Stasi-DebatteUm Aufklärung geht es beim Gysi-Thema nicht

Linke, Union, Rot-Grün: Solange die Fraktionen in ihren politischen Rollen verharren, wird die Gysi-Geschichte nicht wirklich aufzuklären sein. M. Meisner kommentiert. von Matthias Meisner

Gregor Gysi legte sich fest – auf die Mitläuferrolle. 21 Jahre ist das her, die Stasidebatte um den Politiker tobte zum ersten Mal heftig. Gysi habe "immer auf der anderen Seite der Barrikade, auf der Seite der Mächtigen gestanden", hielten ihm die DDR-Bürgerrechtler vor. Dieser entgegnete, das Leben in der ostdeutschen Gesellschaft sei sehr viel vielfältiger gewesen: "In der DDR stand ich politisch eindeutig weder auf der Seite der Mächtigen noch auf Seiten der Oppositionellen."

Die Rolle des Weder/Noch ließen ihm seine Kritiker nicht durchgehen, auch wenn Gysi beharrlich an der Legende strickt. Im Streit mit der Birthler-Behörde um die Herausgabe von Dokumenten an den Spiegel behauptete Gysi 2005, er sei "ebenso wenig eine Person der Zeitgeschichte gewesen wie der Zahnarzt" seines Mandanten Robert Havemann. Die Behördenchefin sagte dazu, Gysi sei als Verteidiger bekannter Systemkritiker sehr wohl "ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten". Das Verwaltungsgericht Berlin ging 2006 in seinem Urteil noch weiter: Als politischer Strafverteidiger in der DDR sei Gysi mindestens so bekannt gewesen wie "Star-Anwälte" im Westdeutschland.

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Lässt sich so klären, ob Gysi ein Stasi-Spitzel war? Nicht wirklich, weil keiner aus seiner Rolle herauskommt. Linken-Chefin Katja Kipping warnt nun vor einem "Abschlag bei der Würde" von Ostdeutschen. "Viele hier", sagt sie, hätten es "einfach satt, dass ohne jede Ahnung vom Alltag in der DDR Urteile über ihr Leben gefällt werden." Doch wie viel Ahnung hat Kipping von diesem Alltag – zur Wende eine Thälmann-Pionierin im zarten Alter von elf Jahren? In ihrer Bewerbungsrede für den Parteivorsitz vor einem Jahr hatte sie noch stolz erzählt, dass sie einen West-Mann geheiratet hat – die gemeinsame Tochter sei ein "Mischlingskind". Jetzt ist die Nachwuchspolitikerin zurückgefallen ins düstere Klischee: die Linkspartei als Verteidigerin von Menschen, die zu ihren (Ost-)Biografien stehen. Egal, wie misslungen die waren.

Gysi und die Stasi: Das Thema passt immer, denn die einen wollen die Linke raushaben aus dem Bundestag, die anderen rein. Zur zweiten Gruppe gehören auch Angela Merkel und ihre Unionsfreunde. Gysi und seine Genossen sollen helfen, Rot-Grün zu verhindern.

Und weil es ohnehin nicht um Aufklärung geht, kann auch die Linkspartei ihr Rollenspiel aufführen. Vor fünf Jahren versicherte Oskar Lafontaine, damals Parteichef, seinem Mitstreiter nach Stasi-Vorwürfen entschiedene Solidarität. Diesmal belässt er es bei einer Talkshow-Plauderei: Gelacht habe er, sagt Lafontaine bei Günther Jauch. "Das langweilt mich jetzt allmählich." Spannender als die Stasi-Geschichte findet der Saarländer, wie er seine Freundin Sahra Wagenknecht befördern oder mit dem eigenen Comeback drohen kann. Gysi aber will mit 65 noch nicht von der Rolle sein: Seinen Rücktritt gönnt er nicht mal Parteifreunden.

Alle in ihrer Rolle? Fast alle. Ausgerechnet einer hat die Linie verändert: der neue Stasiaktenhüter Roland Jahn. Als Fernsehjournalist in den neunziger Jahren gehörte er zu den eifrigsten Verfolgern des PDS-Politikers. Inzwischen mahnt er im Fall Gysi zur strengen Orientierung an den Stasi-Protokollen. IM-Tätigkeiten würden viel zu stark als Glaubensfragen diskutiert, sagt er. Und: Widersprüche müssten anhand der Aktenlage aufgeklärt werden und nicht anhand der Frage: "Nützt es uns?".

Gysi als Mitläufer, Jahn als Wendehals. Eigentlich eine schöne Pointe. Nur, die Geschichte ist noch nicht zu Ende.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. da gibt es eine Partei mit einem herausragenden Kandidaten die sich glaubhaft gegen den Raubtierkapitalismus und gegen staatliche Abzockerei einsetzt und schon werden von oppositionellen Kräften Verleumdungskampagnen gestartet. Für mich ist G.Gysi jedenfalls lieber als ein V. Kauder CDU, oder ein Martin Lindner von der FDP. Beide zündeln gefährlich mit deutlich braun gefärbten Aussprüchen bzw. Gedankengut.

    Eine Leserempfehlung
  2. Ich möchte, dass Herr Gysi als einer der brilliantesten Polit-Unterhalter im drögen bundesdeutschen Parlament in der nächsten Legislaturperiode den Neoliberalen-Koalitionären - welcher Couleur auch immer - weiterhin unmissverständlich leidenschaftlich die Leviten liest.
    Ggf. würde ich sogar dafür die LINKE wählen ...

    Seine Vorwende-Vita interessiert mich inzwischen genauso viel/wenig wie die von Angela Merkel, Joachim Gauck u.a. Spitzen.
    Gysi hat in seiner eidesstattlichen Erklärung, soweit sie veröffentlicht bekanntgemacht wurde auf geschickte Weise die Wahrheit gesagt, wie es einem Advokaten würdig ansteht.

    Ich möchte nicht seine heutigen Scharfrichter aus der ehem. BRD erlebt haben, wenn die in einem totalitären System sozialisiert worden wären. Alles heldenhafte Widerstandskämpfer "mit der Faust in der Tasche" (so wie Gauck etwa), oder was?

    Und wer als gewählter Vertreter uns, das Volk noch nie belogen haben sollte, möge sich von mir als Gysis "Advocatus Diaboli" profilieren!

  3. Die erneut aufgeflammte Hetzjagd gegen Gysi zeigt nur, dass im Vorfeld des Wahlkampfes seine Gegner Angst haben, Angst vor einem äußerst klugen, rhetorisch begabten linken Politiker. Das zeigt auch das Erbärmliche des jetzigen schwarz-gelben politischen Systems, wo staatliche Organe missbraucht werden, um unliebsame Gegner loszuwerden. Aber die Rechnung wird nicht aufgehen, bei Ungerechtigkeiten zeigt sich oftmals der sogenannte „Solidaritätseffekt“, der Zuspruch für die Linken wird nicht sinken – eher steigen!!!
    Herr Gysi, alles Gute, viel Kraft und Durchhaltevermögen!

  4. [...]

    Vor den Wahlen ist nicht nach den Wahlen....

    "Alle in ihrer Rolle? Fast alle. Ausgerechnet einer hat die Linie verändert: der neue Stasiaktenhüter Roland Jahn. Als Fernsehjournalist in den neunziger Jahren gehörte er zu den eifrigsten Verfolgern des PDS-Politikers. Inzwischen mahnt er im Fall Gysi zur strengen Orientierung an den Stasi-Protokollen."
    Das Thema passt immer dann, wenn sie die Linke raushaben wollen aus dem Bundestag und die anderen rein. Zur zweiten Gruppe gehören auch Angela Merkel und ihre Unionsfreunde

    Gekürzt. Bitte beachten Sie, dass wir auf diese Seite nicht verlinken möchten. Die Redaktion/jk

  5. Werden höchstwahrscheinlich wohl zusammen in einem Grab enden wenn sich da nicht wirklich etwas tut. Ich finde es schrecklich das dieser Mann immer noch in der Lage ist sowohl seine eigene Geschichte für Unersuchungen und Bewertungen abschliessen zu können und gleichzeitig in der Bundspolitik als Bundestagsabgeordneter tätig sein zu können. Dies passt einfach nicht in einer Demokratie wie Deuschland sie gerne sein möchte und bringt auch noch Erinnerungen hoch die eigentlich schon längst den Jahren Sechszig gehören!
    Dabei stört es mich sehr das GYSI immer noch von seinen Kollegen noch als offensichtlich ehrenhaft angesehen und auch so behandelt wird!
    Von mir aus könnte das nur sein wenn es selbst völlig offen war über eben die Geschichte in der DDR und sich daraus nichts schlechtes ausgestellt hat.

  6. dass sollte ebenso unstrittig sein, wie die Tatsache, dass die Regierung der Bundesrepublik Deutschland, Franz-Josef Strauß und viele, viele Wirtschaftsführungsmanager der Bundesrepublik Deutschland über Jahrzehnt diese Gewaltherrschaft eifrig und emsig gestützt und gesponsert haben, um all ihre herrliche Gewinne aus dem Interzonenhandel nur ja nicht zu verlieren.

    Jenseits aller parteipolitischen Polemiken, Propaganda- und Agitationskampagnen, die zwischen den bürgerlichen Parteien und der post-stalinistischen Linkspartei so eifrig und emsig betrieben werden, stehen die
    nüchternen, harten, bitteren und alles entlarvenden Fakten, die von der "erfolgreichen" Zusammenarbeit der Macht- und Besitzkader in Ost und West zu Lasten der Bevölkerungen beider Deutschland betrieben wurden.

    Wer sich den Tatsachen nicht stellen will, die zwischen 1949 und 1989 in Deutschland, in beiden Teilen, als so "vorteilhaft" für die jeweilige Macht- und Besitzelite in diesen Systemen erwiesen haben, der will auch gar nicht wissen, was Nazis und was Stalinisten sind. Derjenige will nur seine komfortable und kommode Selbstgerechtigkeit und seinen immer gefüllten Fresstrog, aus dem ja stets die dummen Kälber zu fressen pflegen, die sich schlussendlich ihre Schlächter damit stets selber wählen. Wie bei der kommenden Wahl zum Bundestag der Deutschen.

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  • Schlagworte Gregor Gysi | Oskar Lafontaine | Aufklärung | Angela Merkel | Die Linke | Die Linke
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