Nein, an diesem Wochenende soll es nicht um Peer Steinbrück gehen, zumindest nicht vordergründig. Der Kanzlerkandidat ist zwar auch auf dem SPD-Konvent zugegen, aber er will diesmal nicht "Klartext" reden, was zuletzt bekanntlich für einigen Ärger gesorgt hat. Diesmal will Steinbrück vor allem zuhören, ganz "ohne Zeigefinger", wie er mehrfach betont.

Im Mittelpunkt stehen Bürger – 300, um genau zu sein, die Hälfte davon sind SPD-Mitglieder. Sie wurden von der Parteispitze in ein Berliner Hotel eingeladen, um über die Zukunft des Landes zu diskutieren. Der Konvent ist der Höhepunkt einer großen sozialdemokratischen Dialogoffensive. In 350 Veranstaltungen hat die Partei über 40.000 Zukunftsideen gesammelt. Die geladenen 300 Bürger sollen nun die zehn besten auswählen.

An runden Tischen, auf denen große Bildschirme stehen, sitzen Grüppchen zu je acht bis zehn Bürgern. Sie sind nach Themenfeldern formiert. Zwischen den Tischen gehen SPD-Promis umher, hören zu, fragen nach.

Steinbrück sitzt an einem Tisch, an dem es um soziale Dienstleistungsberufe geht. Ein älterer Herr versucht ihm gerade einzutrichtern, dass Nachtschichten "auf Dauer krank" machen, weshalb der Staat gefordert sei. Steinbrück nickt unbestimmt. Seine Lieblingsparole im Wahlkampf wird das wohl nicht.

"Piratenpartei auf sozialdemokratisch"

Parteichef Gabriel sagt, man muss sich bewusst gegen Frontalreferate entschieden. Das hier sei "Piratenpartei auf sozialdemokratisch", eine "kleine Revolution" für SPD-Verhältnisse, "Politik von unten", so Gabriel. Und ganz anders als bei der Kanzlerin sei dies keine Showveranstaltung, sondern echter Austausch.

Tatsächlich geht es bei den Genossen weniger steril und weitaus diskursiver zu als bei den Bürgerdialogen, die das Kanzleramt im Vorjahr organisiert hat. Beide Formate folgten zwar demselben Impuls, nämlich: die Distanz zwischen Bevölkerung und Parteien zu verringern. Bei Angela Merkel allerdings bleiben die meisten Ideen, die Experten und Bürger erarbeitet hatten, folgenlos. Die SPD hingegen verspricht, es anders zu machen: Die zehn Forderungen, auf die sich der Konvent verständigt, sollen Teil des offiziellen Wahlprogramms werden.

Eine Forderung birgt Sprengstoff

Das dürfte klappen. Denn letztlich entsprechen die Sieger-Ideen, die Steinbrück am Samstagabend präsentiert, recht genau der sozialdemokratischen Oppositionsagenda. Spitzenreiter ist die Forderung nach einem gesetzlichen Mindestlohn. Überdies soll in Bildung investiert, der Wohnungsbau gefördert, das Wasser nicht privatisiert, eine Bürgerversicherung eingeführt, soziale Berufe mehr geachtet, Unternehmen und Banken stärker in Haftung genommen und die Kommunen entlastet werden. Nur eine Forderung in den Top Ten berge Sprengstoff, sagt Steinbrück. Der Bund, nicht mehr die Länder, soll künftig für die Bildung verantwortlich sein.