DemokratieTransparenz, auch wenn's schwer fällt

Klagen über Plagiatsjäger und den allgemeinen Kontrollwahn sind fehl am Platz, findet K. Polke-Majewski. Allerdings sollte die Politik das Bedürfnis nach Transparenz besser nutzen. von 

Als "homeland of schadenfreude" bezeichnete die New York Times Deutschland nach dem Schavan-Rücktritt. Das kollektive Aufspüren von Politiker-Verfehlungen im Internet, die unschöne, oft anonyme Plagiatshatz sei typisch deutsch, analysiert das Blatt. In vielen Deutschen schlummere nun mal ein Polizisten-Gen, bestätigt ein darin zitierter Professor.

Auch Angela Merkel wird sich vor diesen neuen Polizisten im Internet künftig besser in Acht nehmen müssen. Sie wird sich vor der Berufung ihrer neuen Wissenschaftsministerin vermutlich genau erkundigt haben, ob mit der Promotion von Johanna Wanka alles in Ordnung ist. Die Kanzlerin weiß: Die Plagiatsjäger haben sich längst schon wieder auf die Pirsch gemacht.

Anzeige

Da sieht man mal wieder, wohin uns die Transparenz-Ideologie gebracht hat, mag sich jetzt mancher auch hierzulande denken: Misstrauen und Kontrollwahn greifen um sich! Wenn das so weiter geht, wird es bald kaum mehr vernünftige Menschen geben, die sich diesem Stress und dieser Durchleuchtung noch aussetzen – und in die Politik gehen.

"Transparent ist nur das Tote"

Diese Transparenz-Skepsis hat durchaus ihre intellektuelle Basis. "Transparent ist nur das Tote", argumentiert etwa der Berliner Philosoph Byung-Chul Han. Die Transparenzgesellschaft sei eine Gesellschaft des Misstrauens. Sie setze wegen des schwindenden Vertrauens auf Kontrolle und lähme sich letztlich selbst, weil niemand mehr etwas Neues riskiere, aus Sorge, es könnte ihm negativ ausgelegt werden.

Tatsächlich aber, so möchte man den Transparenz-Skeptikern entgegenhalten, ist die Leistung der Plagiatsjäger und der Kämpfer für eine neue Offenheit in der Politik nicht zu unterschätzen. War es nicht ihr Einsatz bei GuttenPlag Wiki, das einen politischen Windhund entlarvt hat, der sogar das Parlament belog?

Karsten Polke-Majewski
Karsten Polke-Majewski

Karsten Polke-Majewski ist Leiter Investigativ/Daten von ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Und schafft Transparenz nicht tatsächlich erst das Vertrauen, von dem eine Demokratie lebt? Diese These vertrat nicht nur Heiner Geißler, als er den Streit um Stuttgart 21 schlichten sollte. ZEIT ONLINE sagte er damals, er sei sogar für "totale Transparenz". Nur so könne das brüchig gewordene Vertrauen in den Staat wieder gestärkt werden.

Geißler benennt einen wichtigen Punkt, auch wenn man nicht zur selben Schlussfolgerung kommen muss: Eine immer größer werdende Zahl an Bürgern traut der repräsentativen Demokratie nicht mehr.

Sie glauben nicht mehr daran, dass sie mit ihrer Stimme tatsächlich Einfluss auf die politische Entwicklung des Gemeinwesens nehmen können. Für sie ist das Drängen auf mehr Transparenz die einzige Möglichkeit, Entscheidungen überhaupt noch zu überprüfen und womöglich zu beeinflussen.

Leserkommentare
    • ezoo
    • 13. Februar 2013 23:24 Uhr

    gibt es da einen großen, SEHR GROßEN Unterschied zwischen der Privat- und Politsphäre. Was in der Politik vorgeht, geht uns alle an, da es uns alle betrifft. Wie andere hier schon geschrieben haben, wollen und müssen wir wissen, wem wir da vertrauen können und wem nicht.
    Mit der Privatsphäre ist das anders und die gilt für Politiker als Privatperson natürlich auch, auch wenn sich das nicht immer sauber handhaben lässt (Sensationspresse etc).

    PS. Ich muss leider weg, deswegen kann ich nicht ausführlicher darauf eingehen.

    3 Leserempfehlungen
  1. Gegen alle Betrügereien mit erschlichenen Doktortiteln, Kungeleien mit Vertretungen von Interessengruppen, die Freude an Eine-Hand-wäscht-die-andere, die augenzwinkernde Annahme ganz privater Vorteile oder auch nur Schwarzgelder für Parteikassen, die Steuerhinterziehungen und die dazu gegebenen Möglichkeiten, der Tolerierung von Korruption und Bestechung, die zuckersüßen Worten nach außen und das schamlose Brechen gegebener Versprechen soll Transparenz helfen? - Es entwickelt sich ein Charakter nicht über Transparenz, sondern über gelernte Ehrlichkeit, Offenheit und Verantwortung für sein eigenes Handeln in der Achtung des Gegenüber. - Ich freue mich über Vroni.plag genauso wie über Lobby.plag, die letztlich nur ein Mittel sind, Betrügerisches aus dem Dunkel zu holen; das wird jedoch Menschen, die andere unbedingt hinters Licht führen wollen, noch raffinierter vorgehen lassen, andere im günstigsten Falle abhalten. - Im Politischen ist das Vertrauen verspielt worden; im allgemeinen wurde der Wählende mißtrauisch; wenn das dazu führt, daß genauer hingesehen wird, ist es gut. So kann sich Mißtrauen wieder in Vertrauen wandeln; das ist jedoch mühsam für beide Seiten. -

    4 Leserempfehlungen
  2. 43. Kritik

    Kritik am Transparenz-Wahn kommt nicht nur vom hier genannten, sondern auch von anderen Wissenschaftlern wie Stephan Jansen, und das völlig zurecht.
    Wenn der Autor hier nicht nur einen Twitter-Account verlinkt hätte, sondern auch sowas altmodisch wie eine Mailadresse, dann könnte ich ihm auch entsprechende Literatur zusenden.
    Fakt ist: der Transparenz-Begriff hakt an einigen Ecken. Das fängt an einer nicht vorhandenen Diskussion an und hört damit auf, dass Transparenz eben kein Vertrauen schafft, wie immer und immer wieder behauptet wird.

    Heiner Geissler noch als positives Beispiel anzuführen ist ein schlechter Scherz. Hat er es doch zu keinem Stück geschafft, Klarheit in das Wirrwarr-S21 zu bringen. Noch dazu schaffte er es nichtmal, klar Stellung zu beziehen sondern kam mit einem völlig absurden Vorschlag an, um sich irgendwie zu retten.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Felefon
    • 14. Februar 2013 2:22 Uhr

    Es ist ja schön, daß Sie Ihre Quellen so transparent angeben.

    Das hat aber mit der Fragestellung NIX zu tun.
    Es geht nicht um irgendwelche Transparenz im Kindergarten.

    Der Schaden für uns Bürger ist die KORRUPTION in unserem Land.

  3. Die These erscheint mir ziemlich duemmlich, denn ansonsten wuerde ja im Umkehrschluss gelten, dass Dikaturen besonders transparent waeren. Und da haette ich doch gerne mal ein paar Beispiele. Und stellen Sie sich mal eine Welt vor in der jeder alles intransparent halten koennte, was wuerde dann wohl passieren? Alle waeren selbsternannte Doktoren, jeder bahauptet er koenne alles usw.. Die ganze Welt waere eine einzige Luege, weil ja jeder vielfaeltig und geitesfreundlich luegen wuerde.

    2 Leserempfehlungen
    • beat126
    • 14. Februar 2013 0:19 Uhr

    Als Schweizer ist mir echt egal, ob ein Parlamentarier einen Doktortitel trägt, auch, ob er oder sie ihn erschlichen hat. Wenn Sie sich jetzt fragen warum, kommt hier die Antwort.

    Wie Deutschland hat die Schweiz auch Repräsentanten, Parteien, Fraktionen und Politiker. Der einzige Unterschied ist, dass der Bürger in der Schweiz das letzte Wort hat - dank dem fakultativen Referendum. So kann nur in Kraft treten, was auch wirklich transparent, gerecht ist und dem Willen des Volkes entspricht.

    Nicht ein Doktortitel oder die Parteizugehörigkeit ist wichtig. Wichtig bleibt einzig, welche Entscheidung zu einer Sachvorlage getroffen worden ist.

    In Deutschland wird nie Transparenz herrschen, wenn sich das Parlament nicht freiwillig dem Veto-Recht des Volkes unterstellt.

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Apoxx
    • 14. Februar 2013 15:32 Uhr

    Vielen Dank für diesen informativen Kommentar.

    Da gibt es ein funktionierendes Mittel für gelebte Transparenz vor unserer Haustüre (=Schweiz) und ich habe noch nie davon gehört.
    Hätten sie mir und anderen interessierten Foristen ein paar Quellen in denen man die Funktionsweise des "fakultativen Referendum" nachlesen kann.

    • Felefon
    • 14. Februar 2013 0:32 Uhr

    Der Artikel ist dummes Gered über Transparenz.
    Er übergeht die tatsächliche Korruption in unserem Staat vollständig. ( Schröder, Fischer, Steinbrück etc. )

    Es hilft NIX wenn Parteien und Abgeordnete NACH der Wahl ihre Sponsoren offenlegen.

    Es muß kurzum ein für alle Mal Schluß sein mit Parteispenden und Abhängigkeiten unserer abgeordneten Politiker.

    Die rund 3000 Landes- und Bundespolitiker müssen korruptionssicher besoldet werden.

    Nebeneinkünfte sind besoldeten Politikern ( wie in der Wirtschaft ) untersagt.

    Ich denke, 50 000 EUR/Monat sind genug für ihre Leistung und sollte vor Korruptionsversuchen ausreichend abschrecken.

    Im Gegenzug sollte Korruption in Landes- oder Bundesparlamenten mit lebenslanger Freiheitsstrafe geahndet werden.

    Nach der Arbeit als besoldeter Parlamentarier muß eine Konkurrenzschutzklausel greifen, die nach Ausscheiden aus dem Amt dem besoldeten Politiker für 10 Jahre eine Kontrolle über möglicherweise nachträglich gezahlte Bestechungsgelder auferlegt.

    Parteispenden gehören abgeschafft.

    Jeder Partei sollte von staatswegen ein angemessener Betrag zur Verfügung gestellt werden, der es ihr ermöglicht pro soundsoviel Parteimitglieder eine Verwaltung zu unterhalten und ihr Parteiprogramm in einem staatlichen und für die Bürger kostenlosen Mitteilungsblatt zu veröffentlichen.

    Wir benötigen keine modische "Transparency".

    Wir brauchen einen korruptionsfreien Staat.

    3 Leserempfehlungen
  4. 47. Nö...

    Das Verhältnis zwischen den Eigenschaften "BILD-Leser" und "Ärgern über Plagiate" dürfte eher umgekehrt proportional sein.

    Der Punkt bei den Plagiaten ist ein ganz anderer: Es scheint mittlerweile eines der wenigen Sachen zu sein, dass unsere Politiker, inbesondere aus den schwarz-gelben Reihen, zwingt wirklich Verantwortung zu übernehmen.

    Denn dabei haben die ja vorher hochheilig versprochen, diese alleine angefertigt zu haben. Die Sache kann halt nicht auf einen Sündenbock abgewälzt werden. Hätte sich unser Freiherr einen besseren Ghostwriter besorgt, dann wäre der noch immer Minister, trotz seiner Unfähigkeit im Amt.

    Eine Leserempfehlung
  5. "Das kollektive Aufspüren von Politiker-Verfehlungen im Internet, die unschöne, oft anonyme Plagiatshatz sei typisch deutsch, analysiert das Blatt. In vielen Deutschen schlummere nun mal ein Polizisten-Gen, bestätigt ein darin zitierter Professor."
    Naja, da ist mir ganz spontan der Clinton und die Levinski-Affäre eingefallen. Das ermittelt jemand weit über das gebotene Maß gegen den Präsidenten aufgrund irgendwelcher Grundstücksspekulationen und fällt zufällig über diese Affäre, über die dann ein irres Bohei gemacht wird. (Insbesondere, wenn man an die Schweinereien seiner Nachfolger denkt.)

    Welche Mentalität steckt denn eigentlich dahinter?
    [...] Gekürzt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke. Die Redaktion/kvk

    2 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service