Umfrage : Mehrheit will Schavans Rücktritt

Ergebnis einer ZEIT-ONLINE-Umfrage: Fast 60 Prozent der Bürger sind für den Rücktritt von Ministerin Schavan. Die Mehrheit ist gegen eine Verjährung von Plagiaten.

Es ist die Frage, die derzeit Politiker, Medien und Öffentlichkeit gleichermaßen beschäftigt: Was werden Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bildungsministerin Annette Schavan besprechen, wenn sie sich am Freitagabend oder Samstag treffen? Wird Merkel ihrer Ministerin klarmachen, dass die Plagiatsaffäre, der Verlust des Doktorgrades, das bevorstehende Gerichtsverfahren den Wahlkampf der Union so sehr belasten, dass ein Rücktritt unausweichlich ist. Oder wird sie trotzig an ihrer Vertrauten festhalten, auch im Wissen, dass viele Wissenschaftler sowie Parteifreunde das Vorgehen der Uni Düsseldorf für unerhört halten? Für beide Positionen gibt es gute Argumente.

Die Öffentlichkeit indes scheint ihr Urteil schon gefällt zu haben. Einer repräsentativen Umfrage zufolge, die ZEIT ONLINE beim Meinungsforschungsinstitut YouGov in Auftrag gegeben hat, spricht sich eine deutliche Mehrheit der Befragten für Schavans Rücktritt aus. 59 Prozent meinen demnach, die Ministerin sollte ihr Amt aufgeben, nur 28 Prozent sind der Ansicht, Schavan solle weitermachen.

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In einer weiteren Frage wollte ZEIT ONLINE wissen, was der Doktorgrad nach all den Affären der vergangenen Monate noch wert ist. Eine deutliche Mehrheit der Deutschen, 66 Prozent, glaubt, dass die unzähligen Plagiatsfälle von Guttenberg bis Koch-Mehrin dem Ansehen des Doktortitels geschadet haben, nur 24 Prozent sind gegenteiliger Ansicht.

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Die Befragten sprachen sich zudem mehrheitlich gegen eine Verjährungsfrist für Plagiate in Doktorarbeiten aus. Eine solche gibt es schon längst bei anderen Abschlüssen: So können beispielsweise Abiturprüfungen, Diplome, Bachelor- oder Masterabschlüsse nach einigen Jahren nicht mehr aufgehoben werden. Immer wieder fordern deshalb Wissenschaftler eine solche Regelung auch für Doktorarbeiten. Auch hier aber ist das Ergebnis der ZEIT-ONLINE-Umfrage recht eindeutig: 55 Prozent der Befragten sind gegen eine Verjährungsfrist, 33 Prozent sind dafür.

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Diese Umfrage wurde in Kooperation mit dem Markt- und Meinungsforschungsinstitut YouGov durchgeführt. Sie basiert auf Onlineinterviews mit Teilnehmern des YouGov-Panels, das weltweit bereits 2,5 Millionen Mitglieder zählt. Für die vorliegende repräsentative Umfrage befragte YouGov vom 6. bis 8. Februar 1.025 Menschen.

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Kommentare

210 Kommentare Seite 1 von 23 Kommentieren

Zunächst:

Es ging um eine passendere Analogie. Ferner gibt es durchaus Eigentum an Grundstücken, das nicht im Grundbuch vermerkt ist, da die Verträge dazu sehr alt sind. Und überdies ist es keineswegs so, dass trotz rechtlich unwirksamer Verträge ein späterer Eigentümer davon profitieren kann.

Wenn Sie mögliche Mängel bei der Sachverhaltsrekonstruktion als Verjährungsgrund anführen, dann ist gerade dies im Fall von Plagiaten unerheblich. Zudem gibt es bei 'Verjährungsdelikten' vor Fristablauf eine Strafe/Sanktion. Die Aberkennung eines akademischen Grades ist jedoch keine Strafe im rechtlichen Sinne, sondern lediglich die Wiederherstellung des vorherigen Zustandes. Die Verleihung des Doktorgrades wird schlicht annuliert, damit hat es sich dann aber auch schon. Ein Nachteil entsteht Frau Schavan dadurch nicht, sondern sie muss höchstens auf die Vorteile, die ihr der Doktorgrad bisher eingebracht hat, z. B. die Honorarprofessur an der FU, künftig verzichten. Und da der Betrug ja verjährt ist, muss Frau Schavan auch keinerlei Wiedergutmachung/Schadenersatz leisten.

P.S.: Es gab ja mal den Fall eines Postboten, der als vermeintlicher Doktor jahrelang an einer psychiatrischen Klinik gearbeitet hat, bis der Betrig aufflog. Würden Sie da auch sagen, dass ein rückwirkender Gradentzug aufgrund von Verjährung gerechtfertigt gewesen wäre? Das ist doch abstrus.

Habe jetzt doch nochmal ein wenig rumgegoogelt.

Folgender Fall: Nach einer Scheidung wird ein Grundstück auf einen Ehepartner übertragen, was auch vertraglich vereinbart, jedoch nicht im Grundbuch eingetragen wird. Die Kinder des verstorbenen Ex-Eheparntner wollen das Grundstück nun weiterveräußern. Lt. Grundbucheintrag ist der andere Ex-Ehepartner aber immer noch Miteigentümer. Meines Wissens wird dann auch der noch lebende Elternteil informiert und kann seine Ansprüche geltend machen. Wenn dieser jedoch zum Zeitpunkt des Verkaufs nicht auffindbar ist, weil er sich z. B. im Ausland befindet, und daher keinen Einspruch erhebt, hätte er doch gleichwohl prinzipiell weiterhin Anspruch auf irgendeine Form der Abgeltung. Oder nicht?

Entgrenztheit

Ich antworte jetzt mal Ihnen, quasi pars pro toto, da Sie sich hier besonders emotional positionieren.

Man kann schon fragen, was sich hier abspielt. Seit einigen Tagen besteht die Liste der meistkommentierten Artikel aus Beiträgen zur "causa" Schavan, mehrere tausend Kommentare, geschätzte 90 Prozent davon Anti-Schavan, viele in gehässiger und schadenfroher Diktion.

Der Schwarm der ZO-Foristen springt anscheinend besonders dann an, wenn es darum geht, Personen, die irgendwie nicht nach ihrem Geschmack sind, aus dem Amt zu kippen, mit völlig
entgrenztem Verve, bar jeder Angemessenheit. War schon bei Wulff so.

Ich hielte Schavans Rücktritt auch für richtig, verstehe jedoch nicht, warum man in so einer eher randständigen Angelegenheit eine derartige Empathie entwickeln kann, bis hin zu mühsam unterdrücktem Hass.

@206 kael

Würde ich gar nicht so drauf bestehen. Die Logik mancher verurteilender Foristen unterscheidet sich in nichts von der Urteilsbegründung des Vorsitzenden und des Staatsanwalts z. B. gegenüber Mitgliedern der weissen Rose und den Widerstandskämpfern des 20.Juli. Das konnte man vor Jahren im Fernsehen mitbekommen. Obs da Protokolle gibt, weiss ich nicht.

Und hätten die verdienstvollen Anwälte der RAF nicht so pingelig aufgepasst, (Übertreibungen von Anträgen gabs auch) wäre manche Begründung anders und gar nicht rechstaatlich ausgefallen.

Das ist Manchen vielleicht gar nicht bewusst auch nicht das, was die so schreiben. Deswegen fände ich es im Sinne der Aufklärung und des Bewusstseins für unseren Rechstaat gut, wenn das zum Unterrichtsthema gehören würde.

Faschistoide Ansätze im Internet

Ich glaube auch, dass diese Foren-Kultur teilweise eine latent faschistoide Herangehensweise erkennen lässt: Aggressivität, Vernichtungswillen, Projektion, gleichzeitig "Revolte" (gegen "die da oben") und Unterdrückung (gegen Minderheiten), stolzierendes Unwissen.

Machen wir uns nichts vor: Der Rechtsstaat ist in seinen konkreten Ausformungen de facto nicht mehrheitsfähig. Das Thema "Volksabstimmungen" hat sich für mich schon lange erledigt...