Presseschau"Welchem Grundgesetz folgt eigentlich die CDU?"

Als verpasstes Signal an die Wähler bewerten viele Journalisten die Weigerung der Union, die Homo-Ehe gleichstellen zu wollen. Andere verteidigen die skeptische Haltung.

Befürworter der Homo-Ehe in Frankreich

Befürworter der Homo-Ehe in Frankreich

Frankfurter Rundschau: Verpasster Zeitpunkt für die CDU

"Wie einfach es geht, haben die britischen Konservativen gerade erst vorgemacht. Sie betrachten nicht den Trauschein als Wert an sich, sondern die Verbindlichkeit einer Partnerschaft. Den Zeitpunkt für solch eine Positionierung hat die CDU verpasst. Es gibt nun eine rückwärtsgewandte Festlegung. Und die Partei muss mit dem Vorwurf leben, den Kampf gegen Diskriminierung nur im Munde zu führen."

Tagesspiegel: Alternativlose Politik ist eigentlich Spezialgebiet Merkels

"Wer die Homo-Ehe nicht gleichstellen will, der müsste die Lebenspartnerschaft wieder abschaffen, was niemand will. Der frühere konservative Gerichtspräsident Hans-Jürgen Papier hatte dies zutreffend vorausgeahnt und es deshalb als abweichende Meinung unter das Urteil von 2002 geschrieben, mit dem der Ehe-Ersatz gebilligt wurde. Auch jenseits des Rechts gab es schon damals keinen Grund, bindungswillige Schwule und Lesben anders zu behandeln als Mann und Frau. Ihnen dieselben Rechte zu gewähren und in der Konsequenz Steuervorteile auf Partnerschaften mit Kindern zu verlagern, müsste daher doch auch ohne Karlsruher Nachhilfe jene Art von Politik sein, die die Union, die Merkel am besten beherrscht: die alternativlose."

Anzeige

Saarbrücker Zeitung: Besonderer Stellenwert für Beziehung zwischen Mann und Frau als Keimzelle des Lebens

"Das Problem der rechtlichen Gleichstellung von Homosexuellen ist schwierig zu lösen, weil elementare Interessen kollidieren. Einerseits kann und soll in unserer freiheitlichen Gesellschaftsordnung jeder nach seiner eigenen Fasson selig werden. Andererseits sind auch die Rechte jener zu respektieren, die der Beziehung zwischen Mann und Frau als Keimzelle des Lebens einen besonderen Stellenwert einräumen. Schwule und Lesben sind keine 'Opfer' mehr. Sie sind zu einer starken politischen Kraft geworden, mit großem Einfluss in Politik und Medien. Das legitimiert sie aber nicht, nun umgekehrt Andersdenkende als rückständige Provinzler zu diskriminieren."

Lausitzer Rundschau (Cottbus): CDU muss Stammwähler enttäuschen

"Welchem Grundgesetz, so ist die Frage, folgt eigentlich die CDU, deren führende Repräsentanten derzeit zur Beschimpfung der Verfassungsrichter übergegangen sind? Steht ihre Parteiüberzeugung in Sachen Homoehe tatsächlich so im Konflikt mit der Verfassung des Landes, dass sie sich jedes Mal vom Gericht zwingen lassen muss, Korrekturen vorzunehmen? Steht sie an dieser Stelle gegen unser Verfassungsverständnis? Einen solchen Konflikt hält eine Volkspartei nicht lange durch. Die CDU wird sich früher oder später doch bewegen müssen. Und ihre Stammwähler enttäuschen. Wenn das so ist, dann war der gestrige Beschluss vielleicht wahlkampftaktisch betrachtet geschickt. Aber alles andere als weise."

Neue Presse (Hannover): CDU als Bewahrer der 'Mann-und-Frau-Ehe'

"Peer Steinbrück kann aufatmen. Würde die Union nach Abschaffung der Wehrpflicht, nach dem Atomausstieg und der Aussicht auf Mindestlohneinführung auch noch die Homo-Ehe mit allen Rechten einführen, könnte der SPD-Kanzlerkandidat einpacken. Aber so zeigen sich Merkel & Co. standfest, setzen sich heldenhaft als Bewahrer von 'Ehe und Familie' ein - was eigentlich heißt: der 'Mann- und Frau-Ehe'. Die stramm-konservative schwulenfeindliche Minderheit in der Union macht die schwul-lesbische Minderheit in der Gesellschaft zum Spielball im Wahlkampf – einen Koalitionsbruch kann Kanzlerin Merkel sich gerade nicht leisten. Und auch die ums Überleben kämpfende FDP wird das Bündnis nicht für die Rechte einiger Schwuler platzen lassen."

Rhein-Zeitung (Koblenz/Mainz): Elegantes Ausweichmanöver der Kanzlerin

"Angela Merkel hat das kurze Wackeln der Union genutzt: Die Bundeskanzlerin schwieg zuerst, deutete Prinzipientreue an, die in ihrer eigenen Partei oft angezweifelt wird – und sprach sich schließlich gegen eine Gleichstellung aus. Ohne auch nur einen Millimeter vom letzten Parteitagsbeschluss abweichen zu müssen, hat Merkel erreicht, dass ihre CDU als diskussionsfreudig überraschen durfte, um schließlich reibungsfrei zum Status quo zurückzukehren: Das ist großes Politiktheater. Der Frage nach dem Wesen von Familie, nach sinnvollen und sinnlosen Förderinstrumenten ist die Kanzlerin elegant und möglicherweise auf Jahre hinaus ausgewichen."

Frankfurter Allgemeine Zeitung: Merkel verwehrt sich dem 'Karlsruhegehorsam'

"Kaum hatte das Bundesverfassungsgericht sein jüngstes Urteil auf dem Weg zur Gleichstellung homosexueller Lebenspartnerschaften mit der Ehe gesprochen, knallten in der Führungsriege der CDU auch schon die Hacken. In der nicht unberechtigten Erwartung, Karlsruhe werde seine Linie auch bei der Entscheidung zum Ehegattensplitting beibehalten, wollten Großstadt-Strategen wie Taktik-Tüftler der Partei zur Vorwärtsverteidigung übergehen: Man dürfe sich doch nicht dauernd von den Verfassungsrichtern 'treiben' lassen, schon gar nicht in einem Wahljahr. Diesem Karlsruhegehorsam schob die Kanzlerin jetzt mit einiger Verspätung einen Riegel vor. Es bleibt bei dem Beschluss des Parteitags. Und bei dem Grundsatz der Vorsitzenden, erst dann zu reagieren, wenn es gar nicht mehr anders geht."

 
Leser-Kommentare
  1. Dem Diktat der homophoben Reaktionären folgend hat sich Frau Merkel auf den Parteitagsbeschluss aus 12/20 zurückgezogen. Einer würdevollen und auch halbwegs weisen Wende hat sie damit den Rücken gekehrt. Wahlkampf auf dem Rücken der schwul-lesbischen Minderheit, Machterhalt durch Diskrimminierung, das ist schäbig. Zudem ist es nicht mehr eine verfassungstreue Union sondern eine Union die über den rechten Rand hinaus schlingert. Der Umgang mit den Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichtes ist respektlos, die Richterschelte unstaatsmännisch. Deutschland hat eine bessere Regierung verdient.

    16 Leser-Empfehlungen
  2. lässt Frau Merkel durchrechnen, wieviel Wählerstimmen es kostet oder bringt. Bei einem Verlust von Stimmen ist der 180-Grad-Schwenk alternativlos.

    8 Leser-Empfehlungen
  3. Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • juwoki
    • 05.03.2013 um 10:33 Uhr

    Leider bestätigt es sich, dass viele, die glauben einer Mehrheit anzugehören unverschämt die Rechte anderer ignorieren. So auch Sie, lieber Superggoof. Ansonsten schauen wir doch gleich auch mal, wie viele Deutsche wirklich in einer traditionell heterosexuellen Ehe MIT Trauschein leben. Richtig, gemessen an der Zahl der Einwohner ist dies eine Minderheit, also erst mal überlegen und dann die Tastatur bedienen, die anderen Minderheiten danken es Ihnen.

    • juwoki
    • 05.03.2013 um 10:33 Uhr

    Leider bestätigt es sich, dass viele, die glauben einer Mehrheit anzugehören unverschämt die Rechte anderer ignorieren. So auch Sie, lieber Superggoof. Ansonsten schauen wir doch gleich auch mal, wie viele Deutsche wirklich in einer traditionell heterosexuellen Ehe MIT Trauschein leben. Richtig, gemessen an der Zahl der Einwohner ist dies eine Minderheit, also erst mal überlegen und dann die Tastatur bedienen, die anderen Minderheiten danken es Ihnen.

  4. Da suggeriert die Artikelüberschrift, dass das Grundgesetzt alle Lebensfragen wie eine säkulare Ausgabe der Thora regele, wobei das gar nicht im Sinne des Grundgesetz ist, sondern lediglich ein gesetzlicher Grundrahmen vorgegeben wird, der von der Legislative nicht ohne grundlegende Mehrheiten geändert werden darf. Die rot-grüne Bundesregierung hat 2001 die eingetragene Lebenspartnerschaft gesetzlich verankert und damit eine neue(!) Rechtslage geschaffen. Das BVerfG sah mit Gegenstimmen diese Neuregelung als verfassungskonform an. Daraus eine Pflicht abzuleiten, den von Rot-Grün eingeschlagenen Weg als den allein seligmachenden anzusehen, geht denn doch am Faktischen vorbei. Jede Partei hat das Recht seine politischen Positionen zu vertreten und der in der Artikelüberschrift implizierte Ideologiezwang ist zutiefst antidemokratisch. Ich werde auch weiterhin an der besonderen Stellung der Ehe gegenüber gleichgeschlechtlichen Lebensformen festhalten und daran kann mich auch kein BVerG hindern, das über ein politisches Proporzsystem gebildet wird und somit nicht über den Sphären politischer Weltanschauung steht. Als freier Bürger erlaube ich mir also weiterhin, mein Denken nicht von politischen Vorgaben bestimmen zu lassen.

    2 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Dem kann ich mich nur anschließen.

    Das können Sie gern so halten, nur müssen Sie dann auch bereit sein, sich auf den Kopf zusagen zu lassen, dass Sie mit dieser Ansicht außerhalb der Verfassung stehen bzw. stehen werden.

    Dem kann ich mich nur anschließen.

    Das können Sie gern so halten, nur müssen Sie dann auch bereit sein, sich auf den Kopf zusagen zu lassen, dass Sie mit dieser Ansicht außerhalb der Verfassung stehen bzw. stehen werden.

  5. "Keimzelle des Lebens"!

    Das klingt, als wären heterosexuelle, verheiratete Paare Wurfmaschinen im Dienste des GG der Union.

    Welch ein grauenhafter Unsinn! Das sollte man zum Unwort des Jahres 2013 küren...

    7 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Plor
    • 05.03.2013 um 10:15 Uhr

    ...noch gruseliger ist, dass sich konservative Christunionler dabei schamlos bei nationalsozialistischer Terminologie bedienen.

    Insbesondere Frau Merkel macht ja Kinder am laufenden Band ;-)

    gut, dann heben wir die Ehen alle auf, in denen keine Kinder sind oder waren, egal aus welchem Grund. Ebenso die, die die Keimzellenpflicht nicht mehr erfüllen können, was die kath. Kirche mit behinderten Menschen auch "grundgesetzkonform?" ohnehin ganz offiziell tut! Zugegeben, ist nur die kirchliche Variante. Die sollte den christlichen Politikern dann auch genügen!

    Fördern wir die "richtigen Familien", in denen Kinder leben, ganz egal aus welchem Grund!

    • Plor
    • 05.03.2013 um 10:15 Uhr

    ...noch gruseliger ist, dass sich konservative Christunionler dabei schamlos bei nationalsozialistischer Terminologie bedienen.

    Insbesondere Frau Merkel macht ja Kinder am laufenden Band ;-)

    gut, dann heben wir die Ehen alle auf, in denen keine Kinder sind oder waren, egal aus welchem Grund. Ebenso die, die die Keimzellenpflicht nicht mehr erfüllen können, was die kath. Kirche mit behinderten Menschen auch "grundgesetzkonform?" ohnehin ganz offiziell tut! Zugegeben, ist nur die kirchliche Variante. Die sollte den christlichen Politikern dann auch genügen!

    Fördern wir die "richtigen Familien", in denen Kinder leben, ganz egal aus welchem Grund!

    • etiam
    • 05.03.2013 um 10:06 Uhr

    Man kann nicht die Ehe und andere Lebensformen (konsequenterweise auch Kommunen etc.) gleichstellen, ohne den ebenfalls grundgesetzlich geforderten besonderen Schutz der Ehe zu unterminieren.
    Das Grundgesetz hilft uns daher bei der Auflösung des aktuellen Dilemmas nicht weiter - jedoch sind anders als vielfach geäußert, beide Ansichten aus dieser Perspektive legitim. Die vermeintliche Legitimation die jeweils gegnerische Ansichten diskreditieren zu können ist nichts weiter als die ungerechtfertigte Überhöhung der eigenen weltanschaulichen Position.

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Man kann nicht die Ehe und andere Lebensformen (konsequenterweise auch Kommunen etc.) gleichstellen, ohne den ebenfalls grundgesetzlich geforderten besonderen Schutz der Ehe zu unterminieren."

    Wenn es Ihnen wirlich um Schutz und nicht etwa um Privilegien geht, hat Ihre Aussage keinerlei Sinn.

    "Das Grundgesetz hilft uns daher bei der Auflösung des aktuellen Dilemmas nicht weiter"

    Strittig.

    "- jedoch sind anders als vielfach geäußert, beide Ansichten aus dieser Perspektive legitim. Die vermeintliche Legitimation die jeweils gegnerische Ansichten diskreditieren zu können ist nichts weiter als die ungerechtfertigte Überhöhung der eigenen weltanschaulichen Position."

    Gleiche Rechte nd Pflichten für alle sind in diesem Kontext einfach zu definieren.
    Ideologie aber ist und bleibt Ideologie und kann Argumente nicht wett machen.

    Und das Kind beim Namen zu nennen hat mit Diskreditierung nichts zu tun.

    "Man kann nicht die Ehe und andere Lebensformen (konsequenterweise auch Kommunen etc.) gleichstellen, ohne den ebenfalls grundgesetzlich geforderten besonderen Schutz der Ehe zu unterminieren."

    Wenn es Ihnen wirlich um Schutz und nicht etwa um Privilegien geht, hat Ihre Aussage keinerlei Sinn.

    "Das Grundgesetz hilft uns daher bei der Auflösung des aktuellen Dilemmas nicht weiter"

    Strittig.

    "- jedoch sind anders als vielfach geäußert, beide Ansichten aus dieser Perspektive legitim. Die vermeintliche Legitimation die jeweils gegnerische Ansichten diskreditieren zu können ist nichts weiter als die ungerechtfertigte Überhöhung der eigenen weltanschaulichen Position."

    Gleiche Rechte nd Pflichten für alle sind in diesem Kontext einfach zu definieren.
    Ideologie aber ist und bleibt Ideologie und kann Argumente nicht wett machen.

    Und das Kind beim Namen zu nennen hat mit Diskreditierung nichts zu tun.

    • Plor
    • 05.03.2013 um 10:15 Uhr

    ...noch gruseliger ist, dass sich konservative Christunionler dabei schamlos bei nationalsozialistischer Terminologie bedienen.

    5 Leser-Empfehlungen
  6. Insbesondere Frau Merkel macht ja Kinder am laufenden Band ;-)

    8 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... von der "Leimzelle des Klebens" sprechen.

    Eine dritte Legislaturperiode unter Angela Merkel + Union? Da kann man den Kanzlerposten glatt abschaffen und das BVerfG einsetzen...

    ... von der "Leimzelle des Klebens" sprechen.

    Eine dritte Legislaturperiode unter Angela Merkel + Union? Da kann man den Kanzlerposten glatt abschaffen und das BVerfG einsetzen...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service