150 Seiten hat es, das interne Papier, das einmal das Programm der Grünen für die Bundestagswahl werden soll. Der erste Entwurf ist in einem ermunternden Stil geschrieben. "Teilhaben. Einmischen. Zukunft schaffen" – dazu rufen die Grünen ihre potenziellen Wähler auf. "Zeit, dass sich was ändert", postuliert die Partei an anderer Stelle. Ganz offensichtlich wird da ein grüner Motivationswahlkampf geplant,  in dem sich – laut Papier – alle Arten von Menschen, ob "Idealistin, Realistin oder Zweiflerin" wiederfinden können sollen.

An die SPD ketten?

Am Montag wurde der erste Entwurf der Schreibgruppe aus Parteifunktionären in einer großen Runde beraten. In Berlin kamen dazu die Spitzenkandidaten, die Landesvorsitzenden, der erweiterte Parteivorstand (Parteirat) und andere grüne Strategen zusammen. Bei der nicht öffentlichen Diskussion wurden einige dieser blumigen Empfehlungen der Präambel des Programms gerügt.  "Was die Visionen für eine grüne Gesellschaft angeht, da wünsche ich mir mehr Mut zu deutlicheren Positionen", sagte zum Beispiel Parteiratsmitglied Rasmus Andresen ZEIT ONLINE vorab. Mit Sorge registrieren vor allem viele linke Grüne, dass ihre Parteivorderen zunehmend vorsichtig und realpolitisch agieren. Auch manchem Parteifunktionär fehlt etwas: In der Gremiensitzung wurde dem Vernehmen nach "klare Kante" und "mehr Zuspitzung" gefordert.

Auch in der immer wieder aufkeimenden Diskussion um schwarz-grüne Optionen nach der Bundestagswahl vertreten die Spitzengrünen im Moment eher eine Vermeidungsstrategie. Zwar ist man sich in der Partei einig darin, dass man eine Koalition mit der SPD anstrebt. Auf den wesentlichen Politikfeldern, zum Beispiel in der Steuer- und Sozialpolitik, gibt es deutliche Übereinstimmungen mit den Sozialdemokraten und eben nicht mit der Union. Das Problem ist nur: Kein Grüner ist sich mehr sicher, ob die Mehrheitsverhältnisse am Abend des 22. September für Rot-Grün reichen werden. Der äußerst knappe Wahlausgang in Niedersachsen ist dabei mehr Anlass zur Sorge als zur Euphorie: Dort kamen SPD und Grüne nur auf die wacklige Regierungsmehrheit von einem Sitz.

Die Frage, die nun über allem steht: Was nützen den Grünen ihre aktuell guten Umfragewerte, wenn ihnen dank der schwachen SPD ein Partner zur Macht fehlt? Könnten sie sich auch vorstellen, im Zweifel mit der Union über ein Regierungsbündnis zu verhandeln? Das "Gespenst Schwarz-Grün" verfolgt die Partei schon länger – und nervt die Funktionäre gewaltig. Sie glauben, dass ihnen linke Wähler davonlaufen könnten, wenn sie zu sehr mit der Union liebäugeln. Auch deshalb findet sich im ersten Entwurf für das Wahlprogramm jetzt ein Hinweis darauf, dass man "in diesem Bundestagswahlkampf für starke Grüne in einer Regierungskoalition mit der SPD" kämpfe: "Nicht weil wir die SPD immer toll finden, sondern weil wir in diesem Regierungsbündnis die besten Chancen sehen, einen Wandel zum Besseren zu bewirken."

Lagerwahlkampf mit Hintertürchen

Dieser Wortlaut wurde am Montag auch von den erweiterten Führungsgremien durchgewunken. Nicht eine kritische Wortmeldung gab es. Dabei schließt die Formulierung Schwarz-Grün als Notoption nicht aus, darauf verweisen sie auch bei den Grünen, und zwar nicht nur im der CDU eher zugeneigten Realo-Flügel. Strategisch klug findet das Wahlforscher Jürgen Falter von der Universität Mainz: "Das ist ein Lagerwahlkampf mit Hintertürchen."

Auch Dieter Janecek kann mit der Formulierung im Wahlprogramm-Entwurf leben – und das will was heißen. Der bayerische Grünen-Vorsitzende fordert von der Partei, dass sie sich eine schwarz-grüne Option im Bundeswahlkampf ausdrücklich offenlässt. Dass Janecek ausgerechnet zwei Tage nach dem rot-grünen Wahlsieg in Niedersachsen ein entsprechendes Positionspapier öffentlich machte, hat die allermeisten Grünen extrem verärgert. Janecek, der in diesem Jahr erstmals für ein Bundestagsmandat kandidiert, wolle sich nur wichtig machen, hieß es. "Es ist nicht mein Demokratieverständnis, dass wir mögliche Gestaltungsoptionen von vornherein ausschließen", entgegnet Janecek.

 55 Prozent der Grünen-Anhänger drohen mit Stimmentzug bei schwarz-grünem Flirt

Janeceks zahlreiche Gegner verweisen auf eine interne Umfrage des Instituts infratest dimap unter Grünen-Anhängern: 55 Prozent würden der Partei ihre Stimme versagen, sollten die Grünen sich im Wahlkampf für Schwarz-Grün aussprechen, heißt es darin. Die konkreten Zahlen bekamen bis Montag nur die wenigsten Grünen zu Gesicht, während sie bereits in der Presse kursierten. Am Nachmittag dann wurde die Studie den Teilnehmern der Gremiensitzung vorgestellt.

Die Konsequenz aus den Befunden: Bis September wollen sich die Grünen "rhetorisch weit entfernen" von der CDU, heißt es von Mitgliedern des Parteirats. Im Wahlprogramm-Entwurf ist an einigen Stellen von "der Regierung Merkel" die Rede, die abgewählt gehöre. Doch für die Grünen ist die Beliebtheit der Kanzlerin eine Bürde im Wahlkampf. In der Partei kursiert seit einiger Zeit ein Spruch, der witzig gemeint ist, aber den Kern des Problems trifft: "Die Deutschen wünschen sich eine rot-grüne Regierung mit einer Kanzlerin Angela Merkel."

Tatsächlich ist es so, dass nicht wenige Grüne sich durchaus ein Bündnis mit einer modernen CDU vorstellen könnten, sich aber nicht sicher sind, ob dies jetzt schon möglich wäre. Auch daher wird hinter vorgehaltener Hand immer betont, dass Schwarz-Grün frühestens 2017 und nicht schon in diesem Jahr denkbar sei. "Die Hürden für ein schwarz-grünes Bündnis nach der Bundestagswahl wären extrem hoch", glaubt auch Parteienforscher Falter: "Gleichzeitig haben die Grünen den Anspruch zu gestalten. Möglich ist dies nur in einer Regierung."

"Schwarz-Grün ist tot"

Dass Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckardt nach einer verlorenen Wahl für Rot-Grün mit der CDU über Regierungsoptionen zumindest sprechen würden, das mag im Moment kaum jemand bestreiten. Eben deshalb kocht die Debatte immer wieder hoch.

Die Formulierung im Wahlprogrammentwurf kann das Grundproblem vertagen – beseitigen nicht. Der Berliner Landesvorsitzende Daniel Wesener hatte daher überlegt, mit einigen Mitstreitern auf dem Programmparteitag im April einen Antrag einzubringen, in dem von den Grünen ein expliziter Ausschluss eines Bündnisses mit der CDU gefordert wird. Nun gibt er sich besänftigt: "Schwarz-Grün ist tot. Das ergibt sich aus der Formulierung im Programmentwurf, die auch eine Antwort auf den Vorstoß aus Bayern ist." Sollte die leidige Schwarz-Grün-Debatte entgegen seiner Erwartung anhalten, so Wesener, würde er aber darüber nachdenken, seine Meinung zu ändern.