Angesichts dieser Zahlen lässt sich fragen, ob es sich bei den Wasser-Protesten tatsächlich um eine paneuropäische Bürger- und Protestbewegung handelt, wie die Aktivsten betonen. Eher, so heißt es auch in Brüssel, sei das Verteidigen der kommunalen Wasserversorgung ein typisch deutsches Phänomen. In anderen Ländern seien private Wasser-Anbieter längst gang und gäbe. Die deutsche Praxis, Wasser über kommunale, semi-öffentliche Stadtwerke zur Verfügung zu stellen, sei keinesfalls frei von Korruption und Intransparenz. Genau diese Struktur wollen die Befürworter der neuen Wasser-Richtlinie aufbrechen. Sie mokieren sich über die "lokalen Klüngel" in Deutschland, die die Güter zur Daseinsvorsorge unter sich aufteilen. Selbst die deutschen Politiker in Brüssel, die gegen die neue Wasserrichtlinie sind, räumen ein, dass die bisherige Praxis der Konzessionsvergabe für Wasser in Deutschland nicht frei von Problemen ist.

Internationale Wassermafia gegen deutschen Provinz-Nepotismus

Der Konflikt ist derart aufgeladen, dass beide Parteien zu kriminalisierenden Bezeichnungen für den jeweiligen Gegner greifen: internationale Wassermafia hier, deutscher Provinz-Nepotismus dort. Tatsächlich sind für den Protest in Deutschland neben ver.di vor allem kommunale Institutionen wie der Städtetag und die kommunalpolitischen Vereinigungen der Parteien verantwortlich.

Anders sehen es dagegen oft die Spitzenpolitiker. Angela Merkel beispielsweise begrüßt den Plan der Europäischen Kommission "grundsätzlich". Das geht aus einem Brief hervor, den die Kanzlerin Anfang Januar an den ver.di-Chef Frank Bsirkse geschrieben hat, der ZEIT ONLINE vorliegt. Merkel schreibt darin, Brüssel strebe einen "verlässlichen Rechtsrahmen" an, was "nicht zwingend zu einer Privatisierung" des Wassers führen müsse.

Der Wasser-Graben läuft quer durch die Parteien

Öffentlich hat sich die Kanzlerin diesbezüglich bislang zurückgehalten. Schließlich weiß sie um den Widerstand in ihrer eigenen Partei. Sabine Verheyen beispielsweise ist kommunalpolitische Sprecherin der Union in Brüssel. "Wie eine Blöde" habe sie gekämpft, damit das Wasser vom an sich richtigen Wettbewerbsgedanken ausgeklammert werde, sagt die CDU-Abgeordnete. Vergeblich – deshalb könne sie nun der neuen Richtlinie nicht zustimmen.

Auch durch die FDP läuft der Wasser-Graben. Das zuständige Wirtschaftsministerium unterstützt die Liberalisierung des Wassermarktes. Staatssekretär Hans Joachim Otto sei "ein erbitterter Befürworter", heißt es in der FDP-Fraktion. Getreu der FDP-Ideologie propagiere er die Vorteile von Wettbewerb und freiem Markt. Anders sieht das Horst Meierhofer, der wie die gesamte bayerische FDP die neue Richtlinie bekämpft. Diese sei "für die deutsche Wasserversorgung mindestens überflüssig, wenn nicht sogar schädlich", sagt er ZEIT ONLINE. Wasser dürfe man nicht wie eine normale Ware behandeln, es sei staatlich besonders zu schützen.

Hier klingt der Liberale genauso wie der Aktivist und Krimi-Autor Wolfgang Schorlau.