ZEIT ONLINE: Für türkische Medien gibt es im NSU-Prozess keine festen Sitzplätze im Gerichtssaal. Was halten Sie von dieser Vergabepraxis?

Ismail Erel: Natürlich sind wir enttäuscht, dass wir keinen Platz bekommen haben. Ich habe im Januar schon für eine Akkreditierung beim Gericht angefragt. Hätte ich gewusst, dass nur 50 Plätze sicher vergeben werden und es ein regelrechtes Wettrennen darum gibt, hätte ich innerhalb weniger Minuten reagiert. Dafür kann ich das Gericht nicht kritisieren. Es hat sich an seine Richtlinien gehalten. Wenn es ein ganz normaler Fall wäre, dann liefe alles perfekt – aber: das ist es eben nicht: am NSU-Prozess ist überhaupt nichts normal. Und ich verstehe nicht, warum das Gericht versucht, dem Fall Normalität aufzudrücken.

Mir fehlt die notwendige Sensibilität, auch dem türkischen Botschafter gegenüber zum Beispiel. In diesem Fall sollte man nicht so kalt reagieren. Ich hätte mir gewünscht, dass sie zumindest einen Platz für ein türkisches Medium, eine türkische Nachrichtenagentur etwa, bereithalten.

ZEIT ONLINE: Welche Reaktionen gab es in der Türkei?

Ismail Erel: Es herrscht Unverständnis darüber, dass die türkischen Medien nicht dabei sein können. Wie hätte man gehandelt, wenn die deutsche Presse zum Beispiel im Marco-Prozess keinen Zugang erhalten hätte?

ZEIT ONLINE: Warum ist es in der Türkei besonders wichtig, dass die türkischen Medien den Prozess verfolgen?

Ismail Erel: Für uns ist der Fall einfach ein Jahrhundertprozess, der einmalig in der Geschichte ist. Wir würden uns gerne vor Ort selbst einen Eindruck verschaffen.

ZEIT ONLINE: Warum ist es für Türkischstämmige in Deutschland wichtig, dass nicht nur deutsche, sondern auch türkische Medien berichten?

Ismail Erel: Wir haben hier eine große Leserschaft. Viele der Türkischstämmigen lesen türkische Zeitungen, die aber überwiegend Themen behandeln, die in Deutschland wichtig sind. Und momentan ist der NSU-Prozess hierzulande einfach das Thema überhaupt. Unseren Lesern können wir nicht erklären, dass wir da nicht dabei sein werden.

ZEIT ONLINE: Eine Simultanübertragung des Prozess in einen zweiten Saal wäre technisch möglich, ist bisher aber nicht angedacht. Die Richter befürchten, dies könnte einen Revisionsgrund des Verfahrens darstellen. Glauben Sie, daran wird sich noch etwas ändern?

Ismail Erel: Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Vielleicht wird das Gericht den Vorschlag nun noch einmal prüfen. Ich werde auf jeden Fall nach München fahren und zur Not vor dem Gelände kampieren, um einen Platz zu bekommen.