Politbarometer : ZDF erwägt Tabubruch bei Wahlen

Für ARD und ZDF hat es bislang zum guten Ton gehört, in der Woche vor einer Wahl keine Umfrageergebnisse mehr zu veröffentlichen. Damit könnte jetzt Schluss sein.

Es wäre der Bruch mit einer langen Tradition: ARD und ZDF haben es sich bislang untersagt, in der Woche vor einer Wahl Umfrageergebnisse zu veröffentlichen. Der Wähler sollte in seiner Entscheidung nicht beeinflusst werden. Doch damit könnte bei der kommenden Bundestagswahl Schluss sein: "Wir überlegen, ob wir am Freitag vor der Wahl mit einem Politbarometer herauskommen", sagte ZDF-Redaktionsleiter Theo Koll dem Magazin Cicero.

Die jüngste Landtagswahl in Niedersachen habe "überdeutlich" gemacht, dass es problematisch sei, aktuelle Zahlen unter Verschluss zu halten, sagte Koll. In Niedersachsen hatten viele CDU-Wähler für den bisherigen Koalitionspartner FDP gestimmt, um den Liberalen über die Fünf-Prozent-Hürde zu helfen. Was die Wähler nicht wussten: Zahlen in der Wahlwoche hatten bereits mehr als fünf Prozent für die FDP vorhergesagt. Die zuletzt veröffentlichten Daten zehn Tage vor der Wahl noch nicht.

Das ZDF werde prüfen, welche Effekte ein Politbarometer wenige Tage vor der Bundestagswahl auf das Wählerverhalten haben könne, sagte Koll. Es müsse "sorgfältig abgewogen werden, ob und inwieweit der Wähler dadurch beeinflusst werden könnte – und wenn ja, ob dies einer möglichen Manipulation durch 'alte' Daten nicht vorzuziehen ist", sagte Koll.

Manipulative Effekte befürchtet

Eine wissentlich falsche Information stehen zu lassen, sodass sich eine Minderheit auf der Basis von Fehlinformationen entscheidet, führe zu einem großen "manipulativen Effekt", sagte der Leiter der Forschungsgruppe Wahlen, Matthias Jung, dem Magazin.

Die ARD jedoch will von der Tradition nicht abweichen: Jörg Schönenborn, Moderator des ARD-Deutschlandtrends, sagte Cicero, solche Umfragedaten könnten einen Kreislauf zwischen taktischen Wahlentscheidungen und neuen Entscheidungsgrundlagen in Gang setzen, der dem demokratischen Prozess nicht förderlich sei. Es sei "guter Brauch", dass ARD und ZDF in Einklang miteinander die Daten nicht veröffentlicht haben. Jedoch sei diese Vereinbarung "ohne vertragliche Bindung erfolgt". Koll sagte: "Wir denken eigenständig."

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Kommentare

39 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Aussagekräftige Überschrift

Erstmal zu den Gewerkschaften: Sie müssen mich missverstanden haben. Das Problem hier ist, dass eben nicht alle an einem Strang ziehen, sondern jeder für sich kämpft. Würde man (wieder) näher zusammenrücken, hätte man hier Arbeitgebern gegenüber ein viel effektiveres Druckmittel und wir würden (vielleicht) weniger Streiks erleben.

Dass Schreiben von "Block- und Einheitsparteien" zeigt aber genauso deutlich, wes Geistes Kind sie sind/sein könnten. Wissen sie, ich darf noch nicht so lange wählen und glaube trotzdem, dass es kaum ein besseres System gibt, als das, in dem wir leben. Fragen sie doch zum Beispiel mal in den USA nach "Partikularinteressen".

Wenn sie sich von unseren größeren Parteien nicht vertreten fühlen, so ist das schade. Sie vergessen aber, dass sie selber durchaus Möglichkeiten haben, ihre Meinung vorzubringen. Ich bin seit 2 Jahren in der Kommunalpolitik unterwegs und dort kann man durchaus einiges bewegen.

Wären mehr Menschen ihrer Meinung, versuchen sie doch mal, die dazu zu bringen, etwas zu machen. Um mehr Menschen an die Wahlurne zu kriegen, ist eine Wahlrechtsreform nicht sinnvoll. Glauben sie wirklich, dass 20% mehr Menschen zur Wahl gehen würden, wenn plötzlich die Autofahrerpartei und die Violetten im Parlament säßen?

Das Problem liegt meiner Meinung nach eher in einer selbstverschuldeten, wachsenden Biedermeier-Mentalität und sehr hohen Erwartungen. Nicht nur meckern, sondern auch mal was machen!

Als man mit Wahlen noch Einfluss hatte?

Auch heute entscheiden die Wähler über den Ausgang einer Wahl. Geändert hat sich lediglich, dass jede Stimmungsschwankung in Echtzeit als Information zu uns gelangen kann.
Darüber zu lamentieren ist wenig zielführend.
Die Klage darüber, dass die Welt früher besser gewesen sei, ist ebenso falsch wie altvertraut und ... ein wenig einfallslos und langweilig.

Es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns immer wieder aufs Neue mit der im Wandel befindlichen Welt auseinander zu setzen.

Eine, wie ich finde, spannende Aufgabe ...

Unter diesem Blickwinkel sind die Gedanken, die man sich beim ZDF macht, durchaus einer Überlegung wert.