Hahn-ÄußerungViel Lärm um nichts

Die Aufregung über die angeblich rassistische Bemerkung des hessischen FDP-Chefs zu Rösler ist daneben. Sie fällt auf die Kritiker zurück, kommentiert Ludwig Greven. von 

Der Landesvorsitzende einer kleinen Koalitionspartei, der zugleich Landesminister für Justiz und Integration ist, gibt einer Regionalzeitung ein Interview. Darin stellt er die – berechtigte – Frage, ob die deutsche Gesellschaft schon so weit sei, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler noch länger zu akzeptieren. Normalerweise würde das niemand weiter beachten. Mancher Leser würde vielleicht die Stirn runzeln und sich fragen, was der Politiker damit eigentlich genau gemeint hat. Andere würden sich wundern, dass die Interviewer an dieser interessanten Stelle nicht nachgehakt haben. Aber aufregen würde sich darüber wohl niemand. Normalerweise.

Da aber die Partei, der Jörg-Uwe Hahn angehört, tief in der Krise steckt und just eine Personaldiskussion um ihren Bundesvorsitzenden hinter sich hat, stürzen sich andere Medien auf diesen einen Satz. Hessische Politiker der Linken, der Grünen und der SPD springen ebenfalls sofort auf. Schließlich wird in dem Bundesland ebenso wie im Bund im September gewählt. Gute Gelegenheit also, der Konkurrenzpartei mal wieder einen mitzugeben. Dem wackeren Minister Hahn, der zwar schon häufiger durch ebenso lautstarke wie manchmal unbedachte Äußerungen, aber noch nie als Ausländerfeind aufgefallen ist, werden rassistische Hintergedanken unterstellt, ebenso wie finstere Absichten gegen seinen Parteivorsitzenden.

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Jörg-Uwe Hahn ist seit Langem ein Unterstützer und Freund von Philipp Rösler, dem Vizekanzler und Bundeswirtschaftsminister vietnamesischer Herkunft. Und als Integrationsminister genießt er selbst bei kritischen Ausländerverbänden einen durchaus guten Ruf.

Ein Reizwort reicht

Weshalb also die scharfe Kritik an dem Satz? Zumal Hahn nach der ersten Aufregung umgehend klargestellt hatte, dass er keinesfalls Rösler angreifen, sondern nur auf den in Deutschland weit verbreiten unterschwelligen Rassismus hinweisen wollte. Und Rösler sich auch keineswegs angegriffen fühlt

Die Antwort darauf sagt viel aus über den geistigen Zustand in Deutschland und in den Medien. Es reicht ein Reizwort, um eine mediale Erregungsmaschinerie in Gang zu setzen, die sich binnen Kurzem sinnentleert. Auf allen Kanälen wird sinniert und fabuliert, was in eine bestimmte Äußerung alles hineingelegt werden könnte, was damit wohl gemeint war und gegen wen es sich gerade richtet. Einschlägig verdächtige politische und publizistische Lautsprecher und "Experten" werden befragt, bis dem geneigten Leser und Zuhörer oder Zuschauer ganz schwindlig wird und er sich ratlos fragt: Worum geht es eigentlich?

Wichtig ist doch dies: Im Deutschland des Jahres 2013 ist es offenbar für nicht wenige selbst in der FDP noch immer keine Selbstverständlichkeit, dass ihr Vorsitzender nicht in Deutschland geboren wurde. Warum das so ist, darüber wäre es wert zu reden. Und nachzudenken.
 

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Leserkommentare
  1. Hahn törichter Satz sei ihm verziehen.

    Wie er es mit Rassismus hält. hat er unmissverständlich in seiner Nibelungentreue zu Ministerpräsident Koch gezeigt. Dieser war eindeutig in seinen Äußerungen über Ausländer, Kommunuisten, und jüdischen Vermächtnissen.

    Bitte belegen Sie Ihre Aussagen mit seriösen Quellen. Danke, die Redaktion/ls

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Meine Belege sind allegemein zugänglich.

    Ich erinnere an die Koch Wahlkämpfe in Hessen. Besonders seine Kampanie gegen die doppelte Staatsbürgerschaft.

    Ich erinnere an die Schwarzgeldkonten der hessischen CDU und die "jüdischen Vermächtnisse", die diesen Konten nach Kochs Aussagen zu Grunde liegen.

    Ich erinnere an Herrn Hahns öffentliche Aussagen, zum Ministerpräsidenten Koch.

  2. "die – berechtigte – Frage, ob die deutsche Gesellschaft schon so weit sei, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler noch länger zu akzeptieren"...
    --------------------------
    ...muss angesichts der künstlich aufgeblasenen Debatte um eine derart harmlose Frage wohl leider mit "nein" beantwortet werden.
    Auf jedes Schlüsselwort mit "Rassismus, Rassismus!"-Rufen zu reagieren birgt viel mehr rassistische Tendenzen als die sachliche Frage nach der selben.

    4 Leserempfehlungen
    • 1gc
    • 08. Februar 2013 15:13 Uhr
    27. Gut...

    ... das wäre dann sicherlich verwerflich, falls das stimmen sollte, aber wie soll so eine Aussage eine Gefahr für die Toleranz darstellen, im Vergleich zu den anderen Aussagen?

    Letztendlich kritisiert er den latenten Rassismus (aus welchen Motiven auch immer) und befeuert ihn nicht (im Gegensatz zu den anderen Personen).

    Antwort auf "ablenkung"
  3. Diese Themen sind beide nicht "egal", denn in beiden Fällen geht es um mehrere Milliarden Euro. Warum die "BILD" nun ausgerechnet über das eine Thema berichtet und nicht über das andere, muss BILD selbst wissen. Wenn Sie nachfragen, werden Sie wahrscheinlich eine plausible Antwort kommen. Es liegt wohl an der politischen Ausrichtung dieses Blatts.

    Beim Thema Hahn geht es aber tatsächlich nur um einen verunglückten Satz und um Wichtigtuerei einiger Journalisten und Kommentatoren, sonst um nichts. Deshalb hat hier L. Greven einmal ausnahmsweise Recht, ebenso die Vorkommentatoren.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Ich glaube die BILD"
  4. "Das Internet hat die Kommunikation derartig beschleunigt, ..."

    Tja, aber es liegt doch nicht nur daran.

    Die Möglichkeiten werden doch schlicht von denen genutzt, die solche Luftnummern in die Welt setzen. Denen, die politischen Gegnern persönliche Verfehlungen vorwerfen und mit Dreck schmeißen.

    Ich habe den Eindruck, als gehe es in sämtlichen Medien zur Zeit nur noch um solche Kampagnen. Doktorarbeiten, Trunkenheit, Sexismus, Rassismus, Geldverdienen neben dem Amt. Bin ich der Einzige mit solchem Eindruck?

    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ls

    Eine Leserempfehlung
    • rwalze
    • 08. Februar 2013 15:26 Uhr

    Es gibt ja mehrere zweideutige Äußerungen von Herr Hahn.
    Der asiatisch aussehende Vizekanzler ist schon Stammtischniveau, schließt sich direkt an den Spruch ich kenne keine Parteien sondern nur noch Hessen an.
    Das Weltbild dieses Herren ist anscheinend aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert.

    Eine Leserempfehlung
  5. Dass es auch in Deutschland Rassismus gibt ist wohl unbestritten. Diesen gibt es wahrscheinlich in allen Ländern dieser Welt. Soviel - so bedauerlich - so faktisch.

    Was aber folgert der Herr Hahn aus diesem Umstand?
    Statt zu sagen: "Wir in der FDP werden uns mit aller Kraft dafür einsetzen, dass es in unserer Gesellschaft keine Rolle mehr spielen wird, ob ein Vizekanzler z.B. asiatisch aussieht..."

    sagt Herr Hahn:

    "Bei Philipp Rösler würde ich allerdings gerne wissen, ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler auch noch länger zu akzeptieren."

    - ..." auch noch länger..."

    Hahn versucht hier der (intoleranten und rassistischen) Gesellschaft die Schuld zuzuschieben, dass sich die FDP von Rösler demnächst ("...auch noch länger...") trennen wird müssen.

    Nicht Rösler ist Anlass für eine solche Entscheidung, weil er ein schlechter Vorsitzender ist.
    Nicht die FDP ist Schuld, weil sie keine klaren Inhalte und Köpfe hat.

    Nein! Die Gesellschaft ist schuld.

    Ob die Aussage von Herrn Hahn nun rassistisch war oder nicht, spielt eigentlich keine Rolle.
    Herr Hahn hat sich mit seiner Aussage Rassismus zu Nutzen gemacht, statt diesen zu bekämpfen.
    Das ist der eigentliche Skandal.

    12 Leserempfehlungen

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Philipp Rösler | FDP | Grüne | Lärm | SPD | Medien
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