Protest gegen BrüsselWem gehört Europas Wasser?

Es ist die größte Protestaktion, die die EU bisher erlebt hat. Es geht um Trinkwasser. Und um spezielle deutsche Interessen. Von Michael Schlieben von 

Für die Gegner der neuen Brüsseler Wasser-Politik ist die Sache klar: Die Bösen sind die Kapitalisten und Lobbyisten. Sie wollen Profit machen, mit einem Gut, auf das jeder Mensch angewiesen ist, das mancherorts bereits knapp ist und das riesige Gewinnmargen verspricht.

Wenn man Wolfgang Schorlau zuhört, klingt es zuweilen wie in seinen Krimis. Der Autor hat über die Praktiken der internationalen "Wassermafia" (nicht nur er nennt sie so) ein spannendes Buch geschrieben, das auch einige Politiker aufmerksam gelesen haben. Schorlau ist auch Aktivist. Er unterstützt eine Bewegung, die sich Right2Water nennt. "So eine große Unterstützeraktion hat Europa noch nicht erlebt", sagt Schorlau.

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Wie egoistisch und fahrlässig private Wasserkonzerne mit dem lebensnotwendigen Gut umgehen, hat sich in den Städten gezeigt, in denen sie bereits den Wassermarkt kontrollieren. In London, Paris oder Berlin wurde das Trinkwasser nicht nur teurer, sondern auch schlechter, nachdem es privatisiert worden war. Und nun treibt ausgerechnet ein französischer EU-Kommissar die Liberalisierung des europäischen Wassermarktes voran. Dabei sei doch bekannt, dass die größten Wasserkonzerne Europas aus Frankreich kommen. "Verstehen Sie?", fragt Wolfgang Schorlau.

Right2Water ist ziemlich erfolgreich. Bis Donnerstagmittag hatten 1,15 Millionen Menschen in ganz Europa den Aufruf gegen die neue Brüsseler Wasserpolitik unterschrieben. Es ist das erste Mal in der Geschichte der EU, dass eine europäische Bürgerinitiative von mehr als einer Millionen Menschen getragen wird und so Aussicht auf Erfolg hat. Wenn nämlich in mindestens sieben Ländern ein bestimmtes Quorum erreicht ist, muss sich die Europäische Kommission mit diesem Protest beschäftigen und Stellung beziehen.

Motor der Protestbewegung

Organisiert wird die europäische Unterschriftensammlung von Gewerkschaften und Umweltverbänden. In Deutschland ist die Dienstleistungsgesellschaft ver.di hauptsächlich aktiv, die viele Mitglieder hat, die in der kommunalen Wasserversorgung tätig sind. Man habe als Gewerkschaft "europaweite Strukturen", von denen man nun profitiere, sagt Mathias Ladstätter, der die ver.di-Bundesfachgruppe Wasserwirtschaft leitet und einer der Organisatoren von Right2Water ist.

Explodiert sind die Unterstützerzahlen erst in den vergangenen vier Wochen, sagt Michael Bender von der Grünen Liga, die ebenfalls an der Protestbewegung beteiligt ist. Auslöser waren zwei Satiresendungen im ZDF, deren Thema die Brüsseler Wasserpolitik war. Anschließend stiegen die Klickzahlen der Kampagne merklich an. Auch einige Facebook-Aufrufe, zuletzt etwa von SPD-Chef Sigmar Gabriel, taten ihre Wirkung.

Deutschland ist der Motor der Protestbewegung. In anderen Ländern ist die Resonanz überschaubarer. Während hierzulande bereits mehrere Hunderttausend Menschen unterschrieben haben, sind es in Frankreich wenige Tausend, in Zypern nicht einmal hundert. Das nötige Quorum ist neben Deutschland erst in Österreich, Belgien, Slowenien und der Slowakei erreicht. Finnland und Malta könnten die nächsten sein. Einige "große Länder wie Italien oder Spanien" sollte man aber schon noch knacken, damit die Aktion in Brüssel richtig Eindruck macht, sagt einer der Aktivisten. Noch sei der Rücklauf in diesen Ländern aber leider bescheiden. Doch bis Ende Oktober ist noch Zeit.

Leserkommentare
  1. nur über Investment-Firmen statt, warum nicht mehr über Genossenschaften, aber die einen Kommunisten und damit einen Antikapilistischen Flair?

    Eine Leserempfehlung
  2. 74. Hm...

    also ich war schon in genug Gegenden dieser Erde, wo ohne das Flaschenwasser von nestle und co gar nichts mehr gehen würde.

    Die Brühe der staatlichen Wasserversorger in diesen Regionen würde der Europäer nicht überleben.
    Also mal nicht die Behörden so sehr über den grünen Klee loben...

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    Eine der Ursachen für diese Brühe können Sie hie u.a. hier nachlesen.
    http://de.wikipedia.org/w...
    Zitat:"Viele der 80 Millionen Einweg-Wasserflaschen die jeden Tag in den USA verwendet werden, landen im Meer, wo sie von Meeresströmungen erfasst werden und an entlegenen Küsten angeschwemmt werden, wie am Kamilo Beach auf Hawaii. Neben der Ansammlung von Plastikmüll im Nordpazifikwirbel existiert der östliche Müllteppich im Pazifik, der doppelt so groß wie Texas ist und praktisch aus einer „Suppe aus Plastik“ besteht. Dasselbe Problem besteht auch im Atlantik und im Indischen Ozean. Bei Probenentnahmen mitten auf dem Meer befanden sich im Wasser mehr kleingeriebene Plastikteile, als Plankton. Bei Untersuchungen im Jahr 1999 waren es 6-mal mehr und im Jahr 2008 bereits 46-mal mehr Plastikteile. Der Plastikmüll verwandelt die Meere in eine Plastikbrühe und ist tödlich für die Meeresbewohner, da das Plastik chemische Stoffe freisetzt und kleine Plastikteile auch von Fischen gefressen werden.

    Die Firmen Nestlé, PepsiCo und die Coca-Cola Company lehnten alle Interviews für den Film ab."

  3. Hier hat schon jemand prophezeit dass so etwas in der deutschen Presselandschaft passieren würde. Der Artikel stammt von heute morgen:
    http://www.heise.de/tp/ar...

    7 Leserempfehlungen
  4. Natürlich entstammt das Wasser vorrangig dem Wasserkreislauf der Erde und gehört gleichsam allen Menschen.

    Jedoch wer fördert dieses Wasser, sorgt für eine reibungslose Versorgung und Gesundheitsunbedenklichkeit?
    Richtig, die Wasserversorger tun das. Und wenn ich als Wasserversorger für das alles bezahle, dann gehört mir auch das Wasser welches ich bereitstelle und kann dieses verkaufen.

    Ob das nun durch einen kommunalen oder privatisierten Betrieb geschieht, steht auf einem ganz anderen Blatt!

    Was mir gehörig aufstößt ist dies: "Staatssekretär Hans Joachim Otto sei "ein erbitterter Befürworter", heißt es in der FDP-Fraktion. Getreu der FDP-Ideologie propagiere er die Vorteile von Wettbewerb und freiem Markt."

    Lieber Herr Otto,

    erklären Sie uns doch bitte mal, wie sie bei einem Wasserversorger (WV) die Vorteile des "Wettbewerbs" ausschöpfen möchten. Haben wir in Zukunft die Wahl zwischen 5 WV pro Stadt, wo ich mir jährlich den günstigsten Tarif auswähle? Oha, geht wohl nicht.
    Vielleicht schwebt Ihnen ja vor, den Wohnort entsprechend jährlich zu variieren?

    Es ist doch der pure Schwachsinn der hier propagiert wird. Offensichtlich wird nicht einmal über das Gesagte nachgedacht. Wann verschont man uns endlich vor diesem lächerlichen Haufen.

    4 Leserempfehlungen
  5. 77. [...]

    Bitte beteiligen Sie sich sachlich. Danke, die Redaktion/se

    2 Leserempfehlungen
    • Oli.M
    • 21. Februar 2013 20:15 Uhr

    Zeit gelesen.

    Ich bin empört, dass Zeit Online hier die Lobbyarbeit für Unternehmen wie Nestle und Co. betreibt.

    Aber leieber schlechte Presse als gar keine Presse.
    Ich bin überzeugt, dass durch diesen Artikel noch viel mehr Menschen auf diese Problem aufmerksam werden und sich der Protestaktion anschließen.

    Glücklicherweise lassen sich denkende Menschen nicht so leicht manipulieren, wie die Mehrzahl der Kommentare hier beweist.

    Bravo - und weiter so!

    Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke, die Redaktion/se

    12 Leserempfehlungen
  6. verraten Sie doch nicht Alles.
    Das dies bei allen Grundbedürfnissen (Wohnen, Gesundheit, Energie- und Informationswirtschaft usw.) so gelaufen ist bzw. läuft, bedeutet doch noch lange nicht, daß es beim Trinkwasser genau so ablaufen wird.
    Das behaupten doch nur linke und grüne Spinner um den Menschen Angst vor den Märkten zu machen.
    Und sie verschweigen die guten Beispiele, die, wo es glänzend funktioniert. Wie den Finanzmärkten z.B. ....

    4 Leserempfehlungen
  7. 80. Danke.

    Vielen Dank, dass Sie auf diese Dokumentation hingewiesen haben.
    Als ich von den zwei "Satiresendungen" im ZDF las, hatte ich gehofft, dass der Autor wenigstens im nächsten Satz auch die hervorragende und absolut ernst zu nehmende ARTE-Doku erwähnt. Das tat er leider nicht.

    Die Doku hatte massenhaft Argumente, die dieser Artikel hätte aufgreifen und diskutieren können - z.B. weshalb Großstädte wie Paris ihre Wasserwirtschaft wieder kommunalisieren.
    Das tat er leider nicht.

    Weil das Arte-Video allerdings "momentan nicht (mehr) zur Verfügung steht" verweise ich auch noch auf Youtube: https://www.youtube.com/w...

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Brüssel | Angela Merkel | Europäische Union | FDP | Protest | FDP-Fraktion
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