So viel Rot-Grün wie derzeit war selten. Sicher, seit mehr als zwei Jahrzehnten schon gelten die beiden Mitte-Links-Parteien als natürliche Koalitionspartner. Aber de facto war die Kooperation zwischen SPD und Grünen in den vergangenen Wahlkämpfen nicht allzu ausgeprägt: 2005 hatte man sich nach sieben gemeinsamen Regierungsjahren auseinandergelebt. Und 2009 bekämpften die Grünen als Oppositionspartei jene Abwrackprämie, auf die die SPD als Juniorpartner der Regierung besonders stolz war.

Diesmal aber sind die Bedingungen im Wahlkampf ähnlich und das Klima einigermaßen entspannt. Beide Parteien hatten in der Opposition Zeit, wieder aufeinander zuzugehen. Schon früh in der Legislaturperiode haben die Führungspolitiker von SPD und Grünen diesen Annäherungsprozess forciert. Sie haben Thinktanks gegründet, Workshops organisiert und ihre Fachpolitiker und nahestehende Vereinigungen animiert, gemeinsame Positionen zu erarbeiten.

Ein Produkt dieser Kooperation liegt nun in Form eines gemeinsamen Diskussionspapiers vor. Verfasst hat es das von SPD, Grünen und Gewerkschaften getragene "Denkwerk Demokratie". Vorgestellt wurde es prominent an diesem Donnerstag in der Berliner Landesvertretung von Rheinland-Pfalz. Die Top-Redner unter den Diskutanten waren der SPD-Parteichef Sigmar Gabriel und der Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin.

Der Entwurf ist schon allein deshalb beachtlich, weil er in einem klassischen Spannungsraum zwischen Rot und Grün gemeinsame Zielkriterien erarbeitet. Es geht hier eben nicht um gesellschaftspolitische Themenfelder, wie Bildung, Familie oder die Ablehnung der Atomkraft, bei denen sich Rot-Grün traditionell schnell einig ist. Nein, hier wird ein Konflikt diskutiert, der für die Gründung der Grünen konstitutiv und für viele bilaterale Streitigkeiten verantwortlich ist: Es geht um des Verhältnis von Ökologie und Ökonomie.

"Nicht wirklich sexy", sagt Trittin

Der zentrale Begriff auf den sich Rot-Grün verständigt hat, lautet Nachhaltigkeit, und das gleich viermal: In ihrem Konzept schlagen die rot-grünen Vordenker vor, das klassische volkswirtschaftliche Modell des "magischen Vierecks", das Karl Schiller einst entwickelt hat und das seither für alle Regierungen gilt, um vier weitere Aspekte zu ergänzen. Demnach sollen künftige Regierungen nicht mehr nur auf Wachstum, Preisstabilität, einen hohen Beschäftigungsgrad und außenwirtschaftliches Gleichgewicht achten, sondern auch auf soziale und ökologische Nachhaltigkeit sowie auf nachhaltige Staatsfinanzen und einen nachhaltigen Wohlstand der Bevölkerung.

Die Grundannahme ist, dass es Deutschland zwar derzeit ausgesprochen gut geht, wenn man die klassischen Eckpunkte des Vierecks betrachtet. Die "soziale Realität" zeige aber ein anderes Bild, so Rot-Grün. Und verweist unter anderem auf die Schere zwischen Arm und Reich, auf die grassierende Umweltzerstörung und die hohe Schuldenlast für künftige Generationen.