BundespräsidentJoachim Gauck, der Amtskonforme

In seinem ersten Jahr hat Joachim Gauck das Präsidentenamt beruhigt und auf seinen Wesenskern zurückgeführt. Das ist Chance und Gefahr zugleich. von Stephan-Andreas Casdorff

Ein Jahr! 365 Tage seit der Wahl von Joachim Gauck, und er erweckt den Eindruck, schon länger Bundespräsident zu sein. Das ist seine Stärke und Schwäche zugleich. Er hat sich das Amt angeeignet, und das Amt hat sich ihn erzogen. Durch die Mühen der Ebene stapft er wacker, aber es ist eben mit Mühen verbunden, zumal für ihn, der mit der Attitüde des Nonkonformisten kokettierte. Doch nun wirkt Gauck amtskonformer denn je, er als Person, und als zu Beginn.

Das klingt enttäuschend, ist es aber nicht, nicht nur. Ein Präsident, der nur seiner selbst lebt und dem Klang seiner wohlgesetzten Worte nachlauscht, würde schnell scheitern. Denn das Amt ist eines, zu dem alle Zugriff zu haben glauben; der Amtsinhaber ist qua Aufgabe einer für alle und über die Parteigrenzen hinweg. Darum ist es ja auch logisch, dass keiner ihn für sich beanspruchen kann, woraus ein Teil der Enttäuschung resultiert.

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Einer allerdings, der immer wohlfeil ist, der langweilt nicht nur, der ist auch banal. Und banal darf das Präsidentenamt nicht sein, sonst wird es bald gar nicht mehr sein. In dieser Hinsicht hat Gauck (auch sich) vieles geleistet. Wie er über Juden, Türken, Ökologen, Pazifisten, die Bundeswehr hier und dort, Europa, den Sexismus redet – einerlei ist es nie, was er sagt. Es hat aufgeregt, so oder so, fast jedes Mal, aber nur für kurze Zeit und nur in politischen Kreisen; aufgeregt auch deshalb, weil es manchmal auch zu wenig Gauck war, jedenfalls von dem, der gewählt worden ist.

Er wollte nicht politisch im Sinn des Alltäglichen sein, aber im Alltag hat ihn das politische Amt nivelliert. Damit läuft Gauck in der Ebene der kommenden Jahre Gefahr, das Amt zu nivellieren. Es ist ein Paradox und ein Dilemma zugleich: Je mehr er sich zurücknimmt, desto weniger wird über ihn und das Amt berichtet, was dem Amt guttut nach der kurzen Zeit mit einem Vorgänger, den mancher schon nicht mehr namentlich nennen mag: Christian Wulff heißt er. Je stärker Gauck als Person hervortritt, desto mehr Kritik zieht er, der nicht unter einem Mangel ans Selbstbewusstsein leidet, auf sich – und aufs Amt. Das bekommt beiden schlecht.

Einmal, weil ein Gauck ohne Spielraum die Lust auch an all dem verlieren würde, was das Amt noch so erfordert, die kleinen, wenig beachteten Notwendigkeiten der Repräsentanz; er braucht wirklich Beinfreiheit. Zum Zweiten aber, weil das Amt gerade erst zur Ruhe zu kommen schien und neue Debatten um seinen Wert fürs Ganze nicht aushält, jedenfalls nicht, wenn sie mit dem jetzigen Inhaber verbunden sind. Der vorherige mit den nicht enden wollenden Ermittlungen belastet es unglücklicherweise ausgerechnet in diesen Tagen genug.

Joachim Gauck steht in der noch vor ihm liegenden Zeit vor einer Herausforderung, vor der womöglich menschlich größten: sich im Amt nicht zu verlieren und doch das Amt mit seiner Grundausstattung zu akzeptieren. Er sagt nach diesem einen Jahr, an Millionen gewandt, Politiker müssten die Wahrheit sagen, nichts verschweigen – und sagt es sich selbst. Er muss sich auch daran halten; seine erste große Rede, die zu Europa, berühmt ihn da nicht. Darin liegt aber seine Verpflichtung, auch dem Amt gegenüber, wenn er es bewahren will: weniger in rasch dahin- geworfenen Intellektualismen als in geordneten Gedanken im größeren Zusammenhang. Innerhalb dieser Amtskonformität kann er unkonventionell sein, auch nach seinem eigenen Maßstab.

Dann wird er der Glücksfall, den die Republik gerade wirklich gebrauchen kann.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte setzen Sie sich sachlich mit dem Thema des Artikels auseinander. Die Redaktion/mak

    12 Leserempfehlungen
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    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit differenzierten Beiträgen zum konkreten Artikelthema. Danke, die Redaktion/sam

  2. Wenn Ruhe gewünscht ist und nicht das Geben von Impulsen für die Gesellschaft, dann ist das mit dem Herrn Gauck wohl gut so.

    9 Leserempfehlungen
  3. habe ich eher den Eindruck, das er sich um alles kümmert, nur nicht um das deutsche Volk.

    Aber eigentlich ist das ja egal, meiner Meinung nach ist er sowieso nur ein Unterschriften August.

    27 Leserempfehlungen
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    "Nur ein Unterschrifenaugust"
    Kann sein. Ich habe auch schon überlegt, warum das Amt des Bundspräsidenten das ERSTE AMT im Stat sein muß?
    Ich denke, deshalb, weil alle anderen Länder Ihre Repräsentanten auch auf die Nummer 1 gesetzt haben. Wäre er z.B. nur die Nummer 4 oder 8, dann würden sich die Repräsentanten der anderen Länder nicht wichtig genug fühlen können.
    Man stelle sich vor, die Englische Königin wird bei ihrem Statsbesuch in OLD Germany nur von der Nummer 17 begrüßt. Nicht vorzustellen, dieser Ansehensverlust. Wahrscheinlich käme sie erst garnicht zu Besuch.

    Und im Innenverhältns, wofür brauchen wir da den Budesräsidenten?
    Soll er sich um irgendwas kümmern oder sorgen?

    Er ist ein marktkonformer Prädident in einer marktkonformen Demokratie.
    Er ist der Richtige - weil ein Konformist.

    • 2M
    • 18. März 2013 10:42 Uhr

    Schade, daß er nicht begreift, wie peinlich es ist, wenn er als offizieller Vertreter Deutschlands mit seiner Geliebten in der Welt auftritt.

    7 Leserempfehlungen
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    wenn Sie keine anderen Problem umtreibt, dann müssen Sie der glücklichste Mensch auf Erden sein. Zumindest sollten Sie das merken, tun Sie aber leider nicht.

  4. Seine Äusserungen zu den Kritikern des Raubtierkapitalismus waren schon peinlich abgehoben. Seine Statements zu aktuellen Themen wie diesen: "Die Koalition will die Managergehälter begrenzen, Aktionäre sollen künftig über die Höhe entscheiden. Kritik an den Plänen kommt vom Bundespräsidenten." sprechen ebenfalls für sich. Er weiss eben was gut für IHN ist...

    12 Leserempfehlungen
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    • Dottie
    • 18. März 2013 11:05 Uhr

    Opportunismus ist die Kunst, mit dem Winde zu segeln, den andere machen. Gauck und Merkel sind Opportunisten. Die eine mehr, der andere weniger. Das sagt alles über diese Republik.

    27 Leserempfehlungen
  5. Währen seiner Amtszeit wurde eine Eiche umgesägt,
    weil sie eine Eiche war.

    http://www.zeit.de/politi...

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    Und das lasten Sie herrn Gauck an, oder vielleicht doch den "Symbolbesoffenen"?

  6. ...hat er Mitleid mit den Wulffs, die Armen !

    Eine Leserempfehlung
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    deshalb wurde er auch abgesägt, genau wie sein NATO-kritischer Vorgänger.

    Man hat diesen Menschen das Wort abgeschnitten und ein Phrasendresche installiert, der Waffengänge und EU-Diktatur absegnet.

    Deutschland und die EU sind moralisch und ethisch vollstndig ruiniert.

    Wenn es nur einen moralischen Marshallplan gäbe, leider sind die USA, unser Herr und Gebieter, in dieser Hinsicht selbst eher bedürftig als hilfreich.

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