "bekennenden Europäer". Dabei dürfe diese tiefere Integration nicht auf die Wirtschaft beschränkt sein. "Wir brauchen auch eine weitere Vereinheitlichung unserer Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik." Dies sei Voraussetzung dafür, dass sich das vereinte Europa als "Global Player" behaupten könne.

Gauck bedauerte es, dass den 500 Millionen EU-Bürgern eine gemeinsame Erzählung für ihre europäische Identität fehlt. "Wir Europäer haben bis heute keinen Gründungsmythos nach Art einer Entscheidungsschlacht, in der Europa einem Feind gegenübertreten, siegen oder verlieren, aber jedenfalls seine Identität bewahren konnte." Das Verbindende der Europäer sei aber der gemeinsame Wertekanon. "Unsere europäische Wertegemeinschaft will ein Raum von Freiheit und Toleranz sein."

"Wir möchten euch dabei haben"

Ausdrücklich appellierte Gauck an die Briten, in der EU zu bleiben. "Liebe Engländer, Schotten, Waliser, Nordiren und britische Neubürger! Wir möchten euch weiter dabei haben", sagte er. Zugleich empfahl Gauck Englisch als gemeinsame Verständigungssprache der Europäer, die daneben aber weiter ihre Muttersprachen pflegen sollten.

Die Rede unter der Überschrift "Perspektiven der europäischen Idee" bildet den Auftakt für eine Serie von Diskussionsforen, Symposien und Redeauftritten, die künftig unter dem Titel "Bellevue Forum" stattfinden sollen. Sie lösen die Tradition der "Berliner Rede" ab, die 1997 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog begründet worden war.