Stasi-ZusammenarbeitGysi, der streitbare Grenzgänger

Die Kontakte zur DDR-Spitze waren zahlreich, auch mit der Stasi sprach Gregor Gysi. Viele sehen im einstigen Dissidentenanwalt einen Spitzel, doch er weiß sich zu wehren. von 

Gregor Gysi

Gregor Gysi  |  © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Seit Jahren wehrt sich Gregor Gysi gegen die Darstellung, er habe der DDR-Staatssicherheit Informationen zugetragen. Egal ob er Spitzel, Informant oder Inoffizieller Mitarbeiter genannt wurde, stets beteuerte er seine Unschuld. Energisch ging er mit Klagen oder Unterlassungsbegehren gegen Berichte, Gutachten, Artikel oder Interviewäußerungen vor, bis hin zum Bundesverfassungsgericht.

Gysi führte auch an, die Stasi habe ihn schon 1980 für ungeeignet befunden. Insofern könne er kein Spitzel gewesen sein. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Hamburg gegen ihn, weil er eine falsche Eidesstaatliche Erklärung über seine Kontakte zur Stasi abgegeben haben soll.

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Sicher ist, dass der einstige Dissidentenanwalt zu den Grenzgängern gehört. Ähnlich wie etwa der ehemalige brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe. Der erklärte seine Kontakte zur Stasi immer mit seiner Verantwortung als Kirchenfunktionär und zog ebenfalls wegen der Vorwürfe bis vor das Bundesverfassungsgericht. Doch auch von seiner IM-Tätigkeit sind frühere Regimekritiker überzeugt.

Im Falle Gysis finden sich in Akten Hinweise, der dort erwähnte IM "Notar" könnte dieselbe Person wie der Linke-Politiker sein. Frühere Bürgerrechtler halten eine IM-Tätigkeit damit für belegt. So etwa Bärbel Bohley, die von Gysi in den neunziger Jahren verklagt wurde, weil sie ihn nach dem Aktenstudium als Stasi-Spitzel bezeichnet hatte. Er ließ seiner früheren Mandantin dies gerichtlich untersagen; das Bundesverfassungsgericht gab ihm 1999 Recht.

Begegnung mit Robert Havemann

Gysi vertrat einerseits Oppositionelle wie Bohley, Rudolf Bahro, Lutz Rathenow oder Robert Havemann gegen das Unterdrückungsregime der DDR. Andererseits hatte er gerade in dieser Funktion zwangsläufig Kontakt und Austausch mit Führungskadern der herrschenden SED. Und deren Parteispitzen waren nicht selten auch im Dienste der Stasi unterwegs.

Noch nicht mal die betroffenen Spiegel- Journalisten haben bisher behauptet, von Gysi ausspioniert und verraten worden zu sein.

Leserkommentar von angste

Zu den markantesten Auseinandersetzungen gehört der Streit um Protokolle über Begegnungen Gysis mit dem DDR-Oppositionellen Robert Havemann. Als sein Anwalt sollte Gysi ihn unter anderem davon abbringen, in Westdeutschland Bücher zu veröffentlichen. Gysi versuchte über Jahre hinweg – letztlich erfolglos –, die Herausgabe dieser Protokolle auf rechtlichem Wege zu verhindern. 2008 zog er seine Berufung zurück und machte den Weg für die Veröffentlichung frei. Unter anderem ging es darum, ob Gysi der Stasi über Gesprächsdetails von einer gemeinsamen Autofahrt mit Havemann im Jahr 1979 berichtet hatte oder nicht.

Marianne Birthler, die vor Roland Jahn und Joachim Gauck Bundesbeauftragte für die Stasi-Akten war, bekräftigte nach der Veröffentlichung ihre Kritik an dem einstigen Dissidentenanwalt. Es gebe Stasi-Akten zu einem IM, sagte sie in Interviews. "Und der kann nach Aktenlage nur Gregor Gysi gewesen sein." Dass Gysi "wissentlich und willentlich" Informationen lieferte, reiche aus, um als Stasi-Spitzel zu gelten. Eine schriftliche Verpflichtungserklärung gegenüber der Stasi sei dafür nicht zwingend erforderlich. Gysi ging danach unter anderem gegen das ZDF vor, das ein Interview mit Birthler gesendet hatte.

Leserkommentare
  1. ganz andere Leute mit Sicherheit Stasi-Kontakte wie etwa Pastor Gauck, Manfred Stolpe, etc. Nach einer Doku, die einmal auf Phoenix lief, suchten Stasi-Leute bewußt Kirchenleute (egal ob einfacher Gemeindepfarrer oder mehr) auf, um mit Informationen versorgt zu werden. Die Stasi arbeitete auch gerne mit FDJ-Funktionären zusammen, auch wegen der Informationsgewinnung. Viele FDJ-Funktionäre wie etwa Honecker und Co. stiegen in die höchsten Ämter der DDR auf. Auch bei uns hat es eine ehemalige FDJ-Funktionärin zur Regeierungschefin gebracht. Während des 9.11.89 war sie ja die mutige Widerstandskämpferin, die ganz todesmutig in der Sauna saß.
    Bitte hört mir auf mit dieser seltsamen Sichtweise. Wäre ich ein ehemaliger Stasi-Mann würde ich kaum eine Karriere in der Linken anstreben, sondern hätte mich in der CDU und bei den Liberalen etabliert. Nur in diesen Parteien hätte ich es in den Wendejahren unbehelligt bis an die Spitze geschafft, ohne dass mich jemand wegen der Stasivergangenheit beobachtet. In der Linken ist man ja schon von Hause aus verdächtig. Deshalb machten ja auch nach 1945 viele Nazis nicht in der SRP (NPD) Karriere, sondern in der FDP, CDU/CSU oder im BHE. Übrigens hatte Gauck sehr viele ehemalige Stasimitarbeiter in seiner Behörde beschäftigt, der jetzige Leiter betreibt da jetzt quasi eine Aufarbeitunfg. Richtet euren Fokus nicht immer auf die Linke, dort mag es sicher den ein oder den anderen geben. Interessanter sind Stasi-Leute in den anderen Parteien.

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    • AndreD
    • 12. Februar 2013 11:26 Uhr

    Entfernt, bitte bleiben Sie beim Thema. Danke, die Redaktion/se

    • AndreD
    • 12. Februar 2013 11:41 Uhr

    dass das Thema immer wieder bei Gregor Gysi hervorgekramt wird. Immer wieder das gleiche Thema, das schon längst vor Gerichten durchgearbeitet ist. Wahrscheinlich öfter als jedes andere Thema.

    Auffallend dabei ist, dass Menschen, die vollkommen in das ideologische Geflecht eingebunden waren, wie es zum Beispiel auf Angela Merkel als FDJ-Propagandabeauftragte (wie viel Überzeugung braucht es für diesen Posten?) zutrifft, gar nicht diskutiert wird.

    Es scheint wirklich daran zu liegen, welcher Partei jemand angehört. Oder warum fragt niemand genau nach, warum Gauck seine Kinder in den Westen schicken durfte, wofür andere ihr gesamtes Hab und Gut liegen ließen!

    Meiner Meinung nach riecht das nach einer Kampagne.

  2. Die Akte von Gauck ist ja wohl nicht öffentlich einsehbar. Was er praktischerweise selbst anordnen konnte. Dass er viel mit der Stasi sprechen musste ist aber anzunehmen.
    Ohne Linke-Mitglied zu sein und für diesen Aspekt der DDR ("Sicherheitsapparat") die geringste Sympathie zu haben, scheint diese Kampagne nun doch überzogen und durchschaubar. Dabei kann es jemanden der Schwarz-Gelb endlich weg sehen will nur recht sein wenn die Linke Prozente verliert. Paradox der Wahllogik.

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    die Fakten gegen ihn, was jeder Ostdt. weiß, Reisefreiheit (Ein und Ausreise) für seine ausgewanderten Kinder ein Ding der Unmöglichkeit ausser für regimenahe Bürger, Beschaffung von Gütern des Klassenfeindes (VW Bus) etc., spannend ist das ja auch Frau Kasner aus dem selben norddt. Kirchendunstkreis kommt und mittels willfährigen Richtern Veröffentlichungen von komprimierendem Material unterbindet.
    http://www.spiegel.de/spi...

    Aber mit dem durchschaubar haben sie wohl recht, da wohl bei den Chefredakteuren wohl die Angst grassiert, das sie in ihrem Kadavergehorsam vlt. wieder verklagt werden und verlieren. Da ja die Qualitätsmedien der besten Presse der Welt (Nov. 2012, di Lorenzo) gerade wieder zurückrudern, was auch verwunderlich ist, dass die BILD nicht auf den Zug aufgesprungen ist, die es wie man ja im Fall Wulff sehen konnte, wahrscheinlich am Besten wissen müssten.

  3. In meiner NVA Kompanie ist 1988 eine nicht unerhebliche Menge Munition weggekommen (50 Schuss FLA-MG-Munition 12,8mm). Ich hatte das Pech, dass ich beim Ausräumen des leeren Gurtkastens aus dem Panzer dabei war, weshalb ich mehrfach dazu aussagen musste. Die Untersuchungen wurden vom Stasi-Major des Regiments geleitet. Ich sollte eine Vermutung, wie ich mir das Verschwinden erklären könne, niederschreiben.
    War ich deshalb ein IM? Was hätte ich tun sollen? Sagen: "Mit Ihnen rede ich nicht." oder "Für die Stasi schreibe ich nichts." Wie witzig!
    Das Land war voller IM, in meiner Heimatstadt hat, wie man später erkannte, die Hälfte des Tennisvereins (Boris-Becker-Sport!) für die "Firma" spioniert.
    Ich vermute, dass in der DDR nicht einmal ein Einsiedler ohne Stasikontakte leben konnte...wie ein Bundesbürger ohne regelmäßigen GEZ-Besuch auch lange undenkbar schien.

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    Und was war nun mit der Munition? Die Auflösung der Geschichte sind Sie uns noch schuldig!

    • hairy
    • 12. Februar 2013 10:16 Uhr

    Die Stasi hat damals auch in den Schulen ihre Runden gedreht, ob wer mit 16 oder 18 Lust haette, mal einen Schnupperkurs zu machen... manchmal auch mit Nachdruck gefragt, und Vorteile angeboten natuerlich...

    Ich finds laechlich, wieviele Leute keinen Dunst von den Verhaeltnissen haben, aber bei jedem Stasikontakt den Verrat wittern. Entweder ist das Paranoia oder absichtliche Verleumdung.

  4. die Fakten gegen ihn, was jeder Ostdt. weiß, Reisefreiheit (Ein und Ausreise) für seine ausgewanderten Kinder ein Ding der Unmöglichkeit ausser für regimenahe Bürger, Beschaffung von Gütern des Klassenfeindes (VW Bus) etc., spannend ist das ja auch Frau Kasner aus dem selben norddt. Kirchendunstkreis kommt und mittels willfährigen Richtern Veröffentlichungen von komprimierendem Material unterbindet.
    http://www.spiegel.de/spi...

    Aber mit dem durchschaubar haben sie wohl recht, da wohl bei den Chefredakteuren wohl die Angst grassiert, das sie in ihrem Kadavergehorsam vlt. wieder verklagt werden und verlieren. Da ja die Qualitätsmedien der besten Presse der Welt (Nov. 2012, di Lorenzo) gerade wieder zurückrudern, was auch verwunderlich ist, dass die BILD nicht auf den Zug aufgesprungen ist, die es wie man ja im Fall Wulff sehen konnte, wahrscheinlich am Besten wissen müssten.

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    Wir haben eine Bundeskanzlerin, die zu ihrer Vergangenheit als FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda mit allen Privilegien steht, jedoch einen Bundespräsidenten, bei dem noch vieles aus DDR-Zeiten im Dunklen liegt.

    Frau Merkel hat ihn nicht gewollt, aber dann kam Philip Rösler mit dem Froschvergleich bei Maruks Lanz und da mußte sie wohl schnell springen.

    Wenn nun die Ermittlungen gegen Christan Wulff seine Unschuld beweisen, könnte man dann die Bundespräsidenten nicht wieder austauschen ?

    Was Gregor Gysi angeht, natürlich mußte er Kontakte zur Stasi halten. Hätte er sonst als Anwalt für Dissidenten die Ausreise erreichen können ?

    Ich habe den Eindruck, da will sich ein Richter im Ruhestand wichtig machen und Strobl, bzw. Gröhe haben bereits ihr Urteil gefällt. Das aber ist so richtig schön christlich-demokratisch.

    Wer muss sich am Ende wohl schämen ?

    • drusus
    • 12. Februar 2013 8:38 Uhr

    Die "Beweise", die Herr Steffen hier liefert, sind sehr dünn. Nur weil jemand meint, der Charakter in den Protokollen passe zu Gysi, kann daraus nicht so eine Hetzjagd inzeniert werden. Genau das waren ja die Methoden der Stasi, Menschen zu diskreditieren.

    Übel,übel,übel....

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    Redaktion

    Hallo Drusus, ich selbst führe hier keine Beweise an, ich gebe nur die Sichtweise von Gysi-Kritikern wie Marianne Birthler wieder.

    Um klar über Gysi urteilen zu können, sind natürlich Beweise erforderlich. Doch der Konflikt ist, wie beschrieben, dass sich gerichtsfest nicht beweisen lässt, wovon Gysi-Kritiker überzeugt sind, teils aus eigenem Erleben heraus. (Recht haben und Recht bekommen...)

    Viele Grüße, Tilman Steffen

    • AndreD
    • 12. Februar 2013 14:00 Uhr

    Es wird hier zwar über Gysi geschrieben, aber ich finde es doch sehr interessant, dass Journalisten und Eliten sich in ihrer Meinung angleichen.

    Dazu dieser Artikel:
    http://www.heise.de/tp/ar...

    Wohlgemerkt: Der Autor wirft keine "fremde Hand" vor, die "die Feder des Journalisten führe", sondern eine beeinflussende Nähe.

  5. Bzw alle Wahljahre wieder. Hätte Herr Gysi einfach sein Ehrenwort gegeben, nie über seine Stasikontakte zu sprechen, dann hätte er längst Ruhe. Oder habe ich das mit dem Ehrenwort falsch verstanden? ;-)

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  6. schön, dass der Pabst aus Solidarität mit Gregor seinen Rücktritt angekündigt hat! Das nimmt Wadenbeißern wie dem Dobrindt den Wind aus den Segeln. Selbst unsere schlesische Buschhecke, sprich Thierse hat die Aussichtslosigkeit des Unterfangens erkannt, ebenso der Anstandswauwau der ostdeutschen Spezialdemokraten Richard Schröder. Nur Jahn und Knape haben noch nicht mitgekriegt das Wahlkampf ist. Aber so kam Hubertus mal wieder in die Presse, der muß ja schon Enzugserscheinungen gehabt haben...

    Nun mal zur Sache: was dem Aktengläubigen Bundesbürger, der mit dem Antikommunismusgen aufgewachsen ist nicht zu vermitteln ist:

    Die Stasi war ein DDR-Betrieb mit all seinen Sonderlichkeiten wie Plan und Gegenplan! Wenn zum Abrechnungszeitpunkt der IM-Plan nicht erfüllt war, wurden welche erfunden, bzw. Verpflichtungen getürkt. Wie ich in meiner Zeit während der Auflösung erfuhr, haben zum Beispiel im Bezirk Frankfurt (Oder) selten Aufzeichnungen und Verpflichtungen bei Gesprächspartnern stattgefunden, mit denen man interessante Gespräche führen konnte oder wollte.
    Dafür gab es aber IM-Material zu und von Leuten, die davon überhaupt nix wußten, also Planerfüllungsziffern. Wer sich also hinstellt und behauptet, was in den aufgefundenen Unterlagen zu lesen ist, sei die reine Wahrheit ist ein großer Trottel! Und es ist leider nicht auszuschließen, dass sowas auch mal Behördenleiter ist.

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  7. Und was war nun mit der Munition? Die Auflösung der Geschichte sind Sie uns noch schuldig!

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    Antwort auf "Welch Hysterie!"
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    De blieb spurlos verschwunden, keiner wurde inhaftiert, kein Schuldiger gefunden, dem vor versammelter Truppe übel beschuldigten "Hauptverdächtigen" (den ich zu entlasten helfen konnte) war nichts nachzuweisen und so wurde die Sache schlussendlich unter den Teppich gekehrt.
    So ganz undeutsch war die DDR nicht...

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