Pro und Contra : Soll Steinbrück seine Sprache ändern?

Die Äußerungen des SPD-Kanzlerkandidaten über Berlusconi und Zypern werden zu Recht kritisiert, findet M. Schlieben. Nein, erwidert M. Horeld: Die Medien sind bigott.

Pro: Steinbrücks Rhetorik ist weder angenehm noch klug   

Giorgio Napolitano konnte gar nicht anders handeln, als das vereinbarte Treffen mit Peer Steinbrück abzusagen, nachdem dieser zwei Spitzenpolitiker Italiens als "Clowns" abqualifiziert hatte. Immerhin repräsentieren die beiden Geschmähten fast die Hälfte der Wähler in ihrem Land. 

Auch die Zyprer und Schweizer werden wenig Neigung verspüren, Steinbrück unvoreingenommen zu empfangen. Anfang der Woche hatte der Kanzlerkandidat angekündigt, "Störtebeker", also einen Piraten, nach Zypern zu schicken, wenn das Land seine Probleme mit den Banken nicht geregelt bekomme. Es war eine Variation seines alten Scherzes als Finanzminister: Damals wollte er die "Kavallerie" in die Schweiz schicken, um dort aufzuräumen.

Napolitanos Reaktion zeigt, dass Steinbrücks Worten großes Gewicht beigemessen wird, und das völlig zu Recht. Er ist kein Buchautor und Gastredner mehr, sondern der mögliche nächste Kanzler der Bundesrepublik. Wenn dieser nun europäische Nachbarn und EU-Partner diffamiert – und ihnen quasi als Running Gag militärische Interventionen androht, dann kann das nur für Irritationen sorgen. Gerade im Ausland, wo die Dominanz der Deutschen in der EU-Krisenpolitik ohnehin kritisch gesehen wird, erwartet man von deutschen Spitzenpolitikern Sensibilität und Augenmaß.

Michael Schlieben

Michael Schlieben ist Redakteur im Ressort Politik bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Auch in Deutschland und gerade innerhalb des rot-grünen Lagers löst die Rhetorik des Spitzenkandidaten Befremden aus, wie die Reaktionen aus der SPD zeigen. Insofern schaden Steinbrück die Clown- und Kavallerie-Sprüche nicht nur auf diplomatischer Bühne, sondern auch machtstrategisch.

Steinbrücks Sprache erinnert an die alte Basta-Rhetorik, an das testosterongesteuerte Macker-Gehabe der Schröders und Clements. Viele Anhänger von Rot-Grün konnten mit dieser schnodderigen, latent chauvinistischen Kultur der politischen Führung wenig anfangen. Die Akzeptanz, die Angela Merkel bis heute auch bei vielen rot-grünen Wählern genießt, beruht nicht zuletzt auf ihrem sachlichen, unanstößigen Auftritt.

Das heißt nicht, dass alle Politiker glatt und kantenlos sein müssen. Steinbrück hat Merkel in der Vergangenheit zu Recht dafür kritisiert, dass sie zu wenig erklärt und keine begeisternde "Erzählung" für Europa bereit habe. Allerdings ist seine "Erzählung" bislang ebenfalls wenig überzeugend. Seine durchaus klugen programmatischen Ansätze dringen kaum an die Öffentlichkeit, weil er mit ungeschickten Äußerungen und Pöbeleien selbst davon ablenkt.

Von Michael Schlieben

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Kommentare

281 Kommentare Seite 1 von 49 Kommentieren

Unangemessene Sprache - Keine Glaubwürdigkeit

Häme und Spott sollten bei Führungspersönlichkeiten niemals durchscheinen, Klartext geht anders: Ansprache der Politik-Ziele, Beschreibung des Weges und der Mittel, dorthin zu kommen. Dies fehlt fast allen Politikern in Europa. Steinbrück hat bereits als NRW-Finanzminister versagt und sich als Bankenlobbyist bestätigt. Es gäbe vor der eigenen Tür mehr als genug zu kehren. Eine feste Position zeigt man gegenüber weniger gut strukturierten EU-Ländern nicht durch Stammtisch-Vokabeln. Im Fall des Falles wird "Klartext"-Steinbrück umfallen und weitere Milliarden aus Deutschland umverteilen, er hat die Finanzmarkt-Liberalisierungsgesetze gestaltet und damit die Auswirkungen der amerikanischen Bankenkrise auf Europa möglich gemacht. Für mich ist Steinbrück ein Maulwurf der CDU und der Banken. Er hätte bei einer Urwahl keine Chance.

Ja ja die deutsche Sprache.

Nein, in der Sache wird ihm auch kaum jemand widersprechen, da gebe ich Ihnen ja recht. Ich möchte mir nur nicht vorstellen müssen, daß Steinbrück einmal nach Rom reisen muß, um mit diesem "Lustgreis" verhandeln zu müssen.

Aber noch etwas treibt mich um: Soll Steinbrüch auf das Holländische oder sonst eine Sprache ausweichen? Oder was verlangt der Titel? Für mich sollte er nur seine Ausdrucksweise ändern, sber nicht gleich die ganze Sprache...

Das kann er selbstverstaendlich.

Nur muss er dann auch bereit sein mit den Reaktionen zu leben. Allerdings, wenn unser Bundeskanzler so agiert muss es nicht nur er. Wir muessen alle mit den Konsequenzen leben, da sie nicht nur seine Person sondern uns alle tangieren. Und da hoert der Spass dann auf.
Es galt einmal der Spruch: wenn man nichts Positives ueber eineu Person sagen kann sollte man schweigen. Sollte er vielleicht einmal probieren.
Und dann auch noch die diskriminierende Anspielung auf "Alter und Testosteron." Wenn er nicht Steinbrueck sondern Bruederle heissen wuerde, haette es hier wahrscheinlich keine Gegendarstellung gegeben.

Bitte keine zusätzlichen Probleme schaffen

Diese selbstgefällige Attitüde: "Ich bin nun mal so", ist in nahezu jeder Beziehung kontraproduktiv.
Warum? Es bringt nichts. Es gibt darüberhinaus dem Widerpart von vornherein einen Zusatzpunkt. Wenn man es international mit wesentlich schwächeren Partnern zu tun hat, ist der Schaden vergleichsweise gering. Hat man es mit mehr oder weniger Gleichwertigen (-starken) zu tun, schadet man der eigenen Position.
Wenn er wirklich Knzler werden will, müssen wir von ihm verlangen, uns nicht noch zusätzliche Probleme an den Hals zu holen!

Baradin@2 - Deutscher Grundlagenirrtum

Ich würde Ihnen zustimmen, wenn Sie nicht auf der Basis eines sehr naiven deutschen Grundlagenirrtums argumentieren würden:
"Berlusconi ist eine Gefahr für den europäischen Einigungsprozess und ALL DAS GUTE, DAS AUS DIESEM KONTINENT WERDEN KÖNNTE" -
wo doch die Südländer mit Recht diesen europäischen Einigungsprozess UND ALL DAS ÜBEL, DAS AUS DER GNADENLOSEN DEUTSCHEN EU-MASSENARBEITSLOSIGKEITS-SPARPOLITIK RESULTIERT, nicht mehr träumen wollen und Merkel & Schäuble als Täter sehen, nachdem deutsche, französische und englische Banken die Südländer und Irland/Island mit Billigkrediten überflutet haben und damit mitverantwortlich für das ganze Elend sind.