Mit so viel Not hatte Peer Steinbrück dann doch nicht gerechnet. Der SPD-Kanzlerkandidat bleibt erstaunt stehen vor einer Palette mit Hunderten Packungen Reis und Erbsen. "Wie vielen Menschen helfen Sie hier?", fragt er. Etwa 6.000 Bürger sind bei uns registriert, antwortet der Athener Bürgermeister Georgios Kaminis.

Kaminis führt seinen Gast aus Deutschland durch einen Lagerraum voller Lebensmittel. Rechts und links stapeln sich Babymilch, Nudeln, Getränke. In Kühlschränken liegen Wurst und Käse. Das alles sind Spenden, die die Stadt Athen in einem Hilfsprojekt sammelt und an bedürftige Bürger verteilt. Steinbrück geht von Raum zu Raum, schaut sich Nudelpakete an, eine Kleider- und Spielzeugsammlung.

Der Besuch der Einrichtung am frühen Morgen ist nur der Auftakt zu einem langen Tag in Athen. Er ist hier verabredet zu Gesprächen mit beinahe der gesamten Führungselite des Landes, mit dem Premier, dem Finanzminister, dem Sozialistenchef, dem Staatspräsidenten.

Das Image Deutschlands aufbessern

Griechenland ist die dritte Station auf Steinbrücks Tour d'Europe, der ersten Auslandsreise nach seiner Nominierung zum Kanzlerkandidaten. In Dublin und London war er bereits, im Anschluss geht’s nach Den Haag.

Nach Athen ist der SPD-Politiker gekommen, um einmal nicht, wie er sagt, nur über die Haushaltsprobleme des krisengebeutelten EU-Landes zu sprechen, "über die Zinsen und Schulden". Steinbrück will ein Zeichen setzen für den europäischen Zusammenhalt, er will zeigen, dass er anders als die Kanzlerin nicht nur Strenge und Ermahnungen übrig hat für das Land.

Als der Rundgang durch das Hilfsprojekt beendet ist, stellt sich Steinbrück vor die Kameras des griechischen Fernsehens. Millionen werden ihn in den Abendnachrichten sehen und seine Worte hören: "Wir vergessen in Deutschland, was die Krise für die Menschen hier bedeutet", sagt er, "Armut." Die große europäische Solidarität müsse wieder ernst genommen werden, auch wenn das etwas koste. Allein mit harter Sparpolitik könne die Krise nicht überwunden werden.

Steinbrück will einen neuen Ton anschlagen

Schnell wird klar, was das Ziel dieser Expedition ist. Steinbrück will einen neuen Ton anschlagen. Er will das Image Deutschlands als herz- und gnadenlosen Krisenverwalter Europas wieder aufbessern. Dazu hat er sich vor allem einen Verbündeten in Griechenland gesucht, den Parteichef der Sozialisten, Evangelos Venizelos.

Erst vor knapp einer Woche traf er ihn in Berlin, jetzt gibt es die Gegenvisite im griechischen Parlament. Die beiden Politikroutiniers – Venizelos war insgesamt acht Mal Minister – arbeiten offenbar an einem Gegenentwurf zu Merkels Europapolitik, einer Vision, wie sie es nennen.