SPDSteinbrück und die Russlandträumer

Die SPD und Steinbrück denken noch immer, Russland ändere sich, wenn man es nicht öffentlich kritisiert. Mit Putin funktioniert so ein Deal nicht, kommentiert Jörg Lau.

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück

Ein bisschen ungerecht ist das schon, wenn Peer Steinbrück seine Äußerungen zum Umgang mit Russland jetzt um die Ohren gehauen werden. Denn als er vorigen Freitag ZEIT ONLINE ein Interview gab, konnte er ja nicht wissen, dass am Tage des Erscheinens – am Dienstag – die russische Polizei die Büros deutscher Stiftungen einer Razzia unterziehen würden. Nun steht er wieder einmal blamiert da: Während die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung in Moskau gefilzt wird, rät der Kanzlerkandidat zur Leisetreterei? Russland sei ein "Partner, dessen Interessen wir gut kennen und berücksichtigen sollten", hatte Steinbrück geraten, und hinzugefügt, es sei "einzugestehen, dass unsere westlichen Maßstäbe pluraler Demokratie nicht unmittelbar auf Russland übertragbar sind."

Ob man die Russen also nicht auf Demokratiedefizite und Menschenrechtsverletzungen hinweisen solle? Doch, so Steinbrück, "nicht auf dem Marktplatz. Sonst verspielt man Zugänge, um praktische Fortschritte zu bewirken".

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Diese Sätze stehen nun etwas schräg im Raum. Aber auch ohne die Razzia wären sie problematisch – auch wenn Steinbrück nicht wissen konnte, dass die deutschen Stiftungen am Dienstag zum Opfer einer Einschüchterungsmaßnahme von Putins Behörden werden würden. Die Verteidigungslinie seines Sprechers Michael Donnermeyer, Steinbrück habe sich nicht zu diesem Vorgang, sondern "allgemein zum Umgang mit Russland" geäußert, macht die Sache nicht besser.

Eher noch schlimmer. Denn die Razzien kommen ja nicht aus heiterem Himmel. Das NGO-Gesetz, mit dem nicht nur ausländische, sondern mehr noch einheimische Menschenrechtler eingeschüchtert werden sollen, ist seit dem letzten Sommer in Kraft und wird seit Monaten heftig kritisiert. Putins Regierung fährt einen immer aggressiveren Kurs gegen die liberalen Kräfte der Zivilgesellschaft. Seit Beginn des Jahres ist "homosexuelle Propaganda" landesweit strafbar – worunter bereits das Reden über diese sexuelle Orientierung gehört. Schwule und Lesben werden als Kriminelle gebrandmarkt. Der Blogger Alexei Nawalny, Anführer der Demonstrationen gegen die manipulierten Wahlen, wird pausenlos mit Prozessen überzogen und sieht einer Haftstrafe entgegen. Die Bürgerrechtler von Memorial werden gedrängt, sich als "ausländische Agenten" selbst zu denunzieren. Putin drängt die Opposition mit Stasi-Methoden ins Aus.

Freie Hand für das Regime

Wer dergleichen immer noch "nicht auf dem Marktplatz" kritisieren will, gibt dem antidemokratischen Regime freie Hand. Der Deal, dem Steinbrück immer noch anhängt – wir kritisieren euch nicht öffentlich, wenn ihr eure Gesellschaft weiter öffnet – hat mit Putin nie funktioniert. Es wäre an der Zeit für die SPD, sich das endlich einzugestehen.

Die "Modernisierungspartnerschaft", die der damalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier den Russen 2008 angeboten hatte, war eine gute Idee. Leider wurde sie nicht aufgenommen. Russland hat sich dagegen entschieden. Putin will zwar eine technische Modernisierung, doch die Gesellschaft soll unter der Knute bleiben. Wenn Steinbrück nun sagt, unsere Demokratie sei "nicht unmittelbar" auf Russland übertragbar (wer hätte das auch je behauptet!), macht er sich die Position der Herrschenden in Russland zu eigen. Es geht nicht ums "Übertragen" – es geht um die Unterstützung der Kräfte in Russland, die einen eigenen Weg zur Demokratie suchen.

Die Razzia bei der Ebert-Stiftung ist ein Schlag ins Gesicht für die Partei, die mit Gerhard Schröder einen Politiker in ihren Reihen weiß, der bekanntlich beste "Zugänge" zum Kreml hat. Putin pfeift nun selbst darauf. Vielleicht muss man seinen Schergen geradezu dankbar sein, dass sie mit ihrer demütigenden Aktion den Sozialdemokraten klarmachen, dass ihre Russlandpolitik auf Illusionen beruht.

 
Leser-Kommentare
  1. 33. Irrtum

    Die Menschenrechte wie wir sie kennen werden vom Westen, allen voran von den USA propagiert. Die USA waren es die maßgeblich zur Gründung der UN beigetragen haben. Bei der derzeitigen Weltordnung dominiert der Westen noch immer in hohem Maße. Ich halte diese Menschenrechte auch für gut und verteidigungswürdig! Es ist aber ein gewaltiger Unterschied ob China oder Russland die Menschenrechte mit Füßen treten oder ob das der Westen tut. Der Westen steht für diese Regeln, es sind ja seine eigenen. Von anderen zu fordern sich an Regeln zu halten, die man selbst immer mehr biegt und situativ anpasst ist fast schon lächerlich.
    Zudem kommen haben die Menschenrechte einen Charakter der auf das Individuum ausgerichtet ist. Zumindest in China hat das Kollektive aber nach wie vor einen sehr hohen Stellenwert.

    4 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Tibet"
  2. Es ist doch erstaunlich, wie viele Befürworter der Scheindemokrat Putin in Deutschland hat. Das langjährige Wirken der Freunde aus dem Osten hat doch deutlichere Spuren hinterlassen als gedacht.

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  3. etwa die Dokumentation von realem (und allenthalben von jedermann zu beobachtendem) Gebaren eines Politikers in der Öffentlichkeit, durch die Medien, tatsächlich mit 'Bashing'?

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  4. Mit Druck auf Einzelpersonen erreicht man keine Menschenwürde. Aber in Bezug zu Staaten lehrt die Geschichte, dass kein Druck auszuüpben bedeutet, die Zustände gedeihen zu lassen.

    Wovon reden Sie da eigentlich? Hallo, wir reden hier über Russland. Den größten Flächenstaat der Welt. Eine Weltmacht die gerade zu einem neuen Selbstbewusstsein gekommen ist. Was bitte soll die Russen denn die Kritik eines Politikers interessieren, der vielleicht mal in Regierungsverantwortung kommt?

    Russland baut gerade mit China und den BRICS Staaten eine neue Handelsmacht auf, die Europa als Zwerg erscheinen lässt.

    Putin ist es sowas von wurst, was Politiker mit äussert fragwürdiger politischen Zukunft aus Deutschland zu sagen haben.

    Hier in Europa ist Deutschland vielleicht eine Macht. Aber international ein Wurm. Es ist völlig dämlich, unsere Beziehungen zu Russland mit solch fragwürdigen Presselawinen zu gefährden.

    Zu Info: Das wirtschaftliche Potential liegt im Osten. Die alte Welt verliert Tag für Tag an Macht. Unsere verquerten Vorstellungen von Demokratie und Moral aggressiv anderen aufzudrängen, hilft höchstens uns zu isolieren.

    Wir scheint, wir haben von den Amis einiges gelernt.

    2 Leser-Empfehlungen
  5. Ist ja nicht so,dass ein Kind im kalten Krieg nicht "indoktriniert" wurde (Hr.Lau in Aachen aufgewachsen?) Aber ist schon witzig, wie sich in den letzten Tagen auf Russland "eingeschossen" wird. Man möchte fast unterstellen, hier möchte jemand mit aller Macht etwas "verdrängen" (anbei ich immerwieder festellen kann,dass hierbei "der Deutsche" (nicht alle) auch Weltmeister sein möchte). Kann ja aber auch sein, dass man mit dem künstlichen EURO-Konstrukt,so "unzufrieden" ist, dass man woanderst "Dampf" ablassen muss. Vielleicht empfinden ja viele den "eigenen pol. Saustall" als korrekt, weil es schon immer so war "und man ja sowieso nix machen kann". Aber mal weiter gedacht: Wer hat in Zukunft mehr Potential ? Russland & BRICS oder GERMANY & EU ? (Kleiner Joke: "Schüttelt eure Kissen noch einmal auf und träumt weiter! )

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    • sudek
    • 28.03.2013 um 16:53 Uhr

    Der Zeitpunkt des Interviews lag vor der Aktion Putins!

    Warum weiß das dieser Jörg Lau nicht?

    Und wenn er es weiß, warum schreibt er dann, als wäre es nicht so?

    Kampagne , Kampagne, Kampagne..!!

    4 Leser-Empfehlungen
    • zimra1
    • 28.03.2013 um 16:55 Uhr

    gab es einen Spruch der lautete, wählt man die Roten (SPD) dann
    hat man Russen im Land. Schröder hat mit dem Lupenreinen
    angefangen, der Rest der Rasselbande macht damit weiter.
    Wehner war das Vorbild

    3 Leser-Empfehlungen
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    Indoktrinierung wirkt, soviel ist klar. Wer jahrzehntelange Propaganda konservativer Preseorgane durchgemacht hat, wird weiterhin jede rote Socken Kampagne schlucken.

    Aber diese Generation ist bald Geschichte. Eine neue Generation übernimmt, die den kalten Krieg nur aus dem Geschichtsunterrricht kennt. Eine aufgeklärte, neutrale Generation. Eine Generation die Ausgrenzung und Manipulation erkennt und aussortiert.

    Indoktrinierung wirkt, soviel ist klar. Wer jahrzehntelange Propaganda konservativer Preseorgane durchgemacht hat, wird weiterhin jede rote Socken Kampagne schlucken.

    Aber diese Generation ist bald Geschichte. Eine neue Generation übernimmt, die den kalten Krieg nur aus dem Geschichtsunterrricht kennt. Eine aufgeklärte, neutrale Generation. Eine Generation die Ausgrenzung und Manipulation erkennt und aussortiert.

  6. Indoktrinierung wirkt, soviel ist klar. Wer jahrzehntelange Propaganda konservativer Preseorgane durchgemacht hat, wird weiterhin jede rote Socken Kampagne schlucken.

    Aber diese Generation ist bald Geschichte. Eine neue Generation übernimmt, die den kalten Krieg nur aus dem Geschichtsunterrricht kennt. Eine aufgeklärte, neutrale Generation. Eine Generation die Ausgrenzung und Manipulation erkennt und aussortiert.

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