Euro-Krise : Deutschlands Image, Merkels Beitrag

Merkel mit Hitler-Bärtchen, Merkel als Domina: Wie viel Schuld trägt die Kanzlerin daran, dass das Bild der Deutschen in den Euro-Krisenländern so schlecht ist?
Protest gegen die Euro-Rettungspolitik und Angela Merkel in Nikosia © Patrick Baz/AFP/Getty Images

Für den spanischen Fernsehjournalisten Jordi Évole benimmt sich Angela Merkel wie eine Domina: Sie peitscht die Staaten der Euro-Zone aus, die sich schlecht benehmen. Es ist ein drastisches Bild, das Évole zeichnet. Er nutzte es schon im vergangenen Herbst. Damals gingen die Spanier gegen den Sparkurs ihrer Regierung auf die Straße; sie protestierten gegen Arbeitsmarktreformen nach deutschem Vorbild und gegen Steuererhöhungen. Heute, nach der Rettung Zyperns, ist das Domina-Image aktueller denn je.

Dabei haben alle Euro-Staaten gemeinsam das Hilfspaket für Zypern beschlossen. Und dem Vernehmen nach war es gar nicht Angela Merkel, sondern der zyprische Regierungschef Nikos Anastasiades selbst, der im gescheiterten ersten Anlauf zur Rettung durchsetzte, auch die Kleinsparer zu belasten. Doch die Demonstranten in Nikosia interessiert das wenig. Ihre Wut richtet sich gegen die Bundeskanzlerin, die auf Transparenten erneut mit Hitler-Bärtchen und Hakenkreuz dargestellt wird. "Merkel, Du stiehlst unsere Ersparnisse", riefen sie auf den Straßen.

Selbst seriöse Medien greifen in der Euro-Debatte gern zu Nazi-Vergleichen, seit griechische Zeitungen Angela Merkel vor einem Jahr als Nazifrau darstellten. Vor wenigen Tagen erst schrieb der spanische Ökonomieprofessor Juan Torres López in der Tageszeitung El País: "Wie Hitler hat Angela Merkel dem Rest des Kontinents den Krieg erklärt, diesmal, um sich wirtschaftlichen Lebensraum zu sichern." Online ist der Text inzwischen nicht mehr zu finden.

Das Dilemma der Deutschen

Für die deutsche Regierung ist das ein kaum aufzulösendes Dilemma: Zu Hause kritisierten die Wähler die Kanzlerin lange dafür, dass sie gegen anfänglichen Widerstand am Ende doch jedem Rettungspaket zustimmte. Im Ausland hingegen gilt sie als Eiserne Lady, die Europa mit viel zu harter Hand regiert. Viele Deutsche glauben, dass die Bundesregierung zu viel Steuergeld für riskante Rettungsmaßnahmen aufs Spiel setzt. In den Krisenländern finden dagegen viele, dass Deutschland großzügiger helfen sollte – schließlich hätten seine Exporteure in guten Zeiten auch vom schuldenfinanzierten Konsum des Südens profitiert. Dass beides nötig ist, Sparen und Hilfe, und dass es vor allem darum gehen sollte, die richtige Balance zwischen beidem zu finden, gerät zwischen den Fronten aus dem Blick.

Durch seine Krisenpolitik zerstöre Deutschland gerade den guten Ruf, den es nach dem Zweiten Weltkrieg berechtigterweise erlangt habe, sagt Rafael Poch, Korrespondent der spanischen Zeitung La Vanguardia in Berlin. Schon vor Jahren habe er Außenminister Guido Westerwelle darauf angesprochen. "Er schaute mich an, als hätte ich etwas völlig Verrücktes gesagt."

Möglicherweise lässt es sich in einem Bündnis souveräner Staaten wie der Europäischen Union gar nicht vermeiden, dass es in Krisenzeiten zu harschen Konflikten kommt. Letztlich tue Deutschland nichts, was die anderen nicht auch täten, sagt Rafael Poch. "In der EU denkt jeder nur an sich, Deutschland auch." Aber es sei nun einmal das Land mit der stärksten Wirtschaft, "das den Laden zusammenhält", und müsse deshalb auch mehr Verantwortung als die anderen übernehmen. Am Ende aber folge auch Deutschland nur seinen eigenen Interessen.

Der Duisburger Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte hält das für logisch. "Unsere Regierung wird nicht im Ausland gewählt. Gerade in einem Bundestagswahljahr ist ihr deshalb weniger wichtig, welches Bild das Ausland von den Deutschen hat." Zumal nationale Stereotype wie das Bild vom harten Deutschen sich nicht leicht verändern lassen: "Das dauert lange", sagt Korte, "oder es brauchte ein kollektives Großereignis wie die Fußball-WM vor einigen Jahren."

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