Da war sie wieder: Merkel, die Kalkulierende. Am Samstag hat sich die Bundeskanzlerin von Annette Schavan abgewendet, einer ihrer engsten Vertrauten im Kabinett, einer Freundin. Sie hat – in warmen Worten zwar und "schweren Herzens" – den Rücktritt ihrer Bildungsministerin akzeptiert. Der Wahlkampf geht vor. Typisch Merkel?

Schon zu Beginn ihrer steilen bundespolitischen Karriere eilte Angela Merkel der Ruf voraus, auf Loyalität keine Rücksicht zu nehmen. Von Helmut Kohl, der sie als junge Ministerin aus dem Osten stark gefördert hatte, setzte sie sich in der CDU-Parteispendenaffäre früh ab. Auch zum damaligen CDU-Vorsitzenden Wolfgang Schäuble schuf sie als dessen Generalsekretärin rasch Distanz, als der über die 100.000-Euro-Spende eines Waffenlobbyisten stolperte. Um sich dann gegen eine Reihe männlicher Rivalen erst den Parteivorsitz und 2005 die Kanzlerschaft zu sichern.

Auch als sich Schäuble 2004 schon sicher wähnte, Bundespräsident zu werden, ging Merkel über ihn hinweg. Stattdessen suchte sie den damals weitgehend unbekannten Horst Köhler aus, da er ihr passender für ihre eigenen Pläne erschien.

Vielleicht weil ihr manche in der Partei und den Medien das alles als kühle Machtstrategie auslegten, pflegte Merkel als Kanzlerin zunächst einen anderen Stil. Sie, die bis dahin lediglich einen kleinen Kreis Vertrauter um sich geschart hatte, legte nun Wert auf Teamgeist und Zusammenhalt in der Regierung.

Fünfte Umbildung des schwarz-gelben Kabinetts

In der Großen Koalition hatte sie bis 2009 ohnehin keinen großen Spielraum: Die Partner SPD und CSU bestimmten ihr Personal selber. So konnte sie nicht verhindern, dass Franz Müntefering, den sie schätzte, als SPD-Sozialminister zurücktrat und CSU-Wirtschaftsminister Michael Glos von seinem Parteichef Horst Seehofer aus dem Amt gemobbt wurde. Ansonsten gab es in ihrer ersten Kanzlerschaft keine Kabinettsumbildung.

Ganz anders ist es seit Beginn der schwarz-gelben Koalition. Nach dem Rücktritt von Bildungsministerin Annette Schavan muss Merkel nun schon zum fünften Mal Personal in ihrem zweiten Kabinett austauschen. Und wieder geschieht es nicht freiwillig. Gleich zu Anfang verlor Arbeitsminister Franz Josef Jung sein Amt – die Kundus-Affäre, die er noch als Verteidigungsminister der Großen Koalition zu verantworten hatte, holte ihn ein.

Seinen Nachfolger im Verteidigungsministerium, Karl-Theodor zu Guttenberg, brachte 2011 die Plagiatsaffäre zu Fall. Umweltminister Norbert Röttgen, auf den sie große Stücke gehalten hatte, feuerte sie im vergangenen Mai nach dessen krachender Wahlniederlage in Nordrhein-Westfalen. Zuvor hatte die FDP Wirtschaftsminister Rainer Brüderle durch den neuen Parteichef Philipp Rösler und den wiederum als Gesundheitsminister durch Daniel Bahr ersetzt.

Fast immer zögerte Merkel lange

In fast allen Fällen zögerte Merkel lange, bis sie dem Druck der Öffentlichkeit sowie aus der eigenen Partei und Koalition nachgab. Jung berief sie im Herbst 2009 noch als Arbeitsminister in ihr neues schwarz-gelbes Kabinett, obwohl damals schon klar war, dass er wegen des fatalen Bombenangriffs auf die zwei entführten Tanklaster in Afghanistan unter Druck geraten würde.

Auch zu Guttenberg stand sie treu und fest, bis er nicht mehr zu halten war. Sie habe ihn als Minister, nicht als Wissenschaftler ins Kabinett geholt, verkündete Merkel trotzig, gegen eine breite Stimmung, die die Ablösung des CSU-Stars wegen seines Täuschens in seiner und über seine Promotion forderte. Das wurde ihr schwer angekreidet. Kurz danach musste Guttenberg trotzdem gehen.

Womöglich deshalb zauderte die Kanzlerin bei Röttgen nicht lange. Nachdem der frühere CDU-Generalsekretär versucht hatte, ihr wesentliche Schuld für sein Debakel als Spitzenkandidat in Nordrhein-Westfalen zuzuschieben, warf sie ihn kurzerhand aus dem Kabinett, da er sich weigerte, von sich aus die Konsequenz zu ziehen. Ein ungewöhnlicher Affront.