Pro: Steinbrücks Rhetorik ist weder angenehm noch klug   

Giorgio Napolitano konnte gar nicht anders handeln, als das vereinbarte Treffen mit Peer Steinbrück abzusagen, nachdem dieser zwei Spitzenpolitiker Italiens als "Clowns" abqualifiziert hatte. Immerhin repräsentieren die beiden Geschmähten fast die Hälfte der Wähler in ihrem Land. 

Auch die Zyprer und Schweizer werden wenig Neigung verspüren, Steinbrück unvoreingenommen zu empfangen. Anfang der Woche hatte der Kanzlerkandidat angekündigt, "Störtebeker", also einen Piraten, nach Zypern zu schicken, wenn das Land seine Probleme mit den Banken nicht geregelt bekomme. Es war eine Variation seines alten Scherzes als Finanzminister: Damals wollte er die "Kavallerie" in die Schweiz schicken, um dort aufzuräumen.

Napolitanos Reaktion zeigt, dass Steinbrücks Worten großes Gewicht beigemessen wird, und das völlig zu Recht. Er ist kein Buchautor und Gastredner mehr, sondern der mögliche nächste Kanzler der Bundesrepublik. Wenn dieser nun europäische Nachbarn und EU-Partner diffamiert – und ihnen quasi als Running Gag militärische Interventionen androht, dann kann das nur für Irritationen sorgen. Gerade im Ausland, wo die Dominanz der Deutschen in der EU-Krisenpolitik ohnehin kritisch gesehen wird, erwartet man von deutschen Spitzenpolitikern Sensibilität und Augenmaß.

Auch in Deutschland und gerade innerhalb des rot-grünen Lagers löst die Rhetorik des Spitzenkandidaten Befremden aus, wie die Reaktionen aus der SPD zeigen. Insofern schaden Steinbrück die Clown- und Kavallerie-Sprüche nicht nur auf diplomatischer Bühne, sondern auch machtstrategisch.

Steinbrücks Sprache erinnert an die alte Basta-Rhetorik, an das testosterongesteuerte Macker-Gehabe der Schröders und Clements. Viele Anhänger von Rot-Grün konnten mit dieser schnodderigen, latent chauvinistischen Kultur der politischen Führung wenig anfangen. Die Akzeptanz, die Angela Merkel bis heute auch bei vielen rot-grünen Wählern genießt, beruht nicht zuletzt auf ihrem sachlichen, unanstößigen Auftritt.

Das heißt nicht, dass alle Politiker glatt und kantenlos sein müssen. Steinbrück hat Merkel in der Vergangenheit zu Recht dafür kritisiert, dass sie zu wenig erklärt und keine begeisternde "Erzählung" für Europa bereit habe. Allerdings ist seine "Erzählung" bislang ebenfalls wenig überzeugend. Seine durchaus klugen programmatischen Ansätze dringen kaum an die Öffentlichkeit, weil er mit ungeschickten Äußerungen und Pöbeleien selbst davon ablenkt.

Von Michael Schlieben