ZEIT ONLINE: Frau Weisband, ich möchte mit Ihnen nicht über die Piratenpartei reden…

Marina Weisband: Juchhu! Das kommt mir sehr entgegen.

ZEIT ONLINE: Was mir in Ihrem Buch Wir nennen es Politik als Erstes aufgefallen ist: wie Sie mit der eigenen Naivität kokettieren und sie als politische Stärke verkaufen. Was ist gut daran, naiv zu sein?

Weisband: Naivität wird unterschätzt, gerade in der Politik. Natürlich brauchen wir Menschen, die richtig Ahnung haben. Aber auch Experten haben nicht immer recht, einfach nur weil sie Experten sind. Wir sollten mehr experimentieren, einfach ausprobieren, auch wenn wir damit vielleicht manchmal auf die Schnauze fallen. Dabei hilft Naivität.

ZEIT ONLINE: Auch die aktuelle Politik ist nicht mehr als Versuch und Irrtum! Die von Ihnen so gering geschätzten Experten tun doch einfach nur ihr Bestes und hoffen, dass es funktioniert.

Weisband: Ja, aber ich glaube, dass im aktuellen System eben nicht die besten Entscheidungen getroffen werden. Weil nicht die Kompetentesten entscheiden, sondern die Mächtigsten. Das wollen wir ändern, und zwar mithilfe des Internets.

ZEIT ONLINE: Wie? 

Weisband: Durch liquide Demokratie. Das ist eine Mischung von direkter und repräsentativer Demokratie. Dabei kann ich bei jedem Thema entweder selbst abstimmen oder meine Stimme zum Beispiel an meine Mutter weitergeben, weil ich glaube, dass sie da mehr Ahnung hat. Sie kann unsere beiden Stimmen dann wiederum weiterdelegieren an jemand, der sich noch besser auskennt. So haben am Ende bei jedem Thema diejenigen die meiste Macht, die die größte Kompetenz haben. Wobei wir wissen, dass Kompetenz im Auge des Betrachters liegt.

ZEIT ONLINE: Also doch alle Macht den Experten?

Weisband: Nein. Denn ich kann meine Stimme jederzeit "zurückholen". Wenn ich will, kann ich sogar nach der eigentlichen Abstimmung meinen Delegierten noch überstimmen. Es kann also niemand genau wissen, wie mächtig er gerade tatsächlich ist. Deshalb können die Mächtigen auch nicht unter sich klüngeln, es gibt einfach keine dauerhaften Strukturen dafür.

ZEIT ONLINE: Aber wie soll man in so einem sich ständig verändernden Netzwerk denn längerfristige und berechenbare Entscheidungen treffen? Man kann ja seine außenpolitische Linie oder die Rentenpolitik nicht jede Sekunde ändern! Programme von Regierungskoalitionen für mehrere Jahre wären dann gar nicht mehr möglich.

Weisband: Sie meinen dieselben Regierungskoalitionen, die alle vier bis fünf Jahre wechseln und dann in die entgegengesetzte Richtung steuern?

ZEIT ONLINE: Aber in Ihrem System kann das doch jede Sekunde passieren, immer wieder!

Weisband: Das glaube ich nicht. Denn wenn alle mitreden und ihre Wertvorstellungen einfließen lassen, steht am Ende ein Beschluss, der viel dauerhafter ist als jede Entscheidung von Parteirepräsentanten. Weil es dann keine Parteitaktik mehr gibt, die sich auch mal schnell ändern kann. 

ZEIT ONLINE: Setzt sich dann nicht einfach nur der kleinste gemeinsame Nenner durch?

Weisband: Naja, was keine Mehrheit hat in der Gesellschaft, hat eben keine Mehrheit. Das ist doch besser, als wenn Lobby-Vertreter Gesetze machen, wie es momentan oft passiert.

ZEIT ONLINE: Also machen wir immer das, wofür es gerade eben eine Mehrheit gibt. Klingt nach Populismus.

Weisband: Ja, das ist eine berechtigte Sorge. Deshalb brauchen wir bessere politische Bildung, um die Grundlage für gute Entscheidungen zu legen. Wir müssen lernen, auch über unseren Tellerrand hinauszublicken und gemeinsam Verantwortung zu tragen. Ohne diese Grundlage können wir die ganze Sache allerdings vergessen.

ZEIT ONLINE: Sie wollen also ihre eigenen Visionen gar nicht umsetzen? Weil die Menschen dafür noch nicht gut genug sind?

Weisband: Das muss parallel gehen: Bildung verbessern und gleichzeitig den Leuten schrittweise mehr Mitsprache geben. Das ist eigentlich mein wichtigster Punkt: Man kann nicht erwarten, dass Menschen verantwortungsvoller handeln, ohne ihnen die Verantwortung auch zu geben. Wenn Kinder nie auf die Straße dürfen, werden sie sich auch nicht im Straßenverkehr zurechtfinden. Wenn wir ihnen die Grundregeln beigebracht haben, müssen wir auch das Vertrauen haben, dass sie keinen Mist bauen.

 "Mehr Realitätsverweigerung wagen"

ZEIT ONLINE: Es kann doch jeder politisch aktiv werden, wenn er denn nur will.

Weisband: In Deutschland denken in der Tat noch zu viele: Wir brauchen eine politische Klasse, die weiß, was sie tut, weil die Menschen selbst ja nicht wissen, was sie tun. Das ist bevormundend.

ZEIT ONLINE: Aber daran sind doch diejenigen mit schuld, die die Politik zu dieser abgehobenen Sphäre verklären!

Weisband: Auch, ja. Viele Leute sind politisch völlig passiv, weil sie glauben, es gäbe keine Alternative. Weil sie glauben, sie könnten nur hoffen, dass die da oben es richtig machen. Und wenn es dann anders läuft, wird gemeckert über die da oben. Das will ich nicht. Wenn Macht ungleich verteilt ist, sorgt das dafür, dass sich diejenigen, die meinen, keine Macht zu haben, bequem zurücklehnen und schimpfen.

ZEIT ONLINE: Na dann sollten sie eben einfach mitmachen!

Weisband: Genau! Nur gibt es im bestehenden System zu wenige, einfache Möglichkeiten zum Mitmachen. Der Gestaltungswille des Einzelnen wird nicht genug gefördert. Das will ich ändern.

ZEIT ONLINE: Klingt gut, sagen aber auch fast alle anderen Politiker. Trotzdem treten Sie mit der Geste der Visionärin auf. Woher nehmen Sie diese Selbstgewissheit, besser zu wissen als die anderen, was die Zukunft bringt?

Weisband: Ich weiß es nicht besser, ich habe nur Ideen. Aber wenn ich die zögerlich vertrete, beachtet sie ja niemand. Deshalb brettern wir lieber ins politische System und sagen: Hier, das ist unsere tolle Idee!

ZEIT ONLINE: Treten sie selbstgewisser auf, als sie eigentlich sind?

Weisband: Ich persönlich? Ja, auf jeden Fall! Aber genau das hat die Piratenpartei stark gemacht: dass wir uns anders als die anderen nicht auf das politische Klein-Klein eingelassen haben, sondern uns wieder getraut haben, über Visionen zu sprechen.

ZEIT ONLINE: Und nun sind Sie im Tief, weil Ihre Visionen auf die Realität getroffen sind.

Weisband: Nein, sondern weil wir das Spiel zu sehr mitgespielt und auf potenzielle Wähler geschielt haben, und auf die Umsetzbarkeit. Dabei geht es zumindest mir darum gar nicht. Ich will unsere politische Kultur verändern und die richtigen Fragen stellen. Unabhängig von der derzeitigen Umsetzbarkeit.

ZEIT ONLINE: Ist das jetzt ein Plädoyer für politische Realitätsverweigerung?

Weisband: Ja! Mehr Realitätsverweigerung wagen!