Bürgerinitiativen : Wo rechte Gewalt lieber verdrängt wird

An vielen Orten versuchen Bürgerinitiativen, an die Opfer rechter Gewalt zu erinnern. Bürger, Gemeinderäte und Behörden reagieren häufig ablehnend.

Das Koblenzer Kulturforum ist ein imposanter Neubau, der zentrale Platz der rheinland-pfälzischen Stadt wurde erst vor Kurzem umgestaltet. Eine Gedenkplatte soll dort in wenigen Wochen an ein dunkles Kapitel erinnern. "Hier ermordete am 24.8.1992 ein rechtsradikaler Täter den Obdachlosen Frank Bönisch und verletzte mehrere Menschen. Zur Erinnerung und Mahnung" ist als Text vorgesehen. Gut zwanzig Jahre nach der Tat wird damit mitten in der Koblenzer City eines neonazistischen Amoklaufs gedacht. Die Stadt zeigt damit, dass sie weiter ist als Polizei und Justiz.

Andy H. war an jenem Augustabend der Täter, Spitzname "der deutsche Andy". Einige seiner Freunde von der Skinhead Front Coblenz waren damals nach Rostock-Lichtenhagen gefahren, wo Hunderte Rechtsextreme aus ganz Deutschland unter Beifall von Anwohnern ein Wohnheim für vietnamesische Vertragsarbeiter in Brand setzten. Der damals 23-jährige Andy H. führte daheim seinen eigenen Feldzug gegen alle, die nicht ins rechte Weltbild passen.

Klicken Sie auf das Bild, um die interaktive Grafik aufzurufen. Sie zeigt, wo seit 1990 Menschen durch rechts motivierte Täter starben.

Er entwendete eine Neun-Millimeter-Smith-&-Wesson aus dem Waffenschrank seines Vaters und ging auf den Zentralplatz unweit des weltberühmten Deutschen Ecks. Dort saßen wie an den meisten Sommerabenden Punks, Junkies, Wohnungslose und sozial Randständige, einige tranken Bier oder billigen Wein, ein paar spielten Gitarre. Andy H. – Hakenkreuz-Tätowierung auf dem Oberarm – stellte sich in Kampfschützenhaltung auf den Platz, brüllte "jetzt seid ihr dran" und feuerte zehn Schüsse, das gesamte Magazin, auf die völlig überraschten wehrlosen Menschen ab. Acht Menschen verletzte der Neonazi-Skinhead, einige von ihnen schwer. Der 35-jährige Obdachlose Frank Bönisch erlag noch am selben Tag seinen Schussverletzungen.

"Dem Vaterland gedient"

Im Prozess vor dem Landgericht Koblenz im Juni 1993 gab sich der Dachdeckergehilfe, der davon träumte, Soldat oder Stuntman zu werden, reuig und unpolitisch. Als Auslöser für die Tat gab er an, die Bank habe ihm am Vorabend einen Überziehungskredit von 100 Euro verweigert. Da habe er mit allem Schluss machen wollen. Er habe sich als Auserwählter gefühlt, der dazu bestimmt sei, Menschen zu töten. Ein psychiatrischer Gutachter bescheinigte Andy H. eine "schwere Persönlichkeitsstörung, Minderwertigkeitsgefühle, Angst und Hass" und hielt ihn für vermindert schuldfähig.

Das Landgericht Koblenz verurteilte Andy H. wegen Mordes und siebenfachen Mordversuchs zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren und ordnet seine Einweisung in eine psychiatrische Landesanstalt an. Ein politisches Motiv für die Schüsse erkannten die Richter genauso wenig wie die Staatsanwaltschaft. Aus der Haft schrieb Andy H. an "Kameraden", er sitze im Knast, weil er "dem Vaterland gedient habe." Der Journalist Michael Grabenströer, der für die Frankfurter Rundschau über den Prozess berichtete, schrieb damals: "In der Garnisons- und Beamtenstadt Koblenz wurde die Tat nur zu gerne als Amoklauf ohne politischen Hintergrund gesehen." 

Dass auch die Landes- und die Bundesregierung den Obdachlosen Frank Bönisch nicht als Opfer rechtsmotivierter Gewalt anerkennen, hat Detlef Knopp eher am Rande zur Kenntnis genommen. Der ehemalige Sozialkunde- und Politiklehrer ist seit 1999 Kulturdezernent der Stadt Koblenz. Er hat das Gerichtsurteil gelesen, kennt die Medienberichte über das Verfahren. Knopp sagt, "die objektive Faktenlage" sei eindeutig. Der Mord an Frank Bönisch sei aus "Gesinnungsgründen" geschehen, die Opferauswahl füge sich nahtlos ins klassische rechtsradikale Weltbild. Für ihn sei eine Gedenktafel daher "selbstverständlich".

Die Idee dazu hatte im vergangenen Jahr die Initiative für das Erinnern an die Stadt Koblenz herangetragen, ein Bündnis aus einer lokalen Obdachloseninitiative, dem DGB, der Katholischen Hochschulgemeinde und jungen Antifas. "Inspiriert wurden wir dabei von der Todesopferliste von ZEIT, ZEIT ONLINE und Tagesspiegel", sagt Sebastian Hebeisen, Gewerkschaftssekretär beim Koblenzer DGB und einer der Sprecher der Initiative. Kurz nachdem die Liste mit damals 137 Opfern veröffentlicht wurde (die staatlichen Statistiken verzeichneten zu dem Zeitpunkt lediglich 47 Tote), nahmen einige Mitglieder der späteren Initiative an einer Gedenkfeier im 50 Kilometer entfernten Hachenburg im Westerwald für den im Dezember 1990 von Neonazis getöteten 17-jährigen Kurden Nihad Yusufoglu teil. "Dabei wurde die Gesamtliste an eine Hauswand projiziert," erinnert sich Hebeisen. Dort sei ihnen dann der Mord an Frank Bönisch aufgefallen, geschehen direkt vor ihrer Haustür. 

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Kommentare

109 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren

netter Versuch..

"ist ein Relativieren, d.h. ein Einordnen der Tat in eine Obermenge gleichartiger Taten ein notwendiges Mittel "

-> hier wiederholen Sie nur Ihre Unterstellung mit der beiläufigen Bemerkung "gleichartiger Taten".

"Betrachten wir das Ganze aus der Sicht des Täters und seiner Motivation..."

-> Vielmehr sollten sie das Ganze
1. aus der Perspektive des Opfers bzw. ihrer Verbliebenden betrachten und
2. aus der Sicht der Gesellschaft betrachten.

Wie steht es mit Mord aus Notwehr vs. Mord aus Fremdenfeindlichkeit?

Zur Übung überlasse ich Ihnen die Aufgabe die o.g. Perspektiven abzuarbeiten. Viel Erfolg.

Lieber Holm,

... wenn ich Ihren [...] Gedankengängen korrekt gefolgt bin, zielen Sie gerade darauf ab, dass bspw. das Phänomen der sog. "Ehrenmorde" eine logisch saubere Bezugsgröße bilde, um ... (?), ja, um was eigentlich? Um (vergleichsweise) mangelnde Aufmerksamkeit für dieses Phänomen in der gesellschaftspolitischen Reflexion beklagen zu können? Oder um eine (vergleichsweise) überzogene Haltung gegenüber rechtsextremistisch motivierter Gewalt anzuprangern?

Bevor Sie sich dieser Frage widmen, sollten Sie ganz im Stillen und für sich selber erst einmal die Frage erörtern, ob es in dieser Angelegenheit überhaupt das von Ihnen postulierte Ungleichgewicht gibt. Ich bezweifele, dass der Name Enver Simsek einen höheren Bekanntheitsgrad hat, als der von Hatun Sürücü.

Ich weiß ja nicht [...] aber Topoi wie "Ehrenmorde" stehen gleich aus zwei (teils miteinander zusammenhängenden) Perspektiven im Fokus des gesellschaftspolitischen Diskurses: zum einen ganz allgemein im Kontext der Integrationsdebatte, zum anderen (teils überlagernd) aus der Perspektive der sog. "islamkritischen" Bewegung, die sich als eigenständiges Phänomen, hervorgegangen aus einer Synthese von liberalistischer und rechter Intelligenz, längst in der Mitte der Gesellschaft etabliert hat und - keine Sorge - schon mit Argusaugen darüber wacht, dass derlei Relativierungschancen nicht ungenutzt vorübergehen.

Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich und achten Sie auf einen respektvollen Umgangston. Danke, die Redaktion/jk

Egal sein kann es nicht

Sie schreiben:

"Der Gesellschaft wiederum kann es nicht egal sein, warum ein Mord geschehen ist. Denn jene Leute, welche andere wegen ihrer Hautfarbe/Herkunft/was-auch-immer umbringen neigen dazu sich zu organisieren[...]"

Ich wollte keineswegs andeuten, die Gesellschaft solle sich nicht für die Gründe interessieren. Ich habe lediglich darauf hingewiesen, dass das (das Nicht-Egal-Sein-Dürfen) auch für viele andere Gewaltmotive gilt.

Mein Beispiel mit der Alkohol-Gewalt zielt in die gleiche Richtung: Durch Gewalttaten unter Alkoholeinfluss wird womöglich die Haltung zementiert, dass man Leute, die "groß, stark und besoffen" sind, mit Dingen durchkommen lässt, gegen die man ansonsten deutlich Stellung beziehen würde.

Säufer neigen übrigens oft auch dazu, sich zusammenzurotten und sich gegenseitig anzustacheln...

Jedenfalls möchte ich der Unterstellung entgegentreten, dass Gewalttaten nicht ernst genommen oder nicht klar genug abgelehnt werden, wenn sich keine Mehrheiten für Straßen-Umbenennungen finden.
Dies wird nämlich mit der gleichen Berechtigung von Menschen, die sich mit anderer Gewalt befassen, als Relativierung empfunden.

Mord ist Mord und muss Mord bleiben

Sie stellen die Frage, es also genauso schlimm ist ob man jemanden ermordet, der einem ganz persönlich geschadet hat, oder jemanden, der nur - aus Sicht des Mörders - die falsche Nationalität bzw. Ansicht hat.

Sie deuten doch wohl hoffentlich damit nicht an, es gäbe "verständliche" oder gar "entschuldbare" Morde, oder?

Mord aus niederen Beweggründen ist (und bleibt hoffentlich) ein Kapitalverbrechen, das dem abendländischen Wertesystem diametral entgegen steht.
Und ja, dabei ist es völlig wurscht, aus welchen niederen Beweggründen gemordet wird - ganz gleich, ob Hass, Rache oder Habgier!

Es ist an der Zeit, Mordopfer von z.B. Raubüberfällen als Tote 2. Klasse zu deklassieren.

Wenn Gedenken, dann Alle oder Keiner.