Altkanzler Gerhard Schröder © Adam Berry/Getty Images

Er ist wieder da. Das Dröhnen hört man schon von Weitem. Er wird umringt von Kameramännern, die er duzt und ankumpelt. Neben ihm läuft Frank-Walter Steinmeier, früher sein Kanzleramtschef, heute Fraktionsvorsitzender der SPD. Die beiden ziehen Schulter an Schulter in den Saal ein. "Alles so wie früher hier", sagt Steinmeier. Gerhard Schröder lacht sein Schröder-Lachen.

Der Anlass für Schröders Rückkehr in die SPD-Fraktion ist ein Jahrestag, zu dem die SPD ein wenig entspanntes Verhältnis pflegt. Vor genau zehn Jahren verkündete Schröder im Deutschen Bundestag die Agenda 2010. Dass die SPD auf dieses Datum nicht uneingeschränkt stolz ist, zeigt sich schon daran, wie sie es begeht. Es gibt keine Festveranstaltung oder hochkarätige Denkschriften. Schröders kurzer Auftritt in der Fraktion ist fast alles, was die SPD an Agenda-Erinnerung zulässt. Offiziell ist sie nicht mal das einzige Thema an diesem Tag. Auch Schröders (weitaus populäreres) Nein zum Irak-Krieg jährt sich zum zehnten Mal. Vor allem daran solle erinnert werden, streut die Fraktionsführung.

Als Schröder die Fraktion betritt, wird er alles andere als begeistert empfangen. Natürlich, applaudiert wird ihm schon. Aber manche Genossen schneiden dabei ironische Grimassen. Es erheben sich auch nicht alle, als sich die Mehrheit schwerfällig zu stehenden Ovationen bemüht. Die anschließende Debatte bezeichnet Schröder später als "eher freundlich" oder "nicht unkritisch". Sie zeigt, dass die Agenda nach wie vor ein großes Reizthema für die SPD ist.

Auf der einen Seite stehen jene Führungspolitiker, die zuletzt versucht haben, sie öffentlich als Erfolgsgeschichte zu bewerben. Ihr eigentlicher Architekt Steinmeier beispielsweise wird nicht müde, an den "kranken Mann Europas" zu erinnern, als der Deutschland in Vor-Agenda-Zeiten noch gesehen wurde. Die Agenda 2010 sei die "entscheidende Weichenstellung" dafür gewesen, dass es Deutschland heute besser gehe als den meisten anderen europäischen Ländern, betont Steinmeier auch an diesem Tag. Die SPD, das ist sein Subtext, könne ruhig ein bisschen stolz sein.

Parteilinke glaubt nicht an Erfolgsmodell

Schröder sieht das natürlich ähnlich. Die Agenda habe "das Land nach vorn gebracht", zitiert er auf der Pressekonferenz im Anschluss an die Fraktionssitzung Andrea Nahles. Er hat sie noch von früher gut als kritische Parteilinke in Erinnerung. Dass die heutige Generalsekretärin sich so äußere, zeige doch, dass die Agenda mittlerweile von großen Teilen der SPD akzeptiert werde, sagt Schröder.

So ganz stimmt das allerdings nicht. "Dieser Narrativ, dass die Agenda 2010 ein sozialdemokratisches Erfolgsmodell war, wird nie in der SPD funktionieren", sagt ein Parteilinker, der namentlich nicht zitiert werden will. Tatsächlich kann fast jeder aus dem linken Flügel die Kritik an der Agenda noch immer herunterleiern: Sie sei Schuld daran, dass der Niedriglohnsektor gewachsen und der Arbeitsmarkt gespalten worden seien.