Seit Jahren wehrt sich Gregor Gysi gegen die Darstellung, er habe der DDR-Staatssicherheit Informationen zugetragen. Egal ob er Spitzel, Informant oder Inoffizieller Mitarbeiter genannt wurde, stets beteuerte er seine Unschuld. Energisch ging er mit Klagen oder Unterlassungsbegehren gegen Berichte, Gutachten, Artikel oder Interviewäußerungen vor, bis hin zum Bundesverfassungsgericht.

Gysi führte auch an, die Stasi habe ihn schon 1980 für ungeeignet befunden. Insofern könne er kein Spitzel gewesen sein. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Hamburg gegen ihn, weil er eine falsche Eidesstaatliche Erklärung über seine Kontakte zur Stasi abgegeben haben soll.

Sicher ist, dass der einstige Dissidentenanwalt zu den Grenzgängern gehört. Ähnlich wie etwa der ehemalige brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe. Der erklärte seine Kontakte zur Stasi immer mit seiner Verantwortung als Kirchenfunktionär und zog ebenfalls wegen der Vorwürfe bis vor das Bundesverfassungsgericht. Doch auch von seiner IM-Tätigkeit sind frühere Regimekritiker überzeugt.

Im Falle Gysis finden sich in Akten Hinweise, der dort erwähnte IM "Notar" könnte dieselbe Person wie der Linke-Politiker sein. Frühere Bürgerrechtler halten eine IM-Tätigkeit damit für belegt. So etwa Bärbel Bohley, die von Gysi in den neunziger Jahren verklagt wurde, weil sie ihn nach dem Aktenstudium als Stasi-Spitzel bezeichnet hatte. Er ließ seiner früheren Mandantin dies gerichtlich untersagen; das Bundesverfassungsgericht gab ihm 1999 Recht.

Begegnung mit Robert Havemann

Gysi vertrat einerseits Oppositionelle wie Bohley, Rudolf Bahro, Lutz Rathenow oder Robert Havemann gegen das Unterdrückungsregime der DDR. Andererseits hatte er gerade in dieser Funktion zwangsläufig Kontakt und Austausch mit Führungskadern der herrschenden SED. Und deren Parteispitzen waren nicht selten auch im Dienste der Stasi unterwegs.

Noch nicht mal die betroffenen Spiegel- Journalisten haben bisher behauptet, von Gysi ausspioniert und verraten worden zu sein.
Leserkommentar von angste

Zu den markantesten Auseinandersetzungen gehört der Streit um Protokolle über Begegnungen Gysis mit dem DDR-Oppositionellen Robert Havemann. Als sein Anwalt sollte Gysi ihn unter anderem davon abbringen, in Westdeutschland Bücher zu veröffentlichen. Gysi versuchte über Jahre hinweg – letztlich erfolglos –, die Herausgabe dieser Protokolle auf rechtlichem Wege zu verhindern. 2008 zog er seine Berufung zurück und machte den Weg für die Veröffentlichung frei. Unter anderem ging es darum, ob Gysi der Stasi über Gesprächsdetails von einer gemeinsamen Autofahrt mit Havemann im Jahr 1979 berichtet hatte oder nicht.

Marianne Birthler, die vor Roland Jahn und Joachim Gauck Bundesbeauftragte für die Stasi-Akten war, bekräftigte nach der Veröffentlichung ihre Kritik an dem einstigen Dissidentenanwalt. Es gebe Stasi-Akten zu einem IM, sagte sie in Interviews. "Und der kann nach Aktenlage nur Gregor Gysi gewesen sein." Dass Gysi "wissentlich und willentlich" Informationen lieferte, reiche aus, um als Stasi-Spitzel zu gelten. Eine schriftliche Verpflichtungserklärung gegenüber der Stasi sei dafür nicht zwingend erforderlich. Gysi ging danach unter anderem gegen das ZDF vor, das ein Interview mit Birthler gesendet hatte.