Der Mann mit den Sandalen geht. Johannes Ponader wird spätestens nach dem Piraten-Parteitag im Mai nicht mehr politischer Geschäftsführer der Partei sein, deren schillerndstes, umstrittenstes und in den Augen vieler schädlichstes Aushängeschild er war. Für die Atmosphäre in der Partei ist das erst einmal eine gute Nachricht. Politisch gewonnen aber haben die Piraten allein mit seinem Rücktritt noch nichts.

Der freischaffende Künstler Ponader, der lange von Hartz IV lebte und einst mit Sandalen bei Günther Jauch saß, hat die endlosen, längst nur noch absurden Streitereien im und um den Bundesvorstand immer neu befeuert, die die Partei in den vergangenen Monaten vom Senkrechtstarter zur Lachnummer gemacht haben. Allein verantwortlich ist er dafür jedoch nicht, auch wenn viele in der Führung und unter den Mitgliedern ihn gerne zum Sündenbock machen wollten.

Zum unwürdigen Dauerstreit haben es erst all diejenigen kommen lassen, die sich von Ponaders irrlichternden Alleingängen haben provozieren lassen, die ihn öffentlich anpöbelten und ihn dennoch viel zu lange gewähren ließen. Sie alle, die übrige Führung eingeschlossen, sind verantwortlich dafür, dass die Piraten in Rekordzeit von 13 auf zwei bis drei Prozent Zustimmung bei den Wählern abgestürzt sind.

Professionelle Freundlichkeit wäre schön

Was mit den Piraten und speziell um die von Ponader angetriebenen Konflikte in den vergangenen Monaten passiert ist, hat aber auch viel mit der Dynamik des von ihnen selbst gehypten Internets zu tun. Jede Auseinandersetzung wurde und wird sofort per Twitter oder sonst wie online in die Welt getragen; inhaltliche Debatten kommen da viel zu kurz. Und für die klassischen Medien ist ein heftiger Streit im Bundesvorstand einfacher zu erklären und zu verstehen als beispielsweise die neueste Variante der Urheberrechtsdebatte.

Ponaders Rücktritt bietet der Partei nun zumindest die Chance, dass ihre Politik wieder sichtbarer wird. Er gibt den Blick frei auf das, was unter dem Streit verborgen liegt. Ein Selbstläufer ist das aber nicht. Denn sind die inhaltlichen Leistungen der Piraten wirklich so relevant, neu und überzeugend, dass sie Aufmerksamkeit verdienen? In welchen für Wähler zentralen Themen ist die Partei überzeugende Vorreiterin? Und was leisten ihre Abgeordneten in den Landtagen?

In Schleswig-Holstein kämpft Fraktionschef Patrick Breyer unermüdlich für immer weitergehende Transparenz, in Berlin leitet Martin Delius den wichtigen Untersuchungsausschuss zum Flughafen-Debakel souverän. Aber sonst? Die Piraten müssen jetzt zeigen, was sie zu bieten haben. Für die Bundestagswahl dürfte die Zeit zu knapp sein, um eine neue, positive Erzählung zu schaffen. Doch auch unterhalb ihres einstigen Kurzzeit-Umfragehochs lässt sich Politik machen, als ambitionierte Kleinpartei.

Es ist die Chance, nach der sich die Piraten in den vergangenen Chaos-Monaten so gesehnt haben. Wenn sie sie nutzen wollen, müssen sie inhaltlich überzeugen – und untereinander endlich eine zumindest professionelle Freundlichkeit erreichen.