Razzien bei StiftungenSteinbrück irritiert mit Russland-Äußerungen

Die Grünen bezeichnen Steinbrücks Äußerungen zu Russland als beschämend. Der SPD-Kanzlerkandidat hatte sich für zurückhaltende Kritik an dem Land ausgesprochen.

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück

Der grüne Europaabgeordnete Werner Schulz hat  Peer Steinbrück für dessen beschwichtigende Wortwahl gegenüber Russland in einem ZEIT-ONLINE-Interview kritisiert. Schulz, der im Europaparlament stellvertretender Vorsitzender des Kooperationsausschusses EU-Russland ist, warf Steinbrück einen "für die ganze SPD beschämenden Schmusekurs" gegenüber der Putin-Regierung vor.

"Diese Beschwichtigungspolitik gegenüber Putins Russland prägt die SPD seit Gerhard Schröders Kanzlerschaft", sagte Schulz der Leipziger Volkszeitung. Der "sonst doch immer knallhart argumentierende Steinbrück hat mit seinem Appell zur leisen Kritik an Putins Razzien zielsicher einen neuen Fettnapf gesucht und betreten."

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Steinbrück hatte im Interview dafür plädiert, einzugestehen, dass "die westlichen Maßstäbe pluraler Demokratie nicht unmittelbar auf Russland übertragbar sind". Auf Menschenrechtsverletzungen sei daher "in bilateralen Gesprächen und nicht auf dem Marktplatz" hinzuweisen. Allerdings war das am Dienstag veröffentlichte Interview bereits am Freitag, und damit vor dem Razzien-Skandal, geführt worden. 

Darauf wies auch Steinbrücks Pressesprecher Michael Donnermeyer hin. Der Leipziger Volkszeitung sagte er, Steinbrück habe das kritisierte Interview bereits am vergangenen Freitag gegeben und sich allgemein zum Umgang mit Russland geäußert. Die Durchsuchungen der Büros in Russland seien zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt gewesen.

Mindestens vier weitere Organisationen Ziel von Razzien

Russland setzte die Razzien bei Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen trotz internationaler Kritik fort. Behörden durchsuchten am Mittwoch Büroräume von Human Rights Watch und drei weiteren Menschenrechtsgruppen. Die Razzien seien Teil einer nie dagewesenen Welle von Durchsuchungen von Nicht-Regierungsorganisationen in ganz Russland, sagte Rachel Denber, stellvertretende Direktorin des Bereichs Europa und Zentralasien bei Human Rights Watch am Hauptsitz in New York.

Auch deutsche Stiftungen sind betroffen, was die Beziehungen zwischen beiden Ländern zunehmend belastet. So hatte die Staatsanwaltschaft zuletzt auch Computer der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftungen beschlagnahmt. Am Montag war bereits in Moskau das Büro von Amnesty International durchsucht worden.

Putin verteidigt Durchsuchungen

Der russische Präsident Wladimir Putin hat das Vorgehen gegen ausländische Stiftungen als Maßnahme zur Spionageabwehr verteidigt. Seine Gegner betrachten die Razzien dagegen als Schikanen zur Einschüchterung von Kritikern. "Erst einmal ist es der Versuch, Angst einzujagen", sagte Denber von Human Rights Watch. Auf längere Sicht sollten Menschenrechte diskreditiert werden. Auch die Flüchtlingsorganisation von Swetlana Gannuschkina war Ziel einer Razzia. "Ich bin ein Mitglied der Regierungskommission für Migrationspolitik", sagte die in Russland sehr bekannte Aktivistin. "Wir arbeiten nicht gegen unsere Regierung. Ich fürchte aber, dass unsere Regierung gegen unser Volk arbeitet."

Die Bundesregierung äußerte sich besorgt über das Vorgehen der russischen Behörden und warnte vor einer Beschädigung des deutsch-russischen Verhältnisses. Die deutschen Stiftungen und ihre Partner in der Zivilgesellschaft hätten ganz erheblichen Anteil an der Entwicklung der beiderseitigen Beziehungen, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. "Maßnahmen, die ihre wichtige Arbeit beeinträchtigen oder gar kriminalisieren, fügen unseren Beziehungen Schaden zu."

Außenminister Guido Westerwelle besprach mit Vertretern aller sechs deutschen politischen Stiftungen, die in Russland arbeiten, die Lage. Wegen der Razzien bei deutschen Stiftungen in Moskau und St. Petersburg hatte Westerwelle bereits am Dienstag den russischen Gesandten in Berlin ins Auswärtige Amt laden lassen.

 
Leser-Kommentare
  1. Bei mir oder bei Ihnen. Weiß ich noch nicht. Aber der Reihe nach. Achtung. Es folgt ein schrecklich langer Satz. Es ist also so, dass Sie jetzt den Eindruck gewinnen, die Zeit betreibe unseriösen Journalismus, weil unser Freund Peer Steinbrück - das ist derjenige der italienische Politiker schon mal gern als Clowns beschimpft, die Hauptstadt von Burkina Fasu als Scherzartikel verwendet und die Kavellerie in die Schweiz reiten lassen will, weil also dieser selbsternannte "Klartextpolitiker" vor einer Woche noch gar nicht wissen konnte, dass der Geldgeber seines Freundes Schröder in Russland einen lupenreinen Unrechtsstaat aufgebaut hat? Donnerwetter Herr Potjomkin.

    2 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Skandaljournalismus"
    • JM92
    • 28.03.2013 um 12:39 Uhr

    Ich bin erst kürzlich von SpiegelOnline zu ZeitOnline als meine Hauptanlaufstelle für aktuelle Informationen und interessante Artikel gewechselt. dies geschah in erster Linie aus Abscheu der Art gegenüber, wie dort in der Sache richtige Kommentare von Herrn Steinbrück (und auch anderen, wie Herrn Brüderle) aus dem Kontext gerissen und verzerrt, mit teilweise reißerischen Überschriften versehen und dann publiziert werden.

    Nun bin ich hier bei ZeitOnline mit seinem angeblich höhreren Qualitätsstandart und erlebe genau das selbe wieder. Vor dem Hintergrund der derzeitigen Ereignisse in Russland wird hier meinungsmache auf sehr niedrigen journalistischen aber auch menschlichen Niveau betrieben. Herrn Steinbrücks Aussagen sind vor diesen Ereignissen getroffen worden, das muss kenntlich gemacht und angemessen gewichtet werden.

    In meinen Augen ist das was sie hier treiben ansonsten Rumpeljournalismus und wenn ich den will wechsle ich zu Springer

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  2. Westliche Maßstäbe an Demokratie können also nicht auf Russland angewendet werden? Dann hätte ich in meiner Unwissenheit zunächst einmal gerne die russischen Maßstäbe gehört, um mir ein Bild machen zu können, ob das für mich noch in das Bild der Demokratie passt.

    Für eine Demokratie ist es natürlich lebsnwichtig, dass die Wähler wahrheitsgemäß Sachinformationen und Argumente der Parteien für deren politischen Ziele erfahren. Sind da Bildungsträger der CDU und der SPD in die innerrussische Bildung von politischen Meinungen verstrickt? Wird deswegen bei deren Behinderung direkt von einer undemokratischen Politik Putins gesprochen?

    Ich höre udn staune. Könnten Sie noch berichten, für welche Politik die deutschen Stiftungen (uneigennützig?) in Russland eintreten?

    • TDU
    • 28.03.2013 um 13:02 Uhr

    Genau. Ich fand zwar Steinbrücks Aussage richtig. Aber ich wollte schon immer mal den Winter da erleben und erfolgreich zurück, würde mir doch die Bewunderung des großen Napoleon einbringen. Auf den Anderen lege ich keinen Wert. Das ist aber der letzte Kommentar zu Ihrem, mit Verlaub, idotischen Verweis auf eine frühere verbrecherische Unternehmung.

  3. sind mitlerweile die medien, auch hier vor allem die komentare auf dieser seite, und die politischen gegner. Ich bin nicht unbedingt ein fan von Peer Steinbrück, aber man sollte ihn fair behandeln. Das tut man hicht. man widerspricht sich in argumentationen and kritiken über ihn, hauptsache draufschlagen. Je nachdem wie es einem in den medialen kram passt. Das verdrehen oder verkürzte wiedergeben von interviews ist mitlerweile standard geworden, nicht nur in der boulevardpresse. Leider, wie gesagt, auch hier.

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  4. "Steinbrück hatte im Interview dafür plädiert, einzugestehen, dass "die westlichen Maßstäbe pluraler Demokratie nicht unmittelbar auf Russland übertragbar sind"."

    Ist doch auch so! Ich habe viele russische Freunde, einige davon in Russland lebend. Wenn ich ihnen von deutschen 'Maßstäben' erzähle lachen die sich den Ast ab oder schütteln ungläubig den Kopf.

    Bei dem Gedanken, dass Russland von jemandem wie Westerwelle, Rößler oder Merkel regiert würde, krieg ich selbst nen Lachkrampf;)

    Welche Frage sich mir aber immer wieder aufdrängt, warum man NIE Kritik an der amerikanischen Regierung ausübt, die Verhältnisse dort sind alles andere als ein Vorbild für die Demokratie. Jeden Tag gehts immer nur um Russland... Und überhaupt, immer erst vor der eigenen Tür kehren;)

    • hladik
    • 28.03.2013 um 13:16 Uhr

    Nein, war genauso falsch, undemokratisch und totalitaer.

    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/sam

    Antwort auf "Zeitpunkt"
    • M_P
    • 28.03.2013 um 13:40 Uhr

    langsam wird's verrückt: Ist er undiplomatisch, wird er kritisiert. Ist er diplomatisch, wird er kritisiert...is doch lächerlich...

    Wenn sich Politiker wie der oben erwähnte Grüne mal zu politischen Inhalten so schonungslos, aber trotzdem sachlich fundiert äussern würden, würde ich glatt ein Rad schlagen...

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