Marina Weisband"Naivität wird unterschätzt"

Realitätsverweigerung hilft der Politik, sagt Piratin Marina Weisband im Interview. Bürger sollen sich früh engagieren können und erst im politischen Prozess dazulernen. von 

ZEIT ONLINE: Frau Weisband, ich möchte mit Ihnen nicht über die Piratenpartei reden…

Marina Weisband: Juchhu! Das kommt mir sehr entgegen.

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ZEIT ONLINE: Was mir in Ihrem Buch Wir nennen es Politik als Erstes aufgefallen ist: wie Sie mit der eigenen Naivität kokettieren und sie als politische Stärke verkaufen. Was ist gut daran, naiv zu sein?

Marina Weisband

geboren 1987 in Kiew, kam im Alter von sechs Jahren mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder nach Deutschland. 2009 begann sie, sich in der Piratenpartei zu engagieren. Von Mai 2011 bis April 2012 war sie in der Partei als politische Geschäftsführerin tätig, zog sich dann aber wegen gesundheitlicher Probleme zurück. Im Moment schreibt sie an ihrer Diplomarbeit in Psychologie. Weisband lebt gemeinsam mit ihrem Verlobten in Münster.

Weisband: Naivität wird unterschätzt, gerade in der Politik. Natürlich brauchen wir Menschen, die richtig Ahnung haben. Aber auch Experten haben nicht immer recht, einfach nur weil sie Experten sind. Wir sollten mehr experimentieren, einfach ausprobieren, auch wenn wir damit vielleicht manchmal auf die Schnauze fallen. Dabei hilft Naivität.

ZEIT ONLINE: Auch die aktuelle Politik ist nicht mehr als Versuch und Irrtum! Die von Ihnen so gering geschätzten Experten tun doch einfach nur ihr Bestes und hoffen, dass es funktioniert.

Weisband: Ja, aber ich glaube, dass im aktuellen System eben nicht die besten Entscheidungen getroffen werden. Weil nicht die Kompetentesten entscheiden, sondern die Mächtigsten. Das wollen wir ändern, und zwar mithilfe des Internets.

ZEIT ONLINE: Wie? 

Weisband: Durch liquide Demokratie. Das ist eine Mischung von direkter und repräsentativer Demokratie. Dabei kann ich bei jedem Thema entweder selbst abstimmen oder meine Stimme zum Beispiel an meine Mutter weitergeben, weil ich glaube, dass sie da mehr Ahnung hat. Sie kann unsere beiden Stimmen dann wiederum weiterdelegieren an jemand, der sich noch besser auskennt. So haben am Ende bei jedem Thema diejenigen die meiste Macht, die die größte Kompetenz haben. Wobei wir wissen, dass Kompetenz im Auge des Betrachters liegt.

ZEIT ONLINE: Also doch alle Macht den Experten?

Weisband: Nein. Denn ich kann meine Stimme jederzeit "zurückholen". Wenn ich will, kann ich sogar nach der eigentlichen Abstimmung meinen Delegierten noch überstimmen. Es kann also niemand genau wissen, wie mächtig er gerade tatsächlich ist. Deshalb können die Mächtigen auch nicht unter sich klüngeln, es gibt einfach keine dauerhaften Strukturen dafür.

ZEIT ONLINE: Aber wie soll man in so einem sich ständig verändernden Netzwerk denn längerfristige und berechenbare Entscheidungen treffen? Man kann ja seine außenpolitische Linie oder die Rentenpolitik nicht jede Sekunde ändern! Programme von Regierungskoalitionen für mehrere Jahre wären dann gar nicht mehr möglich.

Weisband: Sie meinen dieselben Regierungskoalitionen, die alle vier bis fünf Jahre wechseln und dann in die entgegengesetzte Richtung steuern?

ZEIT ONLINE: Aber in Ihrem System kann das doch jede Sekunde passieren, immer wieder!

Weisband: Das glaube ich nicht. Denn wenn alle mitreden und ihre Wertvorstellungen einfließen lassen, steht am Ende ein Beschluss, der viel dauerhafter ist als jede Entscheidung von Parteirepräsentanten. Weil es dann keine Parteitaktik mehr gibt, die sich auch mal schnell ändern kann. 

ZEIT ONLINE: Setzt sich dann nicht einfach nur der kleinste gemeinsame Nenner durch?

Weisband: Naja, was keine Mehrheit hat in der Gesellschaft, hat eben keine Mehrheit. Das ist doch besser, als wenn Lobby-Vertreter Gesetze machen, wie es momentan oft passiert.

ZEIT ONLINE: Also machen wir immer das, wofür es gerade eben eine Mehrheit gibt. Klingt nach Populismus.

Weisband: Ja, das ist eine berechtigte Sorge. Deshalb brauchen wir bessere politische Bildung, um die Grundlage für gute Entscheidungen zu legen. Wir müssen lernen, auch über unseren Tellerrand hinauszublicken und gemeinsam Verantwortung zu tragen. Ohne diese Grundlage können wir die ganze Sache allerdings vergessen.

ZEIT ONLINE: Sie wollen also ihre eigenen Visionen gar nicht umsetzen? Weil die Menschen dafür noch nicht gut genug sind?

Weisband: Das muss parallel gehen: Bildung verbessern und gleichzeitig den Leuten schrittweise mehr Mitsprache geben. Das ist eigentlich mein wichtigster Punkt: Man kann nicht erwarten, dass Menschen verantwortungsvoller handeln, ohne ihnen die Verantwortung auch zu geben. Wenn Kinder nie auf die Straße dürfen, werden sie sich auch nicht im Straßenverkehr zurechtfinden. Wenn wir ihnen die Grundregeln beigebracht haben, müssen wir auch das Vertrauen haben, dass sie keinen Mist bauen.

Leserkommentare
  1. "Ja, aber ich glaube, dass im aktuellen System eben nicht die besten Entscheidungen getroffen werden. Weil nicht die Kompetentesten entscheiden, sondern die Mächtigsten."

    Wird das nicht auch mit Hilfe des Internets so bleiben? Wer die Mehrheit hinter sich bringt, und das geht nur über die Medien, der bekommt die Macht. Damit entscheidet wieder nicht der Kompetenteste, sondern der Mächtigste.

    Ausserdem gibt es da noch ein weiteres Problem. Wieviele Menschen glauben nur, Bescheid zu wissen, haben aber leider nicht viel Ahnung vom Thema. Das kann man an den täglichen Debatten im Internet sehen. Die wirklich Kompetenten sind sehr wenige und die werden sich mit dem Internet dann erst recht nicht durchsetzen.

    Ein weiterer Aspekt sind Themen, die nur Minderheiten interessieren, wie zum Beispiel sehr viele kulturelle und religiöse Themen. Hier darf dann jeder Dahergelaufene darüber abstimmen, was hier geschieht? Ist das Ende dann nicht der Mainstream? Nur was die Mehrheit interessiert, hat das Recht, weiterzuexistieren...

    Das ist nicht meine Welt...

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    Noch eine Partei die keine Ahnung, bzw Kompetenz hat!

    • spr33m
    • 14. März 2013 0:26 Uhr

    Zuerst einmal ist es richtig, dass derjenige mit der Macht entscheidet. Aber das hat weder was mit dem Internet noch mit der Staatsform eines Landes zu tun. Das ist schlicht die Eigenart von Macht.

    "Wieviele M̶̶e̶̶n̶̶s̶̶c̶̶h̶̶e̶̶n [Politiker] glauben nur, Bescheid zu wissen, haben aber leider nicht viel Ahnung vom Thema. Das kann man an den täglichen Debatten im I̶̶n̶̶t̶̶e̶̶r̶̶n̶̶e̶̶t [Bundestag] sehen. Die wirklich Kompetenten sind sehr wenige und die werden sich m̶̶i̶̶t̶̶ ̶̶d̶̶̶̶̶̶̶̶e̶̶̶̶̶̶̶̶m̶̶̶̶̶̶̶̶ ̶̶̶̶̶̶̶̶I̶̶̶̶̶̶̶̶n̶̶̶̶̶̶̶̶t̶̶̶̶̶̶̶̶e̶̶̶̶̶̶̶̶r̶̶̶̶̶̶̶̶n̶̶̶̶̶̶̶̶e̶̶̶̶̶̶̶̶t [in der Politik] dann erst recht nicht durchsetzen."

    Verzeihen Sie mir den Spaß, aber es passte so schön :)
    Warum glauben Sie, dass Politiker die Kompetenz hätten irgendwelche Probleme unserer Gesellschaft zu lösen? Ich habe den Eindruck die meisten sitzen in Ämtern, die nichts mit ihrer Qualifikation oder Ausbildung zu tun haben. Über einen erfolgreichen Politiker kann ich mit Sicherheit nur sagen, dass er weiß wie man Wahlen gewinnt und Kompromisse findet. Aus diesem Grund haben sie sog. Experten, die ihnen mit "kompetentem" Rat zu Seite stehen. Nur wer bewertet deren Kompetenz? Wer wählt die?

    Zum letzten Punkt: Ich verstehe nicht inwiefern es besser sein sollte, wenn eine Minderheit zum Nachteil einer Mehrheit entscheidet? Wie soll da ein Vorteil für die Gesamtheit entstehen? Außerdem warum sollte eine Mehrheit, die selbst keinen Nachteil dadurch erfährt, gegen den Vorteil einer Minderheit sein?

  2. Ich muss bei manchen Aussagen der (ehemals) leitenden Piratinnen wie Frau Weisband oder Frau Schramm in den Zeit-Interviews an bekannte Pop-Songs denken wie "Kinder an die Macht" oder "Ich will doch nur spielen". Glücklicherweise ist die Parlamentsarbeit der Piraten deutlicher besser als viele Interviewbeiträge ihrer Repräsentanten/innen. Dennoch: Die Musik machts letztlich. Sie jedenfalls hören die Wähler in erster Linie.

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  3. Dieses Interview ist genauso belanglos wie das ganze Buch von Frau Weisband. Was dort abgehandelt wird, gleicht dem Poesiealbum einer Polit-Pubertierenden. Ihr Interview liefert artig Stichworte entlang der Buchvorlage und macht das Kernproblem von Frau Weisband, Ihre Naivität, auch noch zu einer angeblichen Stärke. Ernsthaftes Hinterfragen Fehlanzeige.

    Wenn Frau Weisband die Liquid Demokratie zu ihrem Steckenpferd machen möchte, bitte schön. Das finde ich gar nicht mal so dumm, macht es sie doch auch über die Bedeutungslosigkeit ihrer Partei zu einer Person von medialem Interesse. Was hier so großartig gepriesen wird, sollten sich Interessierte einmal live bei den Piraten angucken, wenn die ihr Liquid Feedback laufen lassen. Ich habe mir diesen Prozess neulich einmal angesehen, als die Partei im Schwarm den Begriff "Kultur" definieren wollte. Wenn so das Land regiert wird oder auch nur zentrale Fragen entschieden werden, wandere ich aus! Dann lieber das gewohnte Polit-Establishment mit all seinem Geschachere.

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  4. Noch eine Partei die keine Ahnung, bzw Kompetenz hat!

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    Wird hier kopiert?

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    und heute würden diese nicht auskommen. Welch Wendehälse!

    • RGFG
    • 13. März 2013 19:01 Uhr

    Man schaue sich nur mal in Unternehmen so um, wo Dinge erfunden werden oder Projekte (dann doch noch mal) umgesetzt werden, weil die Verantwortlichen "nicht wussten, dass es nicht geht".

    Jedoch: Das Problem beginnt wieder dann, wenn man die Idee überdehnt, weil man sie auf alles und jedes anwenden will. Ein bisschen Naivität und Frechheit, die Dinge anzugehen ist tatsächlich notwendig. Aber wenn man damit in einem ständigen Hü und Hott und Hin und Her endet, dann funktioniert es eben auch wieder nicht - irgendwann gibt es Zeitvorläufe und die Notwendigkeit, Dinge dann auch mal umzusetzen, bevor man den nächsten Schritt macht.

    Es ist wie bei allen Projekten und allen Teams: Die Mischung macht es. Man braucht die Naiven und Frechen, die auch mal die Ideen haben - aber man braucht auch die Leute mit Stehvermögen, die eine Sache auch mal zu einem Ende bringen.

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  6. Seit wann haben die beiden Sachen etwas miteinander zu tun ?

    Ernstgemeinte Frage !!!!

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    • hairy
    • 13. März 2013 22:12 Uhr

    Realitätsverweigerung ist zunächst mal eine plausible politische Strategie. Sieht man grad in Italien. Soweit hat auch Frau Weisband ganz Recht. Aber Probleme werden so nicht gelöst, weil Mehrheiten tendenziell konservativ sind: Sieht man auch grad in Italien, wie Grillo jetzt ernst machen muss, und auf das bestehende System eingehen muss. Macht er es nicht, bleibt er ein Kasper - und geht früher oder später unter.

  7. So viel maßlose (Selbst-) Überschätzung wie bei den Piraten gab es selten! Wie viele Jahre hat sich Frau Weisband politisch engagiert und auf welchen Ebenen? Es ist offensichtlich, dass sie vor ihrer Tätigkeit als Geschäftsführerin keine nennenswerten Erfahrungen gesammelt hat. Nun will sie das etablierte politische System mit ihrer „Expertise“ bereichern. Dankeschön.

    Wenn wir schon bei einfachen Pauschalrezepten sind, möchte ich auch eines beisteuern: Lernen wir, Kinder vom Kindergarten an mit demokratischer Willensbildung vertraut zu machen. Gestehen wir ihnen zu, dass sie in ihrem Umfeld mitentscheiden – in der Schule, in Vereinen und Jugendgruppen, in der Berufsschule, am Arbeitsplatz und an der Uni – aber auch, dass sie die Konsequenzen tragen.

    „Liquid Democracy“ ist nichts weiter als eine Honigfalle: sie lockt Leute an, die überall ihren Senf dazu geben. Als gäbe es das nicht auch schon in den etablierten Parteien und NGOs. Woran es fehlt sind Menschen, die daraus konkrete Entscheidungen (nicht nur Forderungen!) ableiten und diese dann auch umsetzen.

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    „Für Steuerrecht möchte ich gerne durch die Partei SPD, für Umweltpolitik durch die Partei die Grünen und für die Schulpolitik durch die Privatperson Herrn Müller vertreten werden. Für die Entscheidung über das neue Hochschul-Zulassungsgesetz an den Universitäten möchte ich aber selbst abstimmen.“ [1]

    Wo genau kann man da jetzt als Schwätzer punkten? Zwischen "Ja", "Nein" und "Enthalten" passt nicht viel Geschwätz. Klar kann es passieren, dass Herr Müller mich nur dank seines Geschwätz von sich überzeugen konnte. Aber worin genau unterscheidet sich Herr Müller dann von unseren heutigen Politikern?

    [1] http://wiki.piratenpartei...

    • spr33m
    • 14. März 2013 1:44 Uhr

    aber die Frau Weisband repräsentiert weder die Piraten, noch gibt sie vor eine Expertise zu haben. Sie ist einfach ein junger Mensch, der fest an das Konzept der Demokratie glaubt und denkt unser Gesellschaftsmodell bereichern zu können. Was ist daran auszusetzen? Das ist es doch, was sie so zynisch mit ihrem "Pauschalrezept" fordern.

    "Woran es fehlt sind Menschen, die daraus konkrete Entscheidungen (nicht nur Forderungen!) ableiten und diese dann auch umsetzen."

    Ist es das, was Sie möchten? Für mich persönlich klingt das wie eine Diktatur. Es kommt schließlich darauf an, ob es eine gute Entscheidung ist, und wer maßt sich an das beurteilen zu können? Sie etwa?

    Wer Entscheidungen trifft, sich Mehrheiten besorgt, und die Entscheidungen umsetzt, muss sich vor allem dafür verantworten. Und genau das passiert nicht.

    Da Sie scheinbar überhaupt keine Ahnung haben, was sich hinter "liquid democracy" verbirgt werden Sie zu genau dem "Senf-dazu-Geber", den Sie in Ihrem Kommentar verteufeln.

    Quasi ein Eigentor mit Fallrückzieher... Respekt!

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  • Schlagworte Piratenpartei | Bildung | Demokratie | Populismus | Rentenpolitik
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