ZEIT ONLINE: Herr Troost, laut Umfragen hat sich der Wähleranteil der Linken seit 2009 fast halbiert. Warum schafft es die Linke nicht, von der Finanzkrise zu profitieren?

Axel Troost: 2009 waren die Rahmenbedingungen ganz andere. Da wurden wir von vielen noch als einzige Oppositionskraft gegenüber der Großen Koalition gesehen. Das ist jetzt anders mit einer SPD, die zumindest im Wahlkampf links blinkt.

ZEIT ONLINE: Der Machtkampf zwischen Oskar Lafontaine und Dietmar Bartsch sowie die Spaltung der Ost- und Westverbände dürften ebenfalls nicht geholfen haben.

Troost: Wir hatten eine Führung, die nicht so glücklich agiert hat und auch nicht richtig akzeptiert wurde. Seit dem Parteitag in Göttingen im Juni 2012 haben der Ost- und der Westteil der Partei aber trotz Unterschiedlichkeiten wieder gelernt, vernünftig gemeinsam Politik zu machen.

ZEIT ONLINE: Kapitalismuskritik ist wieder in geworden. Warum hilft das der Linken nicht? Lafontaine erzählt doch immer wieder, er habe die Krise kommen sehen. Sie selbst führen seit über 30 Jahren eine Arbeitsgruppe namens Alternative Wirtschaftspolitik.

Troost: In Deutschland gibt es die Tradition, dass die Menschen sich in Krisenzeiten eher an Bewährtem festhalten, als sich nach links zu orientieren. Es ist ja auch nicht so, dass die SPD im Zuge der Krise zugelegt hätte und nur die Linke nicht profitiert. Die gesamte soziale Bewegung, dazu zähle ich die Gewerkschaften, Attac oder die Friedensbewegung, hat bei Weitem nicht mehr die Stärke wie 2009. Da können wir als Partei nicht so agieren, wie wir es gerne wollen.

ZEIT ONLINE: Geht es den Deutschen nicht vielleicht einfach zu gut, um sich für linke Politik einzusetzen?

Troost: Das glaube ich nicht. Man sieht aber natürlich in Südeuropa, auch in starken Wirtschaftsnationen wie Frankreich oder Italien, dass die Anderen noch wesentlich schlechter dastehen. Dadurch ist die Genügsamkeit hierzulande etwas größer. Auf der anderen Seite glaube ich, dass viele Arbeitnehmer enorm unter Druck stehen, weil sie ständig um ihren Arbeitsplatz fürchten müssen.

ZEIT ONLINE: Sie haben 1982 zum Thema Staatsverschuldung und Kreditinstitute promoviert. Haben Sie damals schon geahnt, dass eine Schuldenkrise Europa treffen könnte?

Troost: Nein, mein Ausgangspunkt war, zu zeigen, dass Banken die Profiteure der Staatsverschuldung sind.

ZEIT ONLINE: Sind sie das denn?

Troost: Nein, ich konnte das nicht nachweisen. Die Profite, die auf diesem Weg zu erzielen sind, sind unterdurchschnittlich. Da ich mich aber mittlerweile mein halbes Leben mit dem Thema beschäftigt habe, weiß ich, dass wir in keinem europäischen Land, mit Ausnahme vielleicht von Griechenland, eine Staatsschuldenkrise haben. Was wir erleben, ist eine Staatsfinanzierungskrise.