ZEIT ONLINE: Es kann doch jeder politisch aktiv werden, wenn er denn nur will.

Weisband: In Deutschland denken in der Tat noch zu viele: Wir brauchen eine politische Klasse, die weiß, was sie tut, weil die Menschen selbst ja nicht wissen, was sie tun. Das ist bevormundend.

ZEIT ONLINE: Aber daran sind doch diejenigen mit schuld, die die Politik zu dieser abgehobenen Sphäre verklären!

Weisband: Auch, ja. Viele Leute sind politisch völlig passiv, weil sie glauben, es gäbe keine Alternative. Weil sie glauben, sie könnten nur hoffen, dass die da oben es richtig machen. Und wenn es dann anders läuft, wird gemeckert über die da oben. Das will ich nicht. Wenn Macht ungleich verteilt ist, sorgt das dafür, dass sich diejenigen, die meinen, keine Macht zu haben, bequem zurücklehnen und schimpfen.

ZEIT ONLINE: Na dann sollten sie eben einfach mitmachen!

Weisband: Genau! Nur gibt es im bestehenden System zu wenige, einfache Möglichkeiten zum Mitmachen. Der Gestaltungswille des Einzelnen wird nicht genug gefördert. Das will ich ändern.

ZEIT ONLINE: Klingt gut, sagen aber auch fast alle anderen Politiker. Trotzdem treten Sie mit der Geste der Visionärin auf. Woher nehmen Sie diese Selbstgewissheit, besser zu wissen als die anderen, was die Zukunft bringt?

Weisband: Ich weiß es nicht besser, ich habe nur Ideen. Aber wenn ich die zögerlich vertrete, beachtet sie ja niemand. Deshalb brettern wir lieber ins politische System und sagen: Hier, das ist unsere tolle Idee!

ZEIT ONLINE: Treten sie selbstgewisser auf, als sie eigentlich sind?

Weisband: Ich persönlich? Ja, auf jeden Fall! Aber genau das hat die Piratenpartei stark gemacht: dass wir uns anders als die anderen nicht auf das politische Klein-Klein eingelassen haben, sondern uns wieder getraut haben, über Visionen zu sprechen.

ZEIT ONLINE: Und nun sind Sie im Tief, weil Ihre Visionen auf die Realität getroffen sind.

Weisband: Nein, sondern weil wir das Spiel zu sehr mitgespielt und auf potenzielle Wähler geschielt haben, und auf die Umsetzbarkeit. Dabei geht es zumindest mir darum gar nicht. Ich will unsere politische Kultur verändern und die richtigen Fragen stellen. Unabhängig von der derzeitigen Umsetzbarkeit.

ZEIT ONLINE: Ist das jetzt ein Plädoyer für politische Realitätsverweigerung?

Weisband: Ja! Mehr Realitätsverweigerung wagen!