PlagiatsvorwurfMerkel kann Schavan-Debatte nicht stoppen

Politikexperten bezweifeln, dass die Ministerin sich im Amt halten kann und geben ihr nicht mehr viel Zeit. Schon kursieren Namen möglicher Nachfolger.

Kanzlerin Angela Merkel (links) und Bildungsministerin Annette Schavan

Kanzlerin Angela Merkel (links) und Bildungsministerin Annette Schavan   |  © John MacDougall/AFP/Getty Images

Die politische Zukunft von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) ist nach dem Entzug ihres Doktortitels offen. Zwar hat Kanzlerin Angela Merkel Schavan ihr "volles Vertrauen" ausgesprochen. Trotzdem halten Hochschul- und Lehrergewerkschaften, Opposition und Politikwissenschaftler einen Rücktritt als Bildungsministerin für unausweichlich. Über mögliche Nachfolger wird bereits spekuliert.

Der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Prof. Bernhard Kempen, sagte im ZDF, für ihn sei es nur "schwer vorstellbar, dass eine Bundesbildungsministerin, die in Fragen von Exzellenz und von wissenschaftlichem Arbeiten Vorbild sein soll, sich nun ausgerechnet in einem Titelkampf befindet". Ihr privater Konflikt mache es schwierig, das wichtige Amt "effektiv und glanzvoll auszuüben. "Von daher ist der Rücktritt möglicherweise doch die richtige Konsequenz", sagte Kempen.

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Die Universität Düsseldorf hatte Schavan den Doktorgrad aberkannt, weil sie in ihrer Dissertation nicht korrekt zitiert hatte. Schavan hatte Flüchtigkeitsfehler eingeräumt, die Hochschule aber stellte fest, dass in ihrer Arbeit "in bedeutendem Umfang nicht gekennzeichnete wörtliche Übernahmen fremder Texte zu finden sind". Schavan hat angekündigt an, den Titelentzug juristisch prüfen zu lassen.

Vereinzelt bekommt Schavan auch Rückhalt aus der Wissenschaft. Der Präsident der Berliner Humboldt-Universität, Jan-Hendrik Olbertz, kritisierte, "vom Verfahren her ist die Entscheidung der Uni Düsseldorf anzuzweifeln". Die Bewertung der fraglichen Textpassagen habe nicht die nötige Tiefe, sagte Olbertz dem Focus. Auch der Präsident der Humboldt-Stiftung, Helmut Schwarz, sagte am Rande einer Reise mit Schavan in Südafrika: "Eine Ministerin muss man nach ihrer Kompetenz und Leistung beurteilen." In dieser Hinsicht gebe es keinen Grund zum Rücktritt.

Neben dem Hochschulverband haben alle Oppositionsparteien im Bundestag sowie die Lehrergewerkschaft GEW den Rücktritt der 57-Jährigen gefordert.

Schavan in der Glaubwürdigkeitsfalle?

Der Bonner Parteienforscher Gerd Langguth sieht Schavan in einer "Glaubwürdigkeitsfalle". "Sie hat nicht in dem Ausmaß wie der frühere Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg plagiiert. Der Fall holt sie jetzt aber ein", sagte der langjährige CDU-Politiker den Ruhr Nachrichten. "Sie hatte damals nicht ohne Häme erklärt, sie schäme sich nicht nur heimlich. Das fällt nun auf sie zurück."

Langguth sieht Schavan auch als Belastung für die gesamte Regierung und den Bundestagswahlkampf. "Die beschädigte Glaubwürdigkeit ist ein großes Problem, auch für die Kanzlerin." Diese werde nun erst einmal die Lage sondieren und abwarten, wie sich die Debatte entwickelt. "Es ist möglich, dass sie dann ihre Vertraute, Frau Schavan, bitten wird, zurückzutreten."

"Sie wird den Druck nicht aushalten"

Der Politikberater Michael Spreng hält einen raschen Rücktritt der Bundesbildungsministerin für unausweichlich. "Das Tempo der Politik ist schneller als das der Juristerei. Sie wird den politischen und medialen Druck nicht aushalten", sagte Spreng der Südwest Presse. "Bei Karl-Theodor zu Guttenberg hat es zwölf Tage gedauert." Schavan sei in einer ersten Trotzreaktion uneinsichtig, und ihr besonderes Verhältnis zur Kanzlerin sorge dafür, dass Angela Merkel "Beißhemmung" habe. Aber: "Der nächste Schritt wird sein, dass Frau Schavan zurücktritt, Frau Merkel das bedauert und ihr Dank und Anerkennung ausspricht."

Der Philosoph und frühere Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin äußerte sich befremdet, dass es darüber überhaupt eine Diskussion gebe. "Es darf keine doppelten Standards geben, weil sie viele Verbindungen hat, weil viele abhängig von den Geldflüssen des Wissenschaftsministeriums sind."

Leserkommentare
    • zfat99
    • 07. Februar 2013 10:13 Uhr

    "In der Plagiatsaffäre waren Lammert und Schavan die schärfsten Guttenberg-Kritiker innerhalb der Union."

    Q: http://www.zeit.de/politi...

    2 Leserempfehlungen
    • ghoff
    • 07. Februar 2013 10:15 Uhr

    "noch", oder?

    Antwort auf "Falsche Frage"
  1. ...was regen Sie sich so sehr auf, Frau Dr. Schavan darf erstens vorerst den deutschen Titel weiterführen, und außerdem hat sie ja noch 3 bis 4 Dr. h.c., also kann sie immer irgendeinen Doktortitel führen, interessant ist, doch, ob sie gute Arbeit macht, was definitiv der Fall ist, allein das sollte zählen, den die ollen Kammellen sind nun so lange her (und außerdem verschieden interpretierbar) das es nichts aber auch gar nichts an ihrer Lebensleistung ändert, meiner Meinung nach.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie scheinen bei der Eignung von Frau Schavan für das Amt, das sie innehat, lediglich auf den Doktortitel abzuheben, oder was soll Ihr Verweis auf die diversen "h. c."s (vier sind es übrigens nach meinem Kenntnisstand)?
    Die Herangehensweise der meisten Kritiker Schavans ist aber doch eine ganz andere: Es wird hinterfragt, ob durch den (zugegebenermaßen lange zurückliegenden) Betrug Schavans ihre Glaubwürdigkeit und Integrität beschädigt ist, und ob sie dies in der Ausübung ihres Amts behindert. Und diese Frage, ob es Ihnen nun gefällt oder nicht, beantworten viele Leute in diesem Land mit "Ja".
    Übrigens: Wie soll zukünftig ein Wirtschaftsminister beispielsweise in China auf die Einhaltung der geistigen Urheberrechte deutscher Firmen pochen, wenn man ihm dann (vermutlich mit einem dieser unergründlichen Lächeln) entgegengehalten würde, dass man dies ja offensichtlich nicht mal in der eigenen Regierung so eng sehe? Insofern würde ein Verbleib von Frau Schavan in ihrem Amt nicht nur den Wissenschafts- sondern auch den Wirtschaftsstandort Deutschland schädigen.

    ich weise Sie lediglich auf Fragwürdigkeiten in ihrer Argumentationskette hin!

    Sie dürfen natürlich gerne der Meinung sein, es handele sich dabei um Bagatellen.

    Darf ich trotzdem gerne der Meinung bleiben, daß Frau Schavan (mit oder ohne Dr.) als Wissenschaftsministerin nicht mehr tauglich ist? Danke!

  2. wird taktvoll Gelegenheit gegeben, ihren (freiwilligen) Rücktritt bei ihrer Rückkehr nach Deutschland bekannt zu geben.

    Man mag ja geteilter Meinung sein, ob und wie der Schaden für Person und Amt geringer gewesen wäre ...

    Offensichtlich fehlt es an Moral, Charakterstärke und Rücktrittskultur, politischem Sachverstand ganz da oben.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Interims-Lösung"
  3. Die Wissenschaft hat sich ohne weiteres "gewehrt". Ein Grund dafür lässt sich - und das ist weit naheliegender als Ihre Verschwörungstheorien - sehr einfach identfizieren: solange eine Heilung des Verfahren möglich erschient, konnten Personen im Wissenschaftbetrieb sich etwas davon versprechen: "wes Brot ich ess, des Lied ich sing"

    Eine Leserempfehlung
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    Die unterscheidlichen Aussagen über die Dissertation kamen - von politischen Interessen abgesheen- doch daher, dass die Faktenlage doch nicht so eindeutig ist. Sie hat bei Sekundärzitaten kopiert, ohne Zweifel, das ist nicht erlaubt. Wenn aber ihre eigenen Ergebnisse stimmen und nichts davon kopiert ist, hätte ich den Doktorgrad gelassen. Aber das ist bei geisteswissenschaftlichen Themen ja wohl oft nicht so klar, worin die eigene Resultate bestehen.

    Das gilt nicht nur für Frau Schavan, sondern vor allen Dingen für die Fraktion der Wissenschaftler, die sie bei unklarer Faktenlage und mit fragwürdigen Argumenten zu unterstützen versuchte. In manchen Situation ist ein "Ich kann dazu im Moment nichts sagen." deutlich professioneller, weil es ein schwebendes Verfahren ist bzw. die Faktenlage mit gewissem Recht auch anderes beurteilt werden kann. Wer grob gegen diese Vorsichtsregeln verstösst, muss sich halt Interessen nachsagen lassen. Dies umso mehr, als dass dieses Interesse mehr als naheliegend ist.

  4. funktionieren? Im Zweifel bleibt sie so lange zumindest mehrfache Dr. h.c. Schavan ...

    • siar1
    • 07. Februar 2013 10:19 Uhr

    jemand Verkehrminister in Bayern wird, obwohl er unter Alkoholeinfluss einen Unfall verursacht und dabei einen Menschen getötet hat.

    7 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Reicht dann auch."
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    ist aber so etwas völlig undenkbar in unserem Staat.

  5. Verfasserin der Doktorarbeit - sie hat mit hoher Intelligenz abgekupfert. - Die Uni Düsseldorf hatte vor 30 Jahren "ordentliche Maßstäbe"; ob sie vom Doktorvater angewandt wurden oder nicht, mag man klären; nur ein Artikel aus der sz ist noch kein Beweis. -

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