Gerichtsverfahren"Am NSU-Prozess ist überhaupt nichts normal"

Im NSU-Prozess hat kein türkisches Medium einen festen Platz erhalten. Ismail Erel von der Zeitung "Sabah" will deshalb notfalls vor dem Gerichtssaal campen. von Steffi Fetz

ZEIT ONLINE: Für türkische Medien gibt es im NSU-Prozess keine festen Sitzplätze im Gerichtssaal. Was halten Sie von dieser Vergabepraxis?

Ismail Erel: Natürlich sind wir enttäuscht, dass wir keinen Platz bekommen haben. Ich habe im Januar schon für eine Akkreditierung beim Gericht angefragt. Hätte ich gewusst, dass nur 50 Plätze sicher vergeben werden und es ein regelrechtes Wettrennen darum gibt, hätte ich innerhalb weniger Minuten reagiert. Dafür kann ich das Gericht nicht kritisieren. Es hat sich an seine Richtlinien gehalten. Wenn es ein ganz normaler Fall wäre, dann liefe alles perfekt – aber: das ist es eben nicht: am NSU-Prozess ist überhaupt nichts normal. Und ich verstehe nicht, warum das Gericht versucht, dem Fall Normalität aufzudrücken.

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Mir fehlt die notwendige Sensibilität, auch dem türkischen Botschafter gegenüber zum Beispiel. In diesem Fall sollte man nicht so kalt reagieren. Ich hätte mir gewünscht, dass sie zumindest einen Platz für ein türkisches Medium, eine türkische Nachrichtenagentur etwa, bereithalten.

ZEIT ONLINE: Welche Reaktionen gab es in der Türkei?

Ismail Erel

Ismail Erel ist stellvertretender Chefredakteur der Europa-Ausgabe von Sabah, einer liberalen türkischen Boulevardzeitung.

Ismail Erel: Es herrscht Unverständnis darüber, dass die türkischen Medien nicht dabei sein können. Wie hätte man gehandelt, wenn die deutsche Presse zum Beispiel im Marco-Prozess keinen Zugang erhalten hätte?

ZEIT ONLINE: Warum ist es in der Türkei besonders wichtig, dass die türkischen Medien den Prozess verfolgen?

Ismail Erel: Für uns ist der Fall einfach ein Jahrhundertprozess, der einmalig in der Geschichte ist. Wir würden uns gerne vor Ort selbst einen Eindruck verschaffen.

ZEIT ONLINE: Warum ist es für Türkischstämmige in Deutschland wichtig, dass nicht nur deutsche, sondern auch türkische Medien berichten?

Ismail Erel: Wir haben hier eine große Leserschaft. Viele der Türkischstämmigen lesen türkische Zeitungen, die aber überwiegend Themen behandeln, die in Deutschland wichtig sind. Und momentan ist der NSU-Prozess hierzulande einfach das Thema überhaupt. Unseren Lesern können wir nicht erklären, dass wir da nicht dabei sein werden.

ZEIT ONLINE: Eine Simultanübertragung des Prozess in einen zweiten Saal wäre technisch möglich, ist bisher aber nicht angedacht. Die Richter befürchten, dies könnte einen Revisionsgrund des Verfahrens darstellen. Glauben Sie, daran wird sich noch etwas ändern?

Ismail Erel: Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Vielleicht wird das Gericht den Vorschlag nun noch einmal prüfen. Ich werde auf jeden Fall nach München fahren und zur Not vor dem Gelände kampieren, um einen Platz zu bekommen.

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Leserkommentare
    • Berski
    • 26. März 2013 19:03 Uhr
    1. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Äußerungen, die als relativierend gelesen werden können. Die Redaktion/mak

    Eine Leserempfehlung
  1. "Für türkische Medien gibt es im NSU-Prozess keine festen Sitzplatz im Gerichtssaal."

    a) keinen festen Sitzplatz im Gerichtssaal

    b) keine festen Plätze im Gerichtssaal

    Korrekturlesen hilft. Den zweiten Vorschlag empfehle ich der Redaktion, weil sicher mehr als ein Reporter aus der Türkei gerne im Gerichtssaal wäre.

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    Redaktion

    Huch, das haben wir übersehen. Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert.

  2. Ich verstehe die Hysterie nicht, die sich schon jetzt um diesen Prozess entfaltet. Man kann doch nicht erwarten, dass man die Strafprozessordnung wegen des anstehenden Prozesses ändert.

    Die Hauptverhandlung im Strafprozess unterliegt folgenden Verfahrensgrundsätzen:
    • Öffentlichkeit gemäß § 169 GVG.
    • Mündlichkeit gemäß § 261 StPO
    • Unmittelbarkeit gemäß § 250 StPO
    • Einheitlichkeit gemäß § 229 StPO
    Die Anforderungen an den Grundsatz der Öffentlichkeit sind erfüllt, wenn zwar nur eine begrenzte Zahl an Zuhörern zugelassen ist, diese aber beliebig ausgewählt werden. Die Verletzung des Grundsatzes der Öffentlichkeit stellt gemäß § 338 Nr. 6 StPO einen absoluten Revisionsgrund dar.

    13 Leserempfehlungen
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    Wenn man beim Kachelmann-Prozess 10 Sitzplätze für schweizer Journalisten reservieren konnte, dann kann man auch beim NSU-Prozess ein Kontingent von Plätzen für türkische Journalisten vorsehen. Es waren also keine rechtlichen Gründe, die zu diesem Verhalten des bayrischen Gerichts führte, es war einfach die totale Unfähigkeit und Unsensibilität dieses Gerichts., was schon vor Prozessbeginn nichts Gutes für den weiteren Verlauf der Verhandlung erahnen lässt.

    Schon merkwürdig, dass das Mannheimer Gericht kein Problem damit hatte, Plätze für ausländische und insbesondere Schweizer Medien zu reservieren.
    Geht also.

  3. Redaktion

    Huch, das haben wir übersehen. Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert.

    Antwort auf "Hust..."
  4. Das Gericht hat sich bereits vor Prozessbegin diskreditiert.

    Wie soll so ein Gericht einen derart bedeutenden Fall angemessen verhandeln. Sie können nicht einmal angemessen den Zugang für die Öffentlichkeit regeln.

    Ein solchen Maß an inkompetenz und versagen muss eigentlich Berufliche Konsequnzen haben.

    9 Leserempfehlungen
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    Weshalb hat sich das Gericht bereits vor Prozessbegin diskreditiert?

  5. ihrer Angehöriger, der türkischen Community und die Verschleierung der Terrormorde und ihrer instutitioneller Unterstützer geht weiter.

    Was die deutschen Sicherheitsorgane mit der Unterstützung und Verschleierung des NSU begonnen haben, führen Ihre Kolleginnen und Kollegen in der Judikativen fort.

    Der instituionelle Rassismus in Polizei und den Gerichten wird unverholen weiter fortgesetzt, als ob es die Morde nie gegeben hätte. Was tut die Politik und Regierung? Sie schweigt. Sie hat wohl Angst, dass mit ausländischen Medien die Gerichte unter Druck geraten könnten die Wahrheit aufdecken zu müssen.

    [...]

    Diese ganzen Morde und folgenden beleidigenden und widerlichen Handlungen der Gerichte, Sicherheitsorgane und Ihrer Vertreter haben eine ganz klare Message an alle Türken und Muslime hier:

    "Geht wieder zurück wo Ihr hergekommen seid, sonst müsst Ihr um euer Leben und das eurer Lieben fürchten. Von uns Sicherheitsorganen und Gerichten habt ihr keine Unterstützung zu erwarten."

    Es erinnert an die künstlich hochgekochte Asyldebatte und den Vorfällen in Rostock Hoyerswerda, wo die Polizei zurück gehalten wurde, um ein Signal ins Ausland zu schicken: "Kommt nicht her! Hier ist es nicht sicher".

    Die Farce geht weiter iMünchen, als Hort der Rechten in Polizei und Justiz.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf übertriebene Polemik. Die Redaktion/mak

    16 Leserempfehlungen
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    Entfernt. Bitte kommentieren Sie den Inhalt Des Artikels. Die Redaktion/mak

    wie Sie der Politik, den ausführenden Organen und schließlich der Rechtsprechung systematische Mithilfe zum Mord vorwerfen; anschließend sogar noch zur „quasi- Bewaffnung“ aufrufen.
    Es würde mich wundern, wenn Ihr Kommentar hier so stehen bleiben würde.

    Ein Kommentar, der die Realitäten völlig verkennt und dazu noch zur Gewalt aufruft.

    Was München angeht: Sie spielen auf die Demos von Stürzenberger an. Man sollte nur zur Kenntnis nehmen, dass dort permanent Gewalt von linken und islamistischen Gegendemonstranten ausgeht. Von einem Hort der Rechten kann nicht die Rede sein.

    bis zum mehr oder weniger abrupten - redaktionellen - Abbruch Ihres Kommentars kann ich Ihnen nur recht geben. Leider ist es so, das sich deutsche Behörden sehr zweifelhaft verhalten haben mit ihren Aktenvernichtungen, Informationsverheimlichungen und so weiter, natürlich nähren sie damit den Verdacht, von Anfang an in alles eingeweiht gewesen zu sein, was natürlich niemals herauskommen darf (dürfte).

    In dieses Dilemma haben sie sich selbst gebracht und sie könnten sich daraus auch selbst wieder herauswinden, dafür müsste allerdings der Wille dazu vorhanden sein, ich meine das abwer nicht im Sinne von Vertuschung sondern von Aufklärung.

    "Diese ganzen Morde und folgenden beleidigenden und widerlichen Handlungen der Gerichte, Sicherheitsorgane und Ihrer Vertreter haben eine ganz klare Message an alle Türken und Muslime hier:

    "Geht wieder zurück wo Ihr hergekommen seid, sonst müsst Ihr um euer Leben und das eurer Lieben fürchten. Von uns Sicherheitsorganen und Gerichten habt ihr keine Unterstützung zu erwarten.""

    Ich glaube, Sie drehen durch. Sie sind offenkundig ein Opfer ihres eigenen Hasses gegen den Staat.

  6. "Für die Dönermorde gibt es keinen Platz für die aus Dönerland," so könnte die Stammtischparole lauten.

    Wünsche mir, dass endliche einmal eine staatliche Einrichtung die nötige Sensibilität im Umgang mit den Angehörigen und Betroffenen dieser Verbrechen an den Tag legt.

    6 Leserempfehlungen
  7. Haben wir ein GEZ Überschuss, dass so viele öffentlich rechtliche dabei sein müssen?

    Der ganze NSU Porzess stinkt bis zur Decke.
    Wenn die Judikative auch schon signalisiert, ihr Türken seit nicht willkommen.

    Den Vorwurf muss sich das Gericht leider anhören, auch wenn sie strikt nach Regeln die Akreditierung vergeben hat.

    9 Leserempfehlungen
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    Man muss doch den Tagesschau-Empfängern die "richtige" Narrative einimpfen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Medien | Gericht | Nachrichtenagentur | Glaube | Hoffnung | Presse
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