Merkels Weigerung, ihre Politik detailliert zu erklären und mehr zu tun, um die Krise in den südeuropäischen Ländern einzudämmen, ist allerdings kein Zufall. Dahinter steckt Kalkül. Die Kanzlerin steht mit der Union gut da in den Umfragen, viele Bürger bescheinigen ihr eine gute Figur bei den Verhandlungen in Brüssel. Mit Blick auf den Wahlkampf ist deshalb klar: Im Sinne Europas Maßnahmen voranzutreiben, die in Deutschland unpopulär oder schwer vermittelbar sind, dieses Risiko will sie nicht eingehen. Weder eine in Europafragen führungslose FDP noch die Opposition haben es bisher geschafft, Merkel zu klaren Worten zu zwingen.

Nun hängt es also am Bundespräsidenten. Er wird diese Verantwortung übernehmen, soweit seine wenigen Befugnisse es erlauben. Gauck steht damit in einer Reihe mit einer Vielzahl von Persönlichkeiten und Institutionen, die schon zuvor eingesprungen sind, wenn die Kanzlerin Politikverweigerung betrieb.

Gauck muss Europa zu seinem Thema machen

Das Bundesverfassungsgericht etwa musste immer wieder die Rechtmäßigkeit der europäischen Rettungsbemühungen und der vorausgehenden Entscheidungen prüfen, der Politik klare Leitplanken setzen. Und Mario Draghis EZB übernahm mit ihrer Ankündigung, notfalls Anleihen Not leidender Länder aufzukaufen, die politische Verantwortung, der die europäische Staatengemeinschaft zuvor ausgewichen war.

Unter Druck hat sich die Kanzlerin schon des Öfteren bewegt. Ob sie auf Gauck hören wird, wenn er am Freitag die richtigen Worte wählt, um die Öffentlichkeit aufzuwecken und in Bewegung zu setzen – man wird sehen. Europa wird in jedem Fall ein großes Anliegen dieses Bundespräsidenten bleiben. Es wird Zeit, dass er es auch wahrnehmbar zu seinem Thema macht.