FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle hat die Liberalen aufgerufen, "stolz und selbstbewusst" um einen weiteren Regierungsauftrag bei den Deutschen zu werben. Die FDP-Minister seien das "Kompetenzzentrum der Bundesregierung", sagte Brüderle beim Bundesparteitag in Berlin. Er versprach einen temperamentvollen Wahlkampf, bei dem er die "erfahrene Sturmspitze" sein wolle: "Da brennt der Baum, das wird erfolgreich sein." Die FDP habe den Staat und auch den Koalitionspartner fit gemacht, nachdem die CDU/CSU in der großen Koalition "sozialdemokratischen Speck" angesetzt habe.

Den Kanzlerkandidaten der SPD, Peer Steinbrück, nannte Brüderle eine "Fettnapfsuchmaschine", die für jeden Ausrutscher ein Zugeständnis an den linken Flügel der Sozialdemokraten machen müsse. Steinbrück renne herum wie ein "Sprachroboter" der Linken in der SPD. Er sei inzwischen von Parteichef Sigmar Gabriel auf marxistisches Gedankengut umprogrammiert worden und spreche von "Verelendung" in Deutschland.

Brüderle sprach die meiste Zeit in ruhigem Ton und steuerte erst zum Schluss seiner Rede auf einen explosiven Ausbruch zu: "Wir überlassen unser Land nicht diesen Fuzzis, diesen fehlprogrammierten Typen – auf in den Kampf!" Die Grünen wollten die Gesellschaft in einem Ökosozialismus "verregeln" und den Menschen vorschreiben, was sie essen und trinken sollten.

Dem grünen "Möchtegern-Finanzminister" Jürgen Trittin unterstellte Brüderle, er plane einen "Mao-Zuschlag" für Vermögende in Höhe von 100 Milliarden Euro. Mit solchen Plänen werde ein rot-rot-grünes Bündnis vorbereitet. Dabei habe Rot-Grün nichts dazugelernt: Die Oppositionsparteien holten ihre "Wohlstandsvernichtungswaffen" wieder heraus: Pläne der SPD, den Rentenbeitragssatz um drei Prozent zu erhöhen, würden 450.000 Arbeitsplätze kosten.

"Inflation ist der Taschendieb der kleinen Leute"

Brüderle lobte das "neue deutsche Wirtschaftswunder" und sprach von einem Beschäftigungs-, Export- und einem Wohlstandswunder. "Fleißige Menschen und gute Politik" hätten dies geschafft – und die FDP. "Liebe Freunde, ihr wisst, wer das gemacht hat: Wir haben es gemacht!" Die Liberalen hätten die Staatsquote auf 45 Prozent gesenkt und strebten eine Schwarze Null im Bundeshaushalt an. Brüderle warnte vor der Geldentwertung in Folge der Eurokrise: Inflation sei "der Taschendieb der kleinen Leute" und eine Umverteilung von privaten Vermögen zum Staat.

Brüderle wandte sich dagegen, dass die Europäische Zentralbank (EZB) zur Bekämpfung der Schuldenkrise italienische Staatsanleihen aufkaufe. Dies wäre ein Dammbruch: "Die EZB weiß, sie darf nicht Reparaturbetrieb für unerwünschte Wahlergebnisse werden." Beunruhigend sei auch die Entwicklung in Frankreich, wo das Wachstum einbreche und Präsident François Hollande vieles falsch mache: "Der Grande Nation droht ein grandioser Absturz." Unter dem Präsidenten Mitterrand hätte die französische Linke zwei Jahre gebraucht, um Realismus zu entwickeln.

Brüderle kritisierte aber auch einen "Kapitalismus der Trickser" und Exzesse bei Manager-Boni. "Wir brauchen einen neuen Ordnungsrahmen für die soziale Marktwirtschaft." Es sei richtig gewesen, dass die FDP Staatshilfe bei Opel, Karstadt und Schlecker verweigert habe.

Per Akklamation neuer FDP-Spitzenkandidat

Zum Abschluss des Parteitags wurde Brüderle durch minutenlangen, einhelligen Applaus der 600 Delegierten als Spitzenkandidat für die Bundestagswahl am 22. September nominiert. Eine Abstimmung fand nicht statt. Der 67-Jährige soll die Freidemokraten mit Parteichef Philipp Rösler erneut ins Parlament führen.

Am Samstag hatte der Parteitag Rösler mit knapp 86 Prozent für weitere zwei Jahre im Amt bestätigt. Der nordrhein-westfälische Landeschef Christian Lindner wurde zum ersten Stellvertreter gewählt. Weitere Stellvertreter sind Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und der sächsische FDP-Landesvorsitzende Holger Zastrow. Die beiden Bundesminister Dirk Niebel und Daniel Bahr scheiterten beim Versuch, ins Präsidium zu kommen.