FremdenfeindlichkeitMigranten für die Polizei gesucht

Die Polizei sucht qualifizierten Nachwuchs mit Migrationshintergrund. Über Rassismus und Vorurteile redet man in der Polizei aber nicht gerne. von 

Im Dienst rassistisch beschimpft wurde Selcuk Demir zum ersten Mal in Friedrichshain-Kreuzberg, dem Multikulti-Bezirk von Berlin. "Von einem Türken lass ich mir nichts sagen", herrschte ein Bauarbeiter den Polizisten an. Der 23-Jährige stellte Strafanzeige. Denn der Arbeiter hatte ausgerechnet vor einem Polizeiwagen den Arm gereckt und "Heil Hitler" gerufen.

Demir ist in Deutschland geboren. Seit einem Jahr trägt er die Polizeiuniform und hat sich schon fremdenfeindliche Sprüche von seinen Mitbürgern anhören müssen. Auch polizeiintern sind Vorurteile verbreitet. In seiner Ausbildung wurde Demir von Kollegen über die Bräuche in türkischen Familien ausgefragt. Unter anderem wollte einer wissen: "Werdet Ihr zwangsverheiratet?"

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Aber nur wenige Beamte reden offen über Vorurteile und Rassismus, die Polizisten auf der Straße und unter Kollegen erleben. Dass das Problem existiert, zeigen Studienergebnisse. Warum sich qualifizierte Migranten nicht bei der Polizei bewerben heißt eine Untersuchung von 2011. Danach entscheiden sich junge Leute mit Migrationshintergrund zwar aus verschiedenen Gründen gegen den Polizeiberuf. Manche finden den Job zu gefährlich, andere scheuen die Arbeitszeiten. Aber auch die Angst vor Rassismus spielt eine Rolle: Unter qualifizierten Abiturienten gebe es "Zweifel daran, dass die Polizei wirklich Migranten in ihren Reihen haben möchte", steht in der Studie.

Kollegen mit Migrationshintergrund werden als Kulturscouts geschätzt

Dabei sucht die Polizei händeringend nach Migranten. Zum einen zwingt die demografische Entwicklung die Behörden, sich multikulturellem Personal zu öffnen. Außerdem werden Kollegen mit fremden Wurzeln auch als Kulturscouts geschätzt. Ihnen gelingt eher ein Zugang zu ausländischen Milieus. Richtig laut wurden die Rufe nach mehr Migranten in der Polizei aber, als das NSU-Desaster bekannt wurde. Die Behörden seien "auf dem rechten Auge blind", heißt es seitdem. Neun Männer ausländischer Herkunft wurden ermordet, aber ein fremdenfeindliches Motiv übersahen die Ermittler über Jahre.

Auch der Präsident des Bundeskriminalamts Jörg Ziercke fordert mehr Migranten in der Polizei. Sie könnten die Beamten dafür sensibilisieren, aufmerksamer gegenüber rechtsextremen Tendenzen in der Bevölkerung zu sein. Ziercke verlangt sogar eine Einstellungsquote für Polizisten mit Migrationshintergrund. Mit nur wenigen Migranten ist die Polizei auch längst kein Spiegelbild der Gesellschaft mehr.

Wie viele Polizisten mit fremder Herkunft es in Deutschland gibt, weiß keiner. Es gibt keine einheitliche Definition des Begriffs Migrationshintergrund. In Bayern etwa werden die Zahlen gar nicht erhoben. Mit ihrer Einstellung erhalten die Beamten den deutschen Pass. In Baden-Württemberg werden seit 2009 immerhin die Polizeianwärter nach ihrer Herkunft befragt. Bis 2011 gaben 330 oder 16,8 Prozent der Befragten einen Migrationshintergrund an. Bei der Brandenburger Landespolizei existieren nur Zahlen über die Polizeibeamten, die nicht in Deutschland geboren wurden. Es sind 56, das entspricht einem Personalanteil von knapp einem Prozent.

Askin Bingöl aus Baden-Württemberg war einer der ersten deutschen Polizeibeamten mit Migrationshintergrund. 1995 begann der Sohn eines türkischen Gastarbeiters seine Ausbildung im mittleren Dienst. Heute ist der 39-Jährige stellvertretender Kripo-Chef der Polizeidirektion Reutlingen. Bingöl hat sich hochgearbeitet. 2012 machte er an der Deutschen Polizeihochschule in Münster seinen Master als Jahrgangsbester. "Die Note steht für mich nicht im Vordergrund. Wichtig ist mir eher die Botschaft, dass man auch als Migrant überall hinkommen kann, wenn man Leistung bringt", sagt er.

Sprüche wie "Von einem Türken lasse ich mich nicht festnehmen" kennt Bingöl jedoch auch. In den Behörden habe man vor 18 Jahren mit interkultureller Kompetenz wenig anfangen können, sagt er. Doch mittlerweile seien sowohl die Gesellschaft als auch die Kollegen aufgeschlossener: "Wir haben heute eine sehr kameradschaftliche, demokratische, soziale Polizei", findet der Kriminalrat. Als Rassisten habe er noch keinen Kollegen ausmachen können. Er hält Stereotype bis zu einem gewissen Grad für normal.

Leserkommentare
  1. "Die Polizei sucht qualifizierten Nachwuchs mit Migrationshintergrund."

    Weil diese nicht rassistisch sein können?
    Das ist naiv, und verfassungfeindlich, da es gegen die Gleichstellung verstößt.

    Denn wenn man schreibt "suchen Bewerber mit Migrationshintergrund" ist nicht besser als "suchen Bewerber ohne Migrationshintergrund".

    Es ist die Sache der einzelnen Person, wenn jemand kein Polizist werden will, mit oder ohne Migrationshintergrund, denn wird er kein Polizist.
    Schlechter Verdienst, schlechte Arbeitszeiten, und der Umgang mit der Polizei in Deutschland ist katastrophal, wer will das schon.

    Wenn das Image der Polizei wieder zum "Freund und Helfer" tendiert, werden auch mehr Bewerbungen kommen, wächst hingegen die Zahl der Polizeigewalt und Wilkür, so sieht man den Job wenig attraktiv.

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    Die Polizei sollte schon in gewisser Hinsicht ein Spiegelbild der Gesellschaft sein. So wie Sie jetzt argumentieren so hat man auch einmal argumentiert als es hieß "Wir müssen mehr Frauen zur Polizei bekommen". Genauso wie Frauen in Deutschland leben, leben Menschen mit unterschiedlichstem kulturellem Hintergrund in Deutschland. Das sollten alle staatlichen Stellen nach Kräften widerspiegeln.

    "Wenn das Image der Polizei wieder zum "Freund und Helfer" tendiert, werden auch mehr Bewerbungen kommen, wächst hingegen die Zahl der Polizeigewalt und Wilkür, so sieht man den Job wenig attraktiv."

    Fragen Sie mal einen Polizisten. Das Bild vom Freund und Helfer ist in den meisten Fällen Blödsinn. Polizisten müssen zu 95 % Tätigkeiten vornehmen, bei denen sie Menschen wegen Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten verfolgen oder ihnen Weisungen erteilen müssen ("Fahren Sie das Auto weg."; "Verlassen Sie diesen Platz"). Wer die Illusion hat, hier als Freund und Helfer wahrgenommen zu werden, ist abseits jeglicher Realität. Noch einmal: Zu 95 % müssen Polizisten Tätigkeiten vornehme wegen denen man sie nicht mag. Und dann dürfen Sie auch einmal einem Touristen den Weg erklären, da sind sie dann natürlich Freund und Helfer.

  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Polemik. Danke. Die Redaktion/kvk

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    Der bleiben Sie beim Thema und verfassen sachliche Beiträge. Kritik an der Moderation richten sie gerne an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/se

  3. Angemacht werden alle Polizisten, das sollte man auch nicht vergessen. Das ist sicher nicht nur eine Sache der Nationalität, aber vielleicht fällt es da manchem leichter ein Schimpfwort zu finden.
    Vorurteile innerhalb der Polizei haben aber auch damit zu tun, dass sie es leider viel zu oft mit anderen Kulturen zu tun bekommt.

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  4. 4. [...]

    Der bleiben Sie beim Thema und verfassen sachliche Beiträge. Kritik an der Moderation richten sie gerne an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/se

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    Antwort auf "[...]"
  5. <<< Sie [die Beamten mit Migrationshintergrund, Anm. Z] könnten die Beamten dafür sensibilisieren, aufmerksamer gegenüber rechtsextremen Tendenzen in der Bevölkerung zu sein. <<<

    Ich würde vorschlagen, erstmal die Polizei gegenüber rechtsextremen Tendenzen in den eigenen Reihen zu sensibilisieren; statt dass sich weiterhin Nazis innerhalb des staatlichen Gewaltmonopols einen für sie rechtsfreien Raum schaffen, um ihre Menschenfeindlichkeit ausleben zu können.

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  6. Mal ehrlich: Ich wohne in Frankfurt und lese mir ab und zu den Polizeireport durch, speziell für's Nordend.

    http://www.presseportal.d...

    Ich habe mich immer gefragt, wie sich die Polizisten gegen ihre eigene Fremdenfeindlichkeit _schützen_. Wäre ich in deren Situation hätte ich zumindest starke Vorurteile

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  7. Die Polizei sollte schon in gewisser Hinsicht ein Spiegelbild der Gesellschaft sein. So wie Sie jetzt argumentieren so hat man auch einmal argumentiert als es hieß "Wir müssen mehr Frauen zur Polizei bekommen". Genauso wie Frauen in Deutschland leben, leben Menschen mit unterschiedlichstem kulturellem Hintergrund in Deutschland. Das sollten alle staatlichen Stellen nach Kräften widerspiegeln.

    "Wenn das Image der Polizei wieder zum "Freund und Helfer" tendiert, werden auch mehr Bewerbungen kommen, wächst hingegen die Zahl der Polizeigewalt und Wilkür, so sieht man den Job wenig attraktiv."

    Fragen Sie mal einen Polizisten. Das Bild vom Freund und Helfer ist in den meisten Fällen Blödsinn. Polizisten müssen zu 95 % Tätigkeiten vornehmen, bei denen sie Menschen wegen Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten verfolgen oder ihnen Weisungen erteilen müssen ("Fahren Sie das Auto weg."; "Verlassen Sie diesen Platz"). Wer die Illusion hat, hier als Freund und Helfer wahrgenommen zu werden, ist abseits jeglicher Realität. Noch einmal: Zu 95 % müssen Polizisten Tätigkeiten vornehme wegen denen man sie nicht mag. Und dann dürfen Sie auch einmal einem Touristen den Weg erklären, da sind sie dann natürlich Freund und Helfer.

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    Antwort auf "Die Polizei"
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    Ändert nichts an der Tatsache das die Bewerbersuche die nach ethnischen, religiösen oder geschlechtlichen Gesichtspunkten geschieht verfassungsfeindlich ist, jene Verfassung die die Polizei schützen soll.

    Ein Polizist soll seine Arbeit machen, sprich, mit Leistung überzeugen, denn wer würde jemanden ernst nehmen bei dem ein Migrationshintergrund in der Bewerbung schon reicht um angenommen zu werden. Das selbe gilt für diverse andere Quoten.

    Zum anderen wird hier beschrieben das es bestimmte Migranten sein müssen, keine Kanadier, keine Schweden, keine Schweizer, keine Iren, diese sind aber laut Definition ebenfalls Personen mit Migrationshintergrund.
    Das ist Soziale Selektion, Spiegel der Gesellschaft hin oder her, und das würde von jedem Arbeitsgericht verurteilt werden.

    ...sollte die Polizei ein Spiegelbild der Gesellschaft sein? Ich habe diese Floskel schon öfters gehört, leuchtet mir auch bei Parlamenten ein, aber wieso es ein Exekutivorgan auch so sein soll, weiß ich jetzt nicht wirklich. Da wären doch sicherlich andere Qualitäten von Vorteil.

    "Spiegelbild der Gesellschaft" hieße, dass wir auch Nazis in der Polizei tollerieren müssten. Das kann es ja irgendwo nicht sein.

  8. „Migranten“ und „Migrantenhintergrund“, in dieser Sprache bewegt sich die veröffentlichte Meinung und häufig ist es die Sprache derer, die glauben, man könne mit anderen Begriffen schon ein Problem entweder lösen oder verschleiern.

    Das sie bei der Begriffsvergewaltigung selbst nicht mehr folgen können, beweisen immer die wunderbaren Texte und Artikel, so auch dieser Artikel.

    „Wie viele Polizisten mit fremder Herkunft es in Deutschland gibt…..“ Wenn schon, dann bitte „Polizisten mit Migrationshintergrund“ oder „Migrant-Polizist“ "Fremdenfeindlichkeit ist ein Tabuthema in der Polizei" Wenn schon, dann bitte „Migranten-Feindlichkeit“

    Ein erhellender Artikel dazu von Deniz Baspinar „Du mit deinem Migrationshintergrund“
    http://www.zeit.de/gesell...

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