Schwulen-ÄußerungCSU-Chef Seehofer pfeift seinen Generalsekretär zurück

Alexander Dobrindt bringt mit Äußerungen über die "schrille Minderheit" der Homosexuellen weitere Kritiker gegen sich auf. Nicht nur Betroffene machen ihrem Unmut Luft.

Mit seinen Worten über gleichgeschlechtliche Partnerschaften hat CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt auch aus Sicht des Parteichefs die Grenze des Anstands überschritten. Es habe auch immer zum Grundverständnis der CSU gehört, "dass wir niemanden diskreditieren und ausgrenzen, sondern Respekt und Achtung haben", sagte Seehofer vor der Sitzung des Parteipräsidiums. "Das gilt auch für die gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften."

Dobrindt hatte sich in einem am Wochenende veröffentlichten Interview über die Aufmerksamkeit geäußert, die CDU und CSU den Ehen einerseits und gleichgeschlechtliche Partnerschaften andererseits entgegenbringen sollten. "Die Union als Volkspartei hat die Aufgabe, der stillen Mehrheit eine Stimme zu geben gegen eine schrille Minderheit", sagte Dobrindt der Welt am Sonntag. Er verwies auf die 17 Millionen Ehen, denen nur 30.000 gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Deutschland gegenüberstünden. "So sind die Gewichte verteilt. Und das muss sich auch in der politischen Debatte abbilden", sagte er. "Einzelgruppen dürfen nicht den Ton angeben."

Anzeige

Vielen ging Dobrindt damit zu weit. Kritik kam vom Koalitionspartner, aus der Opposition und von Betroffenen. "Diese Aussagen sind eine Beleidigung für alle Betroffenen und für alle toleranten Bürger dieses Landes", sagte FDP-Generalsekretär Patrick Döring Spiegel Online. CDU-Bundesvize Thomas Strobl sagte der Welt: "Wir sollten nicht in allzu schrille Töne verfallen." Der baden-württembergische Landeschef forderte, "eine gründliche Debatte über unser Bild von Ehe und Familie" zu führen und darüber, "wie wir die Familie im 21. Jahrhundert besonders wertschätzen und fördern wollen".

Abwertung der Ehe befürchtet

Unter anderem auf Dobrindts Facebook-Seite machten Kritiker ihrem Unmut Luft. "Wieso schützen sie die Ehe, indem sie Partnerschaften die Rechte absprechen?", schrieb einer, der sich als "schwul, nicht schrill" bezeichnete.  "Sie schützen deutsche Staatsbürger auch nicht durch Diskrimierung der Ausländer." Eine Facebook-Nutzerin fragte Dobrindt, ob er mitbekommen habe, dass in Umfragen die Mehrheit der Deutschen, darunter auch Anhänger der CSU, für eine Gleichstellung von Ehe und gleichgeschlechtlichen Partnerschaften sind. "Ich finde es ziemlich dreist, derart am Volk vorbei zu regieren."

Die Union hatte in den vergangenen Wochen intensiv über das Verhältnis von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und Ehe diskutiert. Anlass war ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, in dem die Richter auch schwulen oder lesbischen Paaren ein Adoptionsrecht einräumten. Das Urteil führte zu der Frage, ob in einem weiteren, noch dieses Jahr erwarteten Urteil das Gericht Ehe und Partnerschaften steuerlich gleichstellt. Konservative in CDU und CSU lehnen das ab, weil dies aus ihrer Sicht die Ehe abwertet.  

Seehofer hofft, dass sich das Bundesverfassungsgericht bald "mit der besonderen Stellung von Ehe und Familie auseinandersetzt und diese auch entsprechend würdigt". Zugleich wiederholte er vor der Präsidiumssitzung, dass es der CSU um den besonderen Schutz von Ehe und Familie gehe – ohne aber gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften "zu diskriminieren oder gar auszugrenzen". 

 
Leser-Kommentare
  1. aber was ist schlimm, wenn man es wählen kann?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "aber was ist schlimm, wenn man es wählen kann?"

    Dies wird gerade von Homophoben gerne als Vorwurf benutzt: die Schwulen hätten sich die Lebenspartnerschaft ja ausgesucht. Daran hängt auch die unsinnige Vorstellung, Kinder und Jugendliche könnten durch den Umgang mit Schwulen selbst schwul werden. Nein, sie werden dabei bloß toleranter.

    Wir reden hier nicht über alternative Lebensentwürfe wie die "Kommune 1" oder "Familie auf dem Bauernhof", sondern über ein Konstrukt, das geschaffen wurde, weil man sich seinerzeit nicht an die Ehe herangetraut hat.

    "aber was ist schlimm, wenn man es wählen kann?"

    Dies wird gerade von Homophoben gerne als Vorwurf benutzt: die Schwulen hätten sich die Lebenspartnerschaft ja ausgesucht. Daran hängt auch die unsinnige Vorstellung, Kinder und Jugendliche könnten durch den Umgang mit Schwulen selbst schwul werden. Nein, sie werden dabei bloß toleranter.

    Wir reden hier nicht über alternative Lebensentwürfe wie die "Kommune 1" oder "Familie auf dem Bauernhof", sondern über ein Konstrukt, das geschaffen wurde, weil man sich seinerzeit nicht an die Ehe herangetraut hat.

  2. Nimmt Alexander Dobrindt noch jemand ernst?

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Dieses leidige Theater"
  3. die zeit den artikel eigentlich unter "schwulen-äußerung"? wieso werden lesben wieder unsichtbar gemacht? von denen, die sich zwischen den monosexuellen polen bewegen, will ich gar nicht anfangen, das wäre ja zu ambitioniert...
    tip: "gleichgeschlechtlich" ist da die umfassendste bezeichnung.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Als Außenstehender kommt mir der jetzige Wahlkampf vor wie eine ganz schlechte Situations Komik, die man sonnst nur bei FOX findet.
    Die FDP mit Fips Rösler gibt sich hip und jung, die SPD mit Steinbrück findet gezielt jedes Fettnäpfchen. Und die CDU klaut und covert das Programm jeder anderen Partei, verät dabei ihre "Ideale", und wenn einer was dazu sagt wird zurückgepfiffen.

    Stumpfsinn und Theatralik, dein Name ist Wahlkampf.

    Würde mich nicht wundern wenn Beppe Grillo und Berlusconi über die Clowns aus Deutschland herziehen, denn nichts anderes ist der Bundestag momentan, ein riesiger, steinerner Zirkus, fragt sich nur wer die Manege leitet.

  5. ... kann man hier nachlesen: http://www.welt.de/politi...

    Der von Ihnen behauptete Kontext kommt mir etwas lückenhaft vor.

    Eine Leser-Empfehlung
  6. "aber was ist schlimm, wenn man es wählen kann?"

    Dies wird gerade von Homophoben gerne als Vorwurf benutzt: die Schwulen hätten sich die Lebenspartnerschaft ja ausgesucht. Daran hängt auch die unsinnige Vorstellung, Kinder und Jugendliche könnten durch den Umgang mit Schwulen selbst schwul werden. Nein, sie werden dabei bloß toleranter.

    Wir reden hier nicht über alternative Lebensentwürfe wie die "Kommune 1" oder "Familie auf dem Bauernhof", sondern über ein Konstrukt, das geschaffen wurde, weil man sich seinerzeit nicht an die Ehe herangetraut hat.

    Antwort auf "guter Kommentar,"
  7. Dieses Rumgetöse im Vorwahlkampf zeigt, dass einige unserer Politiker von den Ideen unseres Grundgesetzes keinen blassen Schimmer haben.
    Die Schwulen und Lesben wollen gar keine bessere Behandlung oder eine bessere rechtliche Stellung gegenüber den anderen Teilen der Bevölkerung. Es geht schlicht um einen einzigen Punkt: Gemäß unseres Grundgesetzes darf niemand bevor- oder benachteiligt werden. In der Thüringer Landesverfassung steht im Art. 2 Abs. 3 sogar geschrieben:
    Niemand darf wegen seiner Herkunft, seiner Abstammung, seiner ethnischen Zugehörigkeit, seiner sozialen Stellung, seiner Sprache, seiner politischen, weltanschaulichen oder religiösen Überzeugung, seines Geschlechts oder seiner sexuellen Orientierung bevorzugt oder benachteiligt werden.

    Was ist daran so schwierig zu verstehen? Es wird Zeit, diese Vorgabe einfach einmal umzusetzen.

    2 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    die verfassungsrechtlichen Vorgaben falsch verstanden.

    die verfassungsrechtlichen Vorgaben falsch verstanden.

  8. und deshalb muss man sich auf diese ebene gar nicht erst begeben. denn es ist völlig unerheblich, ob lesben, bisexuelle oder ungelabelte aus freier wahl oder aus anderen gründen in einer gleichgeschlechtlichen partnerschaft leben. in einer freien gesellschaft sollte es jeder*m überlassen bleiben, wie sie*er ihr leben gestaltet, ganz unabhängig von den gründen dafür.
    "ich kann nicht anders" ist eine rechtfertigung, die nicht notwendig sein sollte.

    2 Leser-Empfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service