ParteienAls Sozi bei den Piraten

Der Sozialdemokrat Wolfgang Gründinger trat als "Doppelagent" den Piraten bei. Über seinen Selbstversuch hat er ein lesenswertes Buch verfasst. Ein exklusiver Auszug von Wolfgang Gründinger

Seit über zwölf Jahren bin ich Sozialdemokrat. Doch letzten Sommer trat ich als "Doppelagent" den Piraten bei. Ich wollte dabei sein, wie sie mit einer schöneren Demokratie experimentieren, und nicht länger nur neugierig dabei zusehen. Wie viele andere projizierte auch ich in diese Partei hinein, was ich von ihr denken wollte: Cool, endlich mal ein paar Leute, die den Laden aufmischen, die sich nicht in Flügelkämpfen abarbeiten, die noch den Mut zu großen Visionen haben, die mit Wodka Mate im Ritter Butzke ihre Wahlparty feiern.

Wolfgang Gründinger
Wolfgang Gründinger

Jahrgang 1984, ist SPD- und Piraten-Mitglied. Als Autor mehrerer sozialwissenschaftlicher Bücher zählt er zur "jungen Elite Deutschlands" (Handelsblatt). Er promoviert an der Humboldt Universität zu Berlin über Demokratieforschung.

Ich hätte es besser wissen müssen. Die SPD hat damals fünf Jahre gebraucht, um mich zu frustrieren. Die Piraten schafften es in fünf Monaten.

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Bei meinem ersten Besuch eines "Kennenlerntreffens" in der Kinski-Bar hockten die Piraten in Grüppchen zusammen und interessierten sich nicht die Bohne für neue Gesichter. Statt einer Begrüßung wurde ich erst einmal grundlos angepöbelt. Seitdem gehe ich nicht mehr hin. Bei einer Sitzung der AG60+ in München, dem für die Rentenpolitik zuständigen Seniorentreff, musste ich gegen grelle Zwischenrufe ("Das ist ein scheiß Argument!") und diffuse Verschwörungstheorien ankämpfen.

Kultur des Misstrauens

Bei der SPD würde man ein Neumitglied auf Händen tragen. Bei den Piraten dagegen herrscht eine Kultur des Misstrauens. Wenn die Piraten alle anderen als Deppen oder Eindringlinge hinstellen, dann ist das nicht die unkonventionelle Bereicherung der konventionellen Politik, die ich mir wünsche. Nicht, dass es unter Piraten keine freundlichen und engagierten Leute gäbe, die Ahnung von Politik haben. Aber sie haben leider noch viele mehr, die glauben, dass sie Ahnung haben.

Die Piraten feiern sich als die einzigen Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit, obwohl sie selbst als Oppositionspartei an diesem Anspruch regelmäßig scheitern: sei es, wenn sie eine Obergrenze für ausufernde Managergehälter ablehnen, wenn sie die verkorkste Zuschussrente loben, da sie ihren Konzeptideen "entgegenkomme" (trotz Ablehnung der Zuschussrente im Liquid Feedback!). Und wenn die Piraten der SPD vorwerfen, nicht transparent zu sein (Steinbrück!), sollten sie lieber mal vor der eigenen Haustüre kehren (so hüllt etwa der Berliner Abgeordnete Alexander Morlang seine Nebeneinkünfte in beredtes Schweigen und kanzelt Kritiker als "Dolchstößer" und "Messerstecher" ab).

Laufend verrückte Momente

Bald merkte ich, dass es auch mit der internetbasierten Mitmachkultur nicht so einfach ist. Nicht nur, dass die Demokratiesoftware Liquid Feedback ein Programm von Nerds für Nerds ist, das Menschen außerhalb der piratigen Parallelwelt faktisch ausschließt, sondern weil man komplexe Sachverhalte darüber schlicht nicht vernünftig diskutieren kann. Auch offline brauchen die Piraten ein Systemupdate. Auf dem Bundesparteitag in Bochum erlebte ich laufend verrückte Momente, wo einem nur ein Wort durch den Kopf geht: "Hä?"

  • Wenn es elf Vorschläge zur Tagesordnung gibt, wovon beispielsweise Vorschlag Nummer 7 eine Kombination aus den Vorschlägen 1, 2, 3, 4 und 6 ist – hä?
  • Wenn ein Antrag fast einstimmig abgenickt wird, dann jemandem ein Kritikpunkt auffällt, worauf der Antrag noch einmal abgestimmt und fast einstimmig abgelehnt wird, getreu der Devise: "Wir stimmen so oft ab, bis das Ergebnis stimmt" – hä?
  • Wenn der Landwirtschaftsantrag binnen 30 Sekunden fast einstimmig durchgewunken wird, ohne irgendeine Debatte und einzig mit der Begründung, "wir brauchen ja auch irgendwas zu Landwirtschaft" – hä?
  • Wenn in einer basisdemokratischen Partei die Debatte zu den wirtschaftspolitischen Grundsätzen (!) nach gerade mal 15 Rednern abgewürgt wird, weil man ja zu wenig Zeit zum Diskutieren hätte – hä?
  • Wenn auf dem Parteitag die Hälfte der 2.000 Teilnehmenden aus nur zwei Bundesländern kommt, was schwerlich basisdemokratisch genannt werden kann – hä?
Leserkommentare
  1. ... für Ihre Einschätzung "aus dem Inneren".

    Ich habe mich schon häufig gefragt, ob diese flüssige Basisdemokatrie nicht doch öfter mehr mit einer Kakophonie zu tun hat. Ich hatte in letzter Zeit immer wieder den Eindruck, daß den Piraten etwas mehr straffe Organisation in der Debatte gut täte.

    Ich denke, die Piraten müssen noch viel an sich arbeiten, ehe sie zu einer wählbaren Bundespartei werden. Nach einem überwältigenden Start, beeindrucken sie in letzter Zeit inhaltlich leider nicht mehr.

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    Entfernt. Verzichten Sie auf unterstellende Äußerungen. Die Redaktion/mak

    • hladik
    • 15. Februar 2013 14:56 Uhr

    Aber auch wenn die Piraten fuer eine Entkriminalisierung von Filesharing sind: Die Angabe der Quelle ist immer noch ein Zeichen von Ehrlichkeit. Darum liefere ich das mal nach.

    Sascha Lobo bei SpOn:

    http://www.spiegel.de/netzwelt/web/sascha-lobo-der-buerger-versteht-die-...

    Darin:

    Wenn institutionelle Regelungen existieren, die dem Alltagsempfinden nach widersinnige bis aberwitzige Effekte haben. Wenn der Laternenumzug eines Kindergartens Gema-pflichtig ist: Hä?
    Wenn das erfolgreichste YouTube-Video der Welt, "Gangnam Style" des koreanischen Rappers Psy, im Original überall zu sehen ist außer in Deutschland: Hä?
    Wenn das Einstellen eines selbstgeschossenen Fotos des Eiffelturms bei Nacht eine abmahnfähige Urheberrechtsverletzung darstellt: Hä?
    Wenn mit der sogenannten Vorratsdatenspeicherung der elektronische Datenverkehr sämtlicher Bürger überwacht werden, weil sie ja irgendwann ein Verbrechen begehen könnten: Hä?
    Wenn die schon teuer bezahlten Inhalte öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten depubliziert werden müssen und nicht mehr zugänglich sind: Hä?

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    • hladik
    • 15. Februar 2013 14:58 Uhr

    Promovieren tut der Herr auch. Dann aber bitte mit dem Zitieren besser aufpassen, gell? Sonst haben bald die Sozis ihren ersten Plagiatsfall...

    Sie meinen offensichtlich, die Verbindung einer Aussage mit der folgenden Frage Hä? sei schützbar unabhängig vom Inhalt. Hä?

    Anmerkung: Diesen Kommentar haben wir wieder hergestellt. Danke. Die Redaktion/ds

    Außer das Herr Gründinger das gleiche Stilmittel (hä?) benutzt, sehe ich nicht wo das Plagiat sein soll. Mit dem Maßstab, können wir auch das Alphabet verbieten, weil es schon jemand vorher benutzt hat.

    • hladik
    • 15. Februar 2013 14:58 Uhr

    Promovieren tut der Herr auch. Dann aber bitte mit dem Zitieren besser aufpassen, gell? Sonst haben bald die Sozis ihren ersten Plagiatsfall...

    Eine Leserempfehlung
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    Nichts für ungut, sie sind schlecht informiert. Den hatten die Sozialdemokraten schon. Aber im Gegensatz zu denen der Union, ist der ohne viel Aufsehen sofort zurückgetreten.

  2. Dieses Sprichwort gibt es nicht umsonst.

    Es war eine nette Idee, aber es war auch von vorneherein klar, das ein Gespann das in 10 Richtungen zieht nicht vorwärts kommen kann.

    Das ist eigentlich jedem sofort klar gewesen, der jemals in einem Verein oder sonstigem tätig gewesen ist.

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  3. Sie meinen offensichtlich, die Verbindung einer Aussage mit der folgenden Frage Hä? sei schützbar unabhängig vom Inhalt. Hä?

    Anmerkung: Diesen Kommentar haben wir wieder hergestellt. Danke. Die Redaktion/ds

    2 Leserempfehlungen
    • voy
    • 15. Februar 2013 15:01 Uhr

    ich zitiere, mühseliges Bohren dicker Bretter, wenn es um den Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit geht.------ähämmmmm..wo bitte ist denn die SPD gegen soziale Ungerechtigkeit? Das ist mir nun ganz neu....Schröder, / Clement etc, waren auch bei der SPD,,,,und gegen soziale Ungerechtigkeit waren die ja nun gar nicht, und Steinbrück tut nur so, bis zur Wahl,,,,danach..naja..bei dem Thema guck nun doch lieher in die Linke Ecke...aber wählen tu ich sowieso nicht mehr

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    >> aber wählen tu ich sowieso nicht mehr <<

    ... einmal den Minimalstaufwand in Form von "Kreuzchen in Kreis malen" betreiben wollen, was haben Sie anderen dann vorzuwerfen?

    Soziale Ungerechtigkeit kommt daher, dass man sie zulässt.

  4. Nichts für ungut, sie sind schlecht informiert. Den hatten die Sozialdemokraten schon. Aber im Gegensatz zu denen der Union, ist der ohne viel Aufsehen sofort zurückgetreten.

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    Antwort auf "Gerade erst gelesen:"
  5. Objektiv scheint mir als Pirat diese Recherche nicht gewsen zu sein. Welches Ergebnis hatte Herr Gründinger als Sozialdemokrat erwartet? Dass seine Vorstellungen 1:1 übernommen werden? Dass der Umgang innerhalb der Piratenpartei dem entspricht, das er von den Sozialdemokraten kennt? Mir scheint, dass viele seiner Erlebnisse genau seine Erwartungshaltung entspricht. Ginge ich, als Pirat, zu einem SPD-Ortsverein kämen mir auch viel Umgangsformen und Regeln seltsam vor. Meine Vorstellungen von Politk und Gesellschaft hätten (und man weiss: haben) bei der SPD keine Chance. Alleine schon das Deligiertensystem, das jene bevorzugt die schon am längsten "auf Linie" sind und Neulingen und Querdenkern nicht die geringste Chance gibt.

    Persönlich mag ich Herrn Gründingers Analysen, doch schon in seinem Buch "Wir Zukunftssucher" [1] gibt es leider einen krassen Unterschied zwischen Analyse und Handlungsempfehlung. Diese ist mir unverständlich.

    Ich hätte mir gewünscht Herr Gründinger hätte auch Kontakt mit dem Frankfurter Kollegium, dem bayrischen Urheberrechtsbeauftragten oder der Flaschenpost aufgenommen, um seine Einblicke in die Piartenpartei zu vertiefen. So zeigt das Buch nur eine Sicht die von Anfang an feststand.

    [1] http://flaschenpost.piratenpartei.de/2013/01/23/wir-zukunftssucher-eine-...

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  • Schlagworte SPD | Piraterie | Volksparteien
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