WahlenDas Großstadt-Fiasko der CDU

27 deutsche Großstädte haben seit 2009 Bürgermeister gewählt. Kein einziges Mal gewann die CDU, wie unsere Grafik zeigt. Ein Unionspolitiker warnt: "Wir sind zu uncool". von , und Bernhard Christanell

Jetzt hat die CDU auch noch Wiesbaden verloren. Ausgerechnet die edle und wohlhabende Stadt am Rhein, Sitz des hessischen Landtags, wo die Christdemokraten seit 16 Jahren das Stadtoberhaupt stellten. Neuer Oberbürgermeister ist SPD-Mann Sven Gerich, 38 Jahre jung und ein eher unkonventioneller Typ. Der Boulevardpresse gibt er Interviews mit seinem Ehemann Helge und dem gemeinsamen Hund Bobby. Die Sozialdemokraten hätten über das Internet mobilisiert und eine wahnsinnig erfolgreiche Kampagne gegen die "etablierte CDU" gefahren, sagt CDU-Kreisgeschäftsführer Ulrich Weinerth: "Irgendwie waren unsere Wahlkampf-Themen Wirtschaftsförderung und Haushaltssanierung nicht interessant genug." 

Doch es ist nicht nur Wiesbaden. Die CDU, das gibt die Partei offen zu, hat ein Großstadtproblem. Dort, wo mehr als 100.000 Menschen wohnen, kommt sie bei den Wählern generell nicht gut an, wie die ZEIT ONLINE Grafik zeigt.  Die meisten deutschen Großstädte werden von der SPD regiert, derzeit sind es 47 von 80.

Anzeige

Seit der Bundestagswahl 2009 konnte die CDU keine einzige der 27 Wahlen gewinnen, aus der ein Großstadt-Oberhaupt hervorging. Sie verlor neben Wiesbaden unter anderem Hamburg, Wolfsburg, Frankfurt, Duisburg und Karlsruhe. Alles Städte, die lange Jahre fest in CDU-Hand waren und nun einen sozialdemokratischen Bürgermeister haben. Die baden-württembergische Landeshauptstadt Stuttgart fiel gar an die Grünen. 

Dagegen konnte die SPD 15-Mal ihren kommunalen Regierungssessel verteidigen und sechs neue Großstädte hinzugewinnen. Heute werden zwölf Landeshauptstädte von den Sozialdemokraten regiert, die CDU stellt nur noch in Düsseldorf und Dresden das Rathaus-Oberhaupt. In Stuttgart regieren die Grünen, in Schwerin die Linkspartei. Das letzte Mal, dass die CDU der SPD eine Großstadt abringen konnte, war 2009 in Leverkusen, Hagen und Mönchengladbach. (Siehe Grafik auf Seite 2) Das war, bevor Schwarz-Gelb im Bund an die Macht kam. 

Jeder dritte Deutsche ist Großstädter

Der Einfluss der Bundespolitik auf kommunale Wahlen ist umstritten. Vor Ort zählt oft das Image der Kandidaten mehr als mögliche Patzer der Kanzlerin oder ihres Herausforderers. Doch sind Wahlentscheidungen immer ein Mix aus tief verankerten Einstellungen der Bürger und aktuellen politischen Entwicklungen. Obwohl die Diskussion um die Gleichstellung der Homo-Ehe im Wiesbadener Wahlkampf nicht öffentlich thematisiert wurde, hält es der Politikwissenschaftler Jürgen Falter von der nahen Universität Mainz durchaus für möglich, dass sie gerade Grünen-affine Wähler  dazu veranlasste, ihre Stimme dem SPD-Kandidaten zu geben, nachdem ihr Kandidat im ersten Wahlgang ausgeschieden war.

Unabhängig von aktuellen politischen Themen überlegt die CDU schon länger, wie sie junge Konservative in den Städten erreichen kann. Das Wählerpotenzial ist durchaus beachtlich: Rund jeder dritte Deutsche lebt in einer Stadt mit mehr als 100.000 Einwohnern. Schon 2004 präsentierte der damalige CDU-Vorsitzende von Nordrhein-Westfalen Jürgen Rüttgers ein "Großstadt-Konzept" für seine Partei. Darin warnte er vor einer zunehmenden Bedeutung der Grünen für bürgerliche Wähler in den Schichten und riet der CDU zu einer weltoffeneren Einstellung, auch was Homosexualität betrifft.

Leserkommentare
    • doof
    • 15. März 2013 17:20 Uhr

    nicht mehr glauben.

    Nun liegts an "Coolness"
    Vorher lags an "Kommunikationsdefiziten"
    Nachher liegts an....?

    Wer berät die eigentlich alle (also alle Parteien)?

    Und weshalb sind die nicht in der Lage, selbstreflexiv zu erkennen dass es vielleicht schlicht an

    Glaubwürdigkeit
    Echtem Einsatz
    Gemeinwohlorientierung
    Integrität
    Bescheidenheit
    Demut vor dem Amt

    ...

    mangeln könnte?

    59 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • gooder
    • 15. März 2013 17:51 Uhr

    Es dürfte am konservativen Image der CDU liegen . Im Gegensatz zu den Grünen, deren Image ja genau dem widerspricht,wofür die praktizierte Realpolitik der Partei steht, hat die CDU wirklich schlechte Karten.
    Abschaffung der Wehrpflicht, Atomausstieg auf Raten, Umbau des dreigliedrigen Schulsystems, Ankündigung einer Finanztransaktionssteuer in Europa und ein allgemeiner Mindestlohn, die CDU könnte den eigenen Wählern sogar schon längst zu "sozialdemokratisch" geworden sein.

  1. Ist keine Grossstadt?

    Das wird die Krefelder mit Ihrem CDU OB aber gar nicht freuen....

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Lieber fordiebianco,

    Krefeld wählte im August 2009 zuletzt einen OB, daher ist die Stadt in der Grafik auf Seite 1 nicht vertreten. Aber schauen Sie mal auf Seite 2, da ist ein schwarzer Balken bei Krefeld.

    Herzliche Grüße aus der Redaktion
    Lisa Caspari

  2. Redaktion

    Lieber fordiebianco,

    Krefeld wählte im August 2009 zuletzt einen OB, daher ist die Stadt in der Grafik auf Seite 1 nicht vertreten. Aber schauen Sie mal auf Seite 2, da ist ein schwarzer Balken bei Krefeld.

    Herzliche Grüße aus der Redaktion
    Lisa Caspari

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Krefeld?"
  3. Es ist ja kein Geheimnis, dass Konservative eher auf dem Land leben (bzw. auf dem Land lebende Leute eher konservativ sind) und sich die Gesellschaftsformen in Städten schneller ändern. Wenn man da nicht mit der Zeit geht, geht man eben unter.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Landbevälkerung ist möglicherweise eher konservativ, weil sich Nachlässigkeiten schneller rächen. Man lebt menschlich gesehen dichter aufeinander, weniger anonym und fühlt sich eher voneinander abhängig.
    Das Motto "was kümmert mich mein Nachbar von gestern" kann auf dem Land fatale Folgen haben. Ich sags immer so: Taucher, Bergsteiger und Fallschirmspringer sind gerne konservativ, Spinner werden in diesen Sportarten nicht alt. Wer nahe an der Natur lebt, ist gerne etwas konservativ.

    Die Städte Düsseldorf, Hagen, Hamm, Krefeld, Recklinghausen oder auch Wuppertal sind nicht im ländlichen Raum und waren teilweise auch klassische Hochburgen der SPD. Die Zeiten der Farbenlehre sind so ziemlich vorbei.

  4. Mal ganz im Ernst, die Führungskräfte der CDU sehen eben schon so aus wie die Menschen vom Land, die man samstags in den Fußgängerzonen der Städte antrifft. Und die mag man als Städter schon mal nicht so gerne. Und wenn man dann noch die Moralvorstellungen betrachtet - ich freue mich jetzt schon wieder auf das Tanzverbot an Karfreitag. Dann noch lieber "freie Fahrt für freie Bürger", als dass man sich ernsthaft mal der Raserei auf unseren Autobahnen annehmen würde... Das ist alles soooo sehr von Vorgestern!

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    http://www.wiwo.de/politi...

    wenn sie Menschen nach Aussehen beurteilen und sich als "polyglotten, bildungsbürgerlichen Städter" selbst beschreiben, wundert es nicht, warum es zunehmend Widerstand gegen einen bourgeouise-boehemian gibt,der ein bisschen links tut, dann gleichzeitig verbeamtet ist und somit materielle abgesichert und deswegen etatistisch ist.

    • Narses
    • 15. März 2013 17:44 Uhr
    6. Frage

    Wann, bitteschön, war die CDSU überhaupt mal cool ?????

    24 Leserempfehlungen
  5. Ein großes Problem in Städten ist der Autoverkehr. Er nervt nicht nur, er verdirbt auch Immobilienpreise (man vergleiche die Preise an großen Straßen und eine Querstraße weiter).

    Ich sehe bei der CDU kaum Bewusstsein dafür, schon gar keine Lösung. Sie verhindert Straßenbahnen, verblödelt Fahrradwege - obwohl wir diese effizienten Verkehrsmittel dringend bräuchten, um mobil zu bleiben.

    Die Grünen gewinnen hier nicht wegen Lifestyle - ich halte sie in dieser Thematik einfach für kompetenter.

    27 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Danke, ein ganz wichtiger Punkt! Mit ihrer völlig verfehlten Verkehrspolitik haben CDU/CSU den Grossteil der Städter gegen sich aufgebracht.

    Und seit CSU Mann Ramsauer das Verkehrs- und Städtebau Ministerium leitet, ist doch praktisch jede Neuregelung zum Nachteil der Stadtbewohner und zum Vorteil der Landeier und Pendler, die einerseits billige Grundstückspreise abgreifen und andererseits die Dienstleistungen der Großstadt schmarotzen. CDU/CSU mit Ramsauer an der Spitze des verantwortlichen Ministeriums treiben da eine ganz klare Lobbypolitik. Jetzt zuletzt hat Ramsauer mal wieder gegen den kompletten Rat sämtlicher Ministeriumsmitarbeiter eine Neuauflage der Eigenheimzulage vorgeschlagen. Wer davon profitiert? Sicher niemand, der sich mühsam die dramatisch steigende Innenstadtmiete vom Mund absparen muss.

    Wenn sämtliche Stadtbewohner SPD oder Grüne wählen, dann ist das Notwehr.

    Bitte achten Sie auf einen respektvollen Umgangston. Danke, die Redaktion/ls

    • gooder
    • 15. März 2013 17:51 Uhr

    Es dürfte am konservativen Image der CDU liegen . Im Gegensatz zu den Grünen, deren Image ja genau dem widerspricht,wofür die praktizierte Realpolitik der Partei steht, hat die CDU wirklich schlechte Karten.
    Abschaffung der Wehrpflicht, Atomausstieg auf Raten, Umbau des dreigliedrigen Schulsystems, Ankündigung einer Finanztransaktionssteuer in Europa und ein allgemeiner Mindestlohn, die CDU könnte den eigenen Wählern sogar schon längst zu "sozialdemokratisch" geworden sein.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Kanns so langsam "
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    aber wenn man sich so kleine Detailsachen wie den Verbraucherschutz (siehe des neue Kinder-von -Nahrungsmittel-aufklär-Projekt von Aigner), das Wahlrecht fürn BT, die versprochene Vereinfachung vom Mehrwertsteuersatz, das Nicht-Ratifizieren des UN-Abkommens gegen Korruption, seltsame Bildungspolitik (lol @ aktuelles Stipendiensystem), des Verkacken der Energiewende, miserbale Innenpolitik, allgemein übertriebene Lobbyhörigkeit, Koalition mit der FDP usw anguckt, gibts für die noch viel zu tun ;)

    Könnten es nicht veilleicht die fehlenden politischen Inhalte sein?
    .
    Verkehrspolitik? Sozialpolitik? Wohnungspolitik? Bildungspolitik? Arbeitsmarktpolitik?.......
    .
    Alles Themen, die Menschen im Ballungsräumen auf den Nägeln brennen. Dazu ist kaum etwas konkretes von der CDU zu hören.
    .
    Meint
    Sikasuu

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service