CDU"Wir treffen das Lebensgefühl der Großstadt nicht"

Homo-Ehe, Erziehung, Freizeit: Die CDU muss sich in den Metropolen dringend neuen Themenfeldern öffnen, fordert ihr Frankfurter Abgeordneter Matthias Zimmer.

Junge Frauen in Frankfurt am Main

Junge Frauen in Frankfurt am Main

ZEIT ONLINE: Herr Zimmer, Sie haben ein Positionspapier zur Großstadt-Problematik der CDU geschrieben. Was ist das Problem?

Matthias Zimmer: Meine These ist: Wir machen zwar die richtige Politik, treffen aber nicht das Lebensgefühl. Sicher kommen wir manchmal unzeitgemäß, vielleicht uncool daher. Darum ist klar: Wir sollten nicht nur die Partei der pragmatischen Problemlöser sein, sondern die Menschen emotional mitnehmen.

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ZEIT ONLINE: Die Grünen schaffen dies im urbanen Bürgertum ganz gut, wie Sie auch in ihrem Papier bemerken. Was machen die anders als Sie?

Matthias Zimmer

geboren 1961 in Marburg, ist seit 2009 Bundestagsabgeordneter der CDU Frankfurt am Main. Gemeinsam mit anderen Parlamentariern schrieb er ein Positionspapier zur Großstadt-Politik seiner Partei.

Zimmer: Die Wechselwähler, die wir gewinnen wollen, sind wahrscheinlich nicht aus dem konservativen Spektrum. In der Union ist mehr Offenheit für bestimmte Fragestellungen wie die Gleichstellung von Ehe und eingetragener Lebenspartnerschaft nötig. Solche Debatten führen wir Großstädtler anders, weil wir etwa Phänomene wie den Christopher Street Day haben.

ZEIT ONLINE: Das klingt ein bisschen so, als wollten Sie Programmpunkte der Grünen übernehmen.

Zimmer: Um Gottes Willen. Den Grünen angleichen wollen wir uns nicht. Das Lebensgefühl der Grünen, ihre demonstrative Adoleszenzverlängerung, liegt der CDU fern. Ein Grünen-Wähler würde darum nicht zur CDU kommen und umgekehrt. Es gilt eher, neue Stammwähler zu gewinnen. Die Frage ist, wo hole ich den Stammwähler von morgen ab?

ZEIT ONLINE: Wo ist er zu finden, der neue Stammwähler?

Zimmer: Zum Beispiel sollten wir vermehrt Fabrikarbeiter mit Migrationshintergrund über Fortbildungsangebote unserer Arbeitnehmergesellschaften informieren. Wir haben außerdem eine Mittelstandsvereinigung, die beim Sprung in die Selbstständigkeit helfen könnte.

ZEIT ONLINE: Wie wollen Sie Migranten konkret einbinden?

Zimmer: Da gibt es kein Patentrezept, das man allen Städten in gleicher Form überstülpen könnte. Aber es ist wichtig, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Ich habe Moscheen besucht, mit türkischen Verbänden gesprochen und nach Gemeinsamkeiten gesucht. Dadurch, dass ein CDU-Abgeordneter sagt, ich will mit euch sprechen, war gleich viel Interesse und auch Dankbarkeit von der anderen Seite da.

Leser-Kommentare
    • Wupert
    • 17.03.2013 um 16:50 Uhr

    Die CDU sollte lieber mal wieder Politik mit Rückgrat machen und nicht Stammmtischpolitk pur.

    Wann begreifen es auch die letzten CDU Politik-Versager, dass die Wähler in Deutschland Politiker wollen, die auch das Meinen was sie sagen, für die Glaubwürdigkeit, Wahrheit und Rückgrat nicht nur leere Worthülsen sind.

    Wenn ich die CDU, SPD oder FDP wählen möchte, dann will ich auch wissen wofür die stehen, wofür oder wogegen die sind. Und vorallem will ich sicher sein, dass die nicht ihre Meinung nach der nächsten BILD-Zeitung Umfrage einfach mal so ändern.

    Darüber sollte sich die CDU, die Führung als auch die kleinen Mitglieder mal Gedanken machen, und nicht ob sie nicht cool genug wären oder irgendein Lebensgefühl nicht treffen.

  1. Ich lebe nahe einer Großstadt, aber dass "unser" Lebensgefühl durch Themen wie Homo-Ehe oder Umweltverträglichkeit charakterisiert wird, kann ich so nicht bestätigen. Es gibt hier handfeste Probleme (die auch mit Migration zu tun haben), aber an die traut sich die CDU genauso wenig wie die anderen "Volks"parteien heran. Von einer sich selbst als konserativ gebenden Partei wie der CDU erwarte ich eigentlich ein klares Bekenntnis zum Schutz und zur Förderung der Familie. Denn die können sich aufgrund prekärer, befristeter und schlecht bezahlter Arbeitsplätze immer weniger Menschen leisten, auch wenn sie gut ausgebildet sind. Auf der anderen Seite können solche, die sich ohnehin auf ein Leben in Hartz IV eingerichtet haben, ihren Lebensstandard allein durch das Kinderkriegen erhöhen. Grotesk, katastrophal für die demographische Entwicklung und die Zukunft Deutschlands!

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