Hartmut MehdornEin Dienstbeginn wie ein Düsenjet

Der neue BER-Chef brüskiert mit seiner Forderung, Tegel offen zu halten, die Politik. Immerhin ermöglicht er so ein neues Nachdenken über Alternativen, findet L. Maroldt. von Lorenz Maroldt

Hartmut Mehdorn ist ein Brachialkünstler der Kommunikation, Händedruck wie Hulk, Gesprächseröffnung frontal wie die Faust von Graciano Rocchigiani, und dann hämmert er los, wie Georg Uecker, scheinbar wild, immer genau auf den Kopf. Insofern war es nicht so sehr überraschend, dass der neue Chef des Berliner Chaosflughafens die größtmögliche Provokation wählte, um sich im Job einzuführen, sondern, dass er sich Zeit ließ damit bis zum ersten Arbeitstag – und dass er seinen tückischen Überfall aufs verbotene T-Wort verblüffend in feinste, unschuldigste, geradezu vernünftigst klingende Fragen kleidet: Muss man Tegel wirklich schließen? Kann man nicht die Last und den Lärm ein wenig auf die Stadt verteilen? Und: Was wäre so schlimm daran?

Ein Dienstbeginn wie ein Düsenjet, elegant und eruptiv, Sturzflug, Rauchfahnen, Rückwärtsrolle, Minuten später sind alle sprachlos, düpiert: die Gesellschafter, die Aufsichtsräte, der Vorgänger sowieso. Das Mantra der Berliner Flughafenpolitik, seit bald zwanzig Jahren von allen, aber wirklich allen, die hier Verantwortung tragen, geflüstert, gesummt, gesungen und gebrüllt, dass Tegel nicht offen bleiben darf, weil Tegel nicht offen bleiben kann, ist mit einem Mal unterbrochen, und das ausgerechnet durch den Mann, der sie alle retten soll vom Makel des Unvermögens. Tegel offen – was wäre daran so schlimm?

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Matthias Platzeck, Aufsichtsratsvorsitzender und Ministerpräsident, der Mehdorn geholt, vielleicht auch überzeugt hat, braucht ein paar Minuten, um zu ermessen, was da gerade passiert – und reagiert fatal. Er spricht Mehdorn, dem Mann seiner Wahl für den Spitzenjob im Milliardengeschäft, die Kompetenz ab mit den Worten, dieser könne "das", also die einfachste Grundlage der bisherigen Flughafenplanung, "noch nicht ganz übersehen".

Mehdorn, ausgerechnet, der mit der Bahn einst Tempelhof übernehmen und mit Air Berlin wegen des BER prozessieren wollte, ein Unbedarfter, Ahnungsloser? So unglaubwürdig klingt selbst Politik nur selten. "So gut wie in Eisen gegossen" sei der Planfeststellungsbeschluss, sagt Platzeck noch, und man hört doch vor allem heraus: so gut wie.

Brutal gemein

Was Mehdorn beflügelt, bleibt einstweilen Spekulation. Natürlich weiß er um die rechtliche Lage. Doch in Stein gemeißelt wie Moses Gesetzestafeln sind Genehmigungen und Gerichtsurteile in einer freien Gesellschaft nie. Sie können kein Selbstzweck sein, schon gar nicht, wenn sich die Dinge ändern. Berlin, wachsende Stadt, das größte Projekt dieser Zeit, "noch nicht in all den Facetten verstanden", wie Klaus Wowereit meint, muss sich verändern, kann nicht davon ausgehen, dass alles, was seit Jahren beschlossen ist, Bestand haben kann bis in die Ewigkeit, die hier markiert ist von der Fertigstellung des Flughafens BER, zu klein schon zur Eröffnung. Mehdorns Frage, was so schlimm daran sei, über Tegel neu, ja anders zu denken, ist in ihrer vermeintlichen Schlichtheit brutal gemein: Sie trifft allein auf Antworten, die rein formalistisch sind. Doch wohin hat all der Formalismus die Flughafenmacher geführt? Nur zu Hartmut Mehdorn.

Es ist eine, ja seine hinter all dem Krach stille Pointe, dass Mehdorn ausgerechnet im Potsdamer Landtag, Leidensort des Doppel- und Widerspruchsfunktionärs Platzeck, diesem eine Bahn aus dem scheinbar unauflösbaren Nebel der Lärmzwickmühle weist. Denn das ist die Botschaft des Hartmut Mehdorn: Es gibt eine Lösung für alles und stets eine Alternative – weit über Tegel hinaus.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
    • deDude
    • 12. März 2013 12:19 Uhr

    ... hätte doch lieber Papst werden sollen, bei der katholischen Kirche gibt es immerhin was zu retten. Das Flughafendesaster wird uns hingegen wohl noch viele Jahre begleiten bis jeder der beteiligten Akteure seine Taschen ausreichend gefüllt hat.

    Ich empfehle dazu die Reportage "Pleiten, Pech und Peinlichkeiten" die gestern Abend in der ARD lief. Ausnahmsweise mal ein kritischer Beitrag unserer Hofberichtserstatter der gut aufzeigt wie bei derlei Großprojekten gelogen und betrogen wird.

    http://mediathek.daserste...

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    "... bis jeder der beteiligten Akteure seine Taschen ausreichend gefüllt hat."

    Dann wird es tatsächlich ad infinitum weitergehen, denn schon Arthur Schopenhauer (1788-11860) wußte: "Der Reichtum gleicht dem Seewasser. Je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man"

    • scoty
    • 12. März 2013 12:22 Uhr

    ein Chaosflughafen braucht natürlich einen Chaoschef.

    Warum nicht ?

    Es gibt viele Großstädte die zwei Flughäfen haben.

    6 Leserempfehlungen
  1. Wenn der neue Flughafen eh zu klein ist, hat er doch recht.

    Selbst wenn BER irgendwann fertig wird (was ich mir irgendwie schwer vorstellen kann), dann werden die Kapazitäten für eine Stadt mit 3,5mio Einwohnern viel zu klein sein. Und die meisten bedeutenden Städte auf der Welt haben mehrere Flughäfen.

    Die Reportage gestern fand ich sehr gut und bestätigt mich darin, was ich schon immer vermutet habe: offentliche Projekte dieser Größenordnung gehen einher mit Korruption und Selbstbereicherung.

    14 Leserempfehlungen
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    London z.B. hat fünf Flughäfen und für Berlin ist doch jetzt schon abzusehen, dass einer auf Dauer nicht ausreichen wird.

  2. London z.B. hat fünf Flughäfen und für Berlin ist doch jetzt schon abzusehen, dass einer auf Dauer nicht ausreichen wird.

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    • herokk
    • 12. März 2013 14:17 Uhr

    London, Paris, New York, Tokyo, Istanbul, etc mögen zwei oder gar bis zu fünf Flughäfen haben, aber das würde ich mir nie wünschen.

    Das mag einigermaßen funktionieren und praktisch sein, wenn die Flughäfen hauptsächlich als Start- oder Endpunkt dienen. Sobald jedoch Transit ins Spiel beginnt das Chaos. Mussten Sie schonmal von LGA nach JFK oder von HND nach NRT oder von SAW nach IST umsteigen? Das ist für einen Reisenden kein Vergnügen, mit Sack und Pack ganz gewöhnlich anzukommen, aufs Gepäck zu warten, durch den Zoll zu spazieren, um dann mitsamt Koffer / Rucksack in einen Bus einzusteigen, wenn man Pech hat sogar noch umsteigen muss, nur um dann am nächsten Flughafen von Null auf neu einzuchecken, durch die Sicherheitskontrollen zu gehen und dann schließlich das Gate aufzusuchen.

    Sogesehn wären mehrere Flughäfen vielleicht sogar ein Vorteil, denn sie würden Fluggäste davon abschrecken, Berlin zum Transit zu nutzen, sofern man auf verschiedenen Flughäfen landet und wieder abfliegt.

    Andererseits bedeutet jedoch mehrere Flughäfen auch mehr Fluglärm über die ganze Stadt und ihre Vororte verteilt.

    Mittlerweile sind es sechs nach IATA:
    http://de.wikipedia.org/w...

    Wobei man natürlich aufpassen muss, das man nicht jede alte RAF Basis, die heute als Basis für Billigfliegerdient zu einem Voll-Airport aufwertet.

  3. Für Politiker ist das nur möglich, wenn es um internen Wettbewerb oder populistische Stellungskriege geht.
    Eine sachliche und am Problem orientierte Alternative im Sinne der Lösung eines Problems, bringt nur Arbeit und wenig Ruhm. Das BER Debakel und der Umgang der Politik mit dieser Verantwortung ist ein gutes Beispiel.

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  4. Das ist der Lacher der Nation. Wenn Tegel weiter in Betrieb bleiben sollte, dann hätte der Flughafen Schönefeld mit wenigen Euronen ausgebaut werden können ... und fertig. Das haben ja viele in Berlin von Anfang an so gesehen, weil man mit den für diesen Flughafenwahn eingesparten Milliarden z. B. die Berliner Schulen sanieren, neue Kitaplätze hätte bauen können. Aber so was von sozialen Dingen geht dem SPD-Mann Wowereit am Allerwertesten vorbei [...] ? Der Mehdorn wiederum soll sehen, dass er den Flughafen blitzartig fertig kriegt. Das ist sein Job, und nichts Anderes!

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/jp

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    lässt sich an keine Zügel nehmen. Er hatte zwar bisher keine wirklichen Erfolge in seiner Managerlaufbahn, schon gar keine nachhaltingen, aber gerade das scheint für die Poltik der Grund gewesen zu sein, ihn als Feuerwehrmann und Bitzableiter für den BER zu holen. Scheitern wird Mehdorn über kurz oder lang auch hier.

    war schon Ende 1994 abgeschlossen und damals regierte noch die CDU, wenn auch in Koalition mit der SPD.

    Deshalb finde ich es doch schon etwas vermessen, wenn man jemanden kritisiert, der mit dieser Entscheidung nichts zu tun hatte.

    Und zu Mehdorn, der macht es gleich von Anfang an richtig. Er steckt die Kompetenzen ab. Ich bin mir sicher das der sich nicht so viel ins Handwerk pfuschen lässt, wie sein Vorgänger.

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

  5. "Doch in Stein gemeißelt wie Moses Gesetzestafeln sind Genehmigungen und Gerichtsurteile in einer freien Gesellschaft nie. Sie können kein Selbstzweck sein, schon gar nicht, wenn sich die Dinge ändern."

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    • Demo4
    • 12. März 2013 21:22 Uhr

    < Ähm, gilt das auch für Stuttgart?

    "Doch in Stein gemeißelt wie Moses Gesetzestafeln sind Genehmigungen und Gerichtsurteile in einer freien Gesellschaft nie. Sie können kein Selbstzweck sein, schon gar nicht, wenn sich die Dinge ändern." >

    diese Aussage kann man gar nicht oft genug wiederholen und betonen,
    bei Stuttgart 21 aber sollen alte Beschlüsse und Volksbegehren binden..,
    einfach mal neuabstimmen, in so einer Kontroverse keine Willkür, sondern Demokratie

    ---------

    im Übrigen zu Mehdorn:
    "Immerhin ermöglicht er so ein neues Nachdenken über Alternativen"

    auf die Idee ist bisher wirklich noch niemand gekommen, für sowas bekommt er ein Mio-Gehalt? traurige Hörigkeit,

    was man in einer Pressekonferenz als erstes sagt muss jeder selber wissen,
    aber wenn man mal 5 Min. Brainstorming macht, 'wie halten wir Berlin am Laufen, wie ist die Lage aktuell und die nächsten 10 Jahre?', dann wird das doch wohl jeder Azubi unter den 20 Punkten haben, die interessant sind

    schrecklich wie die Politiker sagen 'wir haben extra jemanden angestellt der uns die Meinung sagen kann',
    können die nicht selber denken, können die nicht einen seriösen angestellten Normalverdiener nach Meinung fragen?

    nein, erst ein Mio-Schwergewicht ohne Kenntnisse muss die einfachsten Wahrheiten/ Möglichkeiten aussprechen, die auch jeder Zuschauer zu Hause hat,

    weitere 300.000 Gehalt schon jetzt für den Sommer:
    Flughafen öffnen während in Halle X noch gebaut wird, wow, welch Idee, bravo

    ...was hat das jetzt mit dem Thema zu tun?

    ... sondern soll in einem volgesogenen Schwamm von einem Berg installiert werden.

  6. lässt sich an keine Zügel nehmen. Er hatte zwar bisher keine wirklichen Erfolge in seiner Managerlaufbahn, schon gar keine nachhaltingen, aber gerade das scheint für die Poltik der Grund gewesen zu sein, ihn als Feuerwehrmann und Bitzableiter für den BER zu holen. Scheitern wird Mehdorn über kurz oder lang auch hier.

    Antwort auf "Lacher der Nation"
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    wird er den Chaosbahnhof S21 managen

    Obwohl sich Mehdorn nie beliebt gemacht hat und obwohl nie alles rund lief, muss man ihm doch 2-3 Dinge zugute halten.

    1. aus unternehmerischer Sicht ist es begrüßenswert, dass er das Schienennetz bei seinem damaligen Konzern gehalten hat - entgegen aller Widerstände, denn alles andere hätte möglicherweise eine deutliche Schwächung der Bahn bedeutet - also dem Unternehmen, dem er vorstand.
    2. hat sich die Bahn an vielen Stellen unter Mehdorn verbessert, Stichworte: Taktung/Trennung Regionalverkehr <-> Fernverkehr, mehr oder weniger Gewinnzone für die Bahn
    3. war er nicht alleiniger Verantwortlicher für den gesamten operativen und den gesamten planerischen Bereich der Bahn, insofern sind ihm vielleicht Fehler wie Berliner S-Bahn und S21 nicht vollständig zuzuschreiben, auch wenn er sich hier natürlich nicht aus der Verantwortung ziehen kann.

    4. darf man ihm bei AirBerlin auch nicht die Hauptschuld anlasten, denn immerhin hat er einen maroden Haufen übernommen und ihn nicht ganz so marode zurückgelassen. Das darf man an dieser Stelle nicht vergessen.

    Mich erinnert die Person Mehdorn ein bisschen an Herrn Schröder. Der hat auch einen maroden Haufen übernommen (strukturelles Defizit, steigende Arbeitslosigkeit, am Rande der Deflation) und hat ähnlich wie Mehdorn harte, unpopuläre Schritte eingeleitet, um die Talfahrt zu beenden. Schritte die weh taten, aber die nötig waren. Beide haben am Ende dafür dann sogar noch den blauen Brief erhalten,..... tragische Figuren

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